Weblog von P.M.

Lakima! – den Zipfel bewohnen

Der nachfolgende Text dient als Anregung zur Diskussion. Rückmeldungen dazu nehmen wir gerne per Mail entgegen.

Damit endlich Ruhe ist

 
 
 

Das ist die Lakima Flagge, die mit dem goldenen Commons-Band, das uns alle verbindet. Ein sattes Bordeau-Rot wird durch Olivgrün ergänzt.

Der westasiatischeZipfel, den wir bewohnen, hat nicht mehr Probleme als der Rest derWelt. Selbst in Griechenland lebt es sich noch weit besser als inMarokko oder gar Madagaskar. Wir sind auf diesem Zipfel ca. 800Millionen Menschen, weniger als in Indien oder China. Würden wirunsere Einkommen auch nur einigermassen egalitär verteilen, dannginge es allen recht gut. Das durchschnittliche Prokopfeinkommenbetrüge ca. 25'000 $, weit über dem Weltdurchschnitt, derbei 12'000 $ liegt.Allerdings macht die Abgrenzung dieser Weltregion etwas Mühe: gehörtnun der ganze Mittelmeerraum, samt allen nordafrikanischen undwestasiatischen Staaten (Türkei, Levante) dazu? Reicht Europa, zudem Russland zweifelsfrei gehört, dank der russischen Föderationbis zu den Kurilen? Und was ist mit Grönland? Wenn Martinique zuEuropa gehört (samt Euro), warum dann nicht auch Kuba oderKolumbien? Nun, der gleiche Diskurs kann für die ganze Welt gemachtwerden: wie können wir mit 12’000$ Einkommen überleben? Das einewie das andere ist zu schaffen, wenn wir unser Leben anderseinrichten. Es muss zu schaffen sein.

Doch nehmen wir einmaldas 800-Millionen-Europa (also inklusive Russland und Osteuropa). Sollen wir ihm beitreten? Wollen wir ohne Pass bis Kamtschatkareisen können? Oder sollen wir vorerst nur der EU beitreten,sozusagen als erster, kleiner Schritt? Das BIP der Schweiz liegt bei46’000$, das der EU bei 32’000$. Schlimmstenfalls könnten wiralso auf 32’000$ absacken, wenn wir uns solidarisch verhalten. EinWohlstandsverlust von einem Drittel? Ist das ein Problem? Wohl kaum.Auch in der Schweiz leben viele Menschen mit weniger. Dafür hättenwir die Chance mit Menschen in Rumänien, Portugal oder Bulgarien zuteilen und Europa etwas gleicher und netter zu machen.

Europa ist zerrissendurch extreme Einkommensunterschiede, durch extrem unterschiedlichentwickelte Infrastrukturen, unterschiedlich solide Institutionen.Das Kapital – materiell, immateriell, kulturell, sozial – istunterschiedlich verteilt, was natürlich Wanderbewegungen dorthin, woes mehr davon hat, auslöst. Die Menschen kommen nicht in dieSchweiz, weil sie das Land und die Leute lieben, sondern, weil eshier Jobs hat. Und Jobs hat es hier, weil Kapital aus der ganzen Welthierher fliesst. Wenn wir unsere Jobs nach Europa exportieren (dasheisst Kapital), dann gehen die Menschen dorthin. Oder noch besser:wenn es überall weniger Jobs braucht, dann können die Menschen dortbleiben, wo sie sind. Bald müssen wir sowieso froh sein, wenn esnoch für eine 20-Stundenwoche reicht. Es gibt schlicht nichts mehrzu tun. Wachstum können wir vergessen. It’s the economy, stupid.Weniger economy = weniger Ärger.

Es ist nicht mehrmöglich Frieden und Wohlergehen in ganz Europa auf der Grundlage derbisherigen Wirtschaftsweise herzustellen. Ein bisschen Herumschiebenvon Geld und Deficit Spending bringt es nicht mehr. Sparen ist fürdie einen eine Zumutung, lohnt sich für die andern nicht, weil keineZinsen mehr bezahlt werden. Austerität und künstlicheKonsumankurbelung führen gleichermassen in den Abgrund. Merkel undTsipras funktionieren beide nicht. Hollande hat es bei seinerKandidatur gesagt: ihr könnt mich wählen, aber es wird nichtsnützen: Die Finanzwelt macht jede Politik wirkungslos. Er hat Wortgehalten. Und alle lieben ihn.

Die EU bemüht sichnicht wirklich Ressourcen gerechter zu verteilen. Die viel gerühmtenRettungsschirme halfen vor allem den Banken der reichen Länder, diesich im Süden verspekuliert hatten. Man sagt daher, die EU sei einneoliberales Projekt. Na und? Die ganze Welt ist momentan einneoliberales Projekt. Sollen wir deshalb aus der Welt austreten? Undder Mond? Der ist auch ein neoliberales Projekt. Sieht man ihm auchan: voller Narben und Krater! Es wäre schön, Europa wäre keinneoliberales, sondern ein ökologisches, soziales, demokratischesProjekt. Können wir dazu beitragen, indem wir nichtmitmachen? Kaum. Europa braucht uns. Man liebt uns sogar in denmeisten europäischen Ländern, völlig unverdienterweise, bis jetztjedenfalls. Nicht mehr lange, wenn wir so weitermachen.

Beitreten? Aber subito!

Wenn die Schweiz Europabeitritt, dann freuen sich viele Menschen in Europa. Es würde einemsozialeren, regionaleren, herzlicherem Europa neuen Schub verleihen.Die Briten würden sich vom neuen schweizerischen Geist in Europaanstecken lassen und wieder aktiver mitmachen. Na, wenn die Schweizmitmacht, dann können wir ja nicht zurückstehen! Man würde nichtmehr auf Le Pen, Wilders, die AfD und ähnliche finstere Gestaltenund Gruppierungen hören, sondern auf die Schweizer Kommissarin inBrüssel. Mann, diese SchweizerIn, die bringt uns schön auf Trab!Dazu kommt noch, dass die CH-Kommissarin eine tamilische Seconda ist(wie ja auch der halbe Bundesrat ab 2017 aus Secondas besteht). Willsich jemand mit Anbarasi anlegen? Nie.

Die Frage ist: was hatdie Schweiz von einem EU-Beitritt? Nichts. Aber wir sind eigentlichunwichtig. Nur 1%. Wir freuen uns einfach mit allen andern 792Millionen Menschen, dass es uns gut geht. Was wollen wir mehr? Wirhaben genug zu essen, zu trinken, wir haben viele Freunde, tragenSecondhand-Klamotten und organisieren Gratiszüge bis nachWladiwostok. Autos können und wollen wir uns schon lange nicht mehrleisten. Wohnraum hat’s genug, weil ja die Weltbevölkerung langsamschrumpft. Die Zuwanderung aus andern Kontinenten wird – abgesehenvon Besuchen – leider abnehmen, weil die sich dort ebensovernünftig wie im guten alten Europa einrichten werden. Alsoschrumpfen wir fröhlich dahin. Man braucht nicht viele zu sein um eslustig zu haben.

Unsere Bedingungen: hart, aber fair

Selbstverständlichstellt die Schweiz zusammen mit ihrem Beitrittsgesuch einige harte,aber vernünftige Bedingungen:

Lakima: Zuersteinmal verlangt die Schweiz, dass das Gebilde, das weder mythologischEuropa (=Kreta!), noch ein Kontinent, noch eine Union, noch eineKonföderation ist, sondern etwas eigenes, das unten definiert werdenwird, umbenannt wird. Wir schlagen Lakima vor. Einfach so. Der EUbeitreten? Na. - Lakima beitreten? Aber sofort!

1000 Watt:Lakima muss ökologisch weltverträglich werden. Das heisst, wirmüssen mit 1000 Watt Energieumsatz auskommen und auch sonst vielweniger Ressourcen verbrauchen. Das erreichen wir nur mit einem neuenlakimischen Lebensstil, der mit folgenden Eckwerten illustriertwerden kann:

  • 20m2 Privatwohnraum (Minergie, beheizt)
  • kein Auto
  • keine Flugreisen
  • 9 Personenkilometer/Tag Bahnfahrten (heute: 6,; 2291/Jahr)
  • Europareise von 2000 km (Bahn)
  • Schiffsreise von 12’000km (neue High-Tech Hybrid Segelschiffe)
  • 18 kg Fleisch pro Kopf und Jahr
  • 70 Liter Wasser pro Tag
  • 1 Zeitung pro 10 Bewohner

Wenn wir so leben, dann dürfte es sogar schwierig werden pro Jahr 25'000 $ Einkommen nur schon auszugeben. Vielleicht braucht es dann Kontingente um die Massenauswanderung ins boomende Afrika zustoppen.

Werschon The Power of Neighborhood and theCommons (Autonomedia Books, 2014) kennt, kann allesüberspringen bis zu den Regeln (S.4).

160’000 Nachbarschaften

Mit den heutigenEinzelhaushalten ist eine 1000 Watt-Gesellschaft kaum aufvergnügliche Art zu erreichen. Wenn die Konsumgesellschaft zu Endegeht, müssen wir uns anders organisieren. Darum brauchen wir neueHaushalte für je 500 Lakimi, urbane Lebenserhaltungseinheiten,möglichst kompakt gebaut, mit 4-Stern Komfort. Alle 160'000Lakima-Nachbarschaften sind mit je um die 80 ha Land in der Region(siehe unten) verbunden, das sie direkt ernährt. Austausch innerhalbvon Lakima ist natürlich erlaubt. Intern wird eine komfortableInfrastruktur geteilt. Nachbarschaften sind demokratischstrukturiert, wie Genossenschaften. Lakima fördert den Aufbau dieserNachbarschaften mit einem Programm von 8 Billionen $ (bzw.Lakas, die neue Währung), also 5 Millionen pro Nachbarschaft. Dasist der erste Commons-Kreis.

40'000 Quartiere

Je 20'000 Menschen(10'000 bis 40'000), bzw. 40 Nachbarschaften bilden eineBasisgemeinde, die für öffentliche Dienstleistungen zuständig ist:Schulen, Energie, Wasser, Strassen, Verkehrsmittel, Spitäler,Kultur, zusätzliche Lebensmittel (Fair Trade). Diese Quartiere oderkleinen Landstädte sind wiederum demokratisch organisiert undverwalten ihre gemeinsamen Ressourcen als einen Commons. Zum Aufbaudieser Quartierzentren gibt es wieder ein Programm: 20 Millionen fürjedes, macht 800 Milliarden Lakas (La).

400 Regionen

Je zwei MillionenMenschen bilden eine Region, mit einer grossen Stadt als Zentrum(Berlin, Birmingham, Donezk, Lyon, Zürich), die, als Ergänzung zuNachbarschaften und Quartieren, weitere öffentlicheDienstleistungen organisiert: Hochschulen, Konservatorien,Spitzenspitäler, Opern, öffentliche Verkehrsmittel, Thermen,Gerichte, Banken, Spitzenrestaurants, Hafenkräne. Innerhalb derRegionen werden die meisten landwirtschaftlichen Betriebe derNachbarschaften Platz finden. Die Regionen kümmern sich um Commonswie: Seen, Flüsse, Meeresküsten, Wälder, Steppen.

80 Territorien

Je um die 10 MillionenLakimi auf um die 50'000 km2 Land bilden ein Territorium.Davon gibt es ca. 80, von der Grösse des heutigen Dänemark,Belgiens, Estlands, der Provence. Diese Territorien sind nichtethnisch bestimmt, sondern eher pragmatisch durch die verkehrsmässigeErschliessung. Die alten Namen können natürlich weiter verwendetwerden, aber offiziell gelten nur noch Nummern: Island ist Lakima 1,Kamtschatka Lakima 79. Die Territorien bilden ökologische undökonomische Einheiten, die 90% des Lebensnotwendigen in möglichstgeschlossenen Kreisen produzieren. In allen Territorien (wie auch inRegionen und Quartieren) gibt es direkte Demokratie, dazu Parlamenteund eine ordentliche Verwaltung.

Lakima

80 Territorien bildeneinen kooperativen Verband für verschiedene grössere Commons in denBereichen Rohstoffe, Energie, Industrien, Eisenbahnen, Forschung,Kanäle usw. Jedes Territorium entsendet 2 VertreterInnen in dasLakima-Parlament. Sie werden durch ein Lossystem bestimmt. «Schau,Lina, Du bist Abgeordnete!» ruft Karol aus, als er in der Post dengrün/rot/goldenen Brief der Lakima-Wahlkommission entdeckt. «ZumGlück ist es nur für drei Jahre,» seufzt sie. «Na ja, Krakauist ja nicht weit weg,» meint er.

Lakima organisiertnatürlich auch alle Institutionen, die für die Rechtssicherheit undden öffentlichen Frieden nötig sind.

Regeln

Das zur Strukturierung.Daneben verlangt die Schweiz noch ein paar Regeln:

  • alle Lakimi haben gleiche Rechte
  • alle wichtigen Produktionsmittel werden von den passenden Commons-Institutionen zum allgemeinen Nutzen verwaltet (das Commons-Prinzip)
  • alle Lakimi haben ein Anrecht auf eine Berufsausbildung inkl. gymnasiale Allgemeinbildung (da lernen sie dann die 10 Lakimi-Sätze)
  • es herrscht die 20-Stundenwoche für bezahlte, professionelle Arbeit
  • weitere 20 Stunden werden unbezahlt für Haus-, Land- und Sozialarbeit geleistet
  • Lebensunterhalt und medizinische Versorgung werden abgestuft von Nachbarschaften bis zu Territorien für alle garantiert

Das wären in grobenZügen die Beitrittsbedingungen der Schweiz. Sie sind logisch undnotwendig zugleich. Niemand kann etwas dagegen haben. Alle habendarauf gewartet, dass wir damit kommen.

Aber was, wenn sienicht erfüllt werden? Dann treten wir erst recht bei. Es würdenämlich einigen gerade so passen, dass wir draussen bleiben. Vorallem die Deutschen wollen uns wahrscheinlich nicht mehr, wenn sieunsere Bedingungen lesen (S’Blechle! S’Häusle! Adee!). DieFranzosen suchen konsterniert nach Spuren ihrer Grande Nation. NurPutin kann zufrieden sein: er bekommt endlich jene Regionalisierung,die er momentan andern empfiehlt: L 64 bis L 80. Ideal wäre esnatürlich, wenn Russland und die Schweiz Lakima am gleichen Tag –dem 8.6.2015 – beitreten würden. Dann feiern wir 200 Jahrebewilligte Schweiz.

Traurig ist allerdings,dass die Schweiz selbst diese Beitrittsregeln in ihrem eigenen Landnoch nicht einhält. Da muss man sich natürlich überlegen, ob manda austreten und Lakima direkt einzeln beitreten will.

Hans E. Widmer (@L 45)

September 2014

Für Details:

20 Billionen BSP geteilt durch 800 Millionen Menschen, also 25'000 $, was ziemlich genau das BSP von Griechenland ist.

Putin hat der EU übrigens einmal ein solches Europa vorgeschlagen, blitzte aber ab.

Das meinen auch: Löpfe, Vontobel, Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt, 2014

Damit sich die Lakimi besser verstehen, verlangt die Schweiz (neu: Lakima 45), dass eine künstliche Lakima-Sprache, eben Lakimi, entwickelt wird. Sie soll aus nicht mehr als 10 Sätzen, sowie Ja und Nein, bestehen.

Ich nehme hier die Zahlen für das ganze Lakima, für die EU allein muss man es halbieren.

Gewisse Leute nennen das «Regionen» und richten damit ein heilloses Durcheinander an.

Krakau ist das politische Zentrum von Lakima. Schön in der Mitte, mit hübscher Altstadt.

Nach dem Wiener Kongress von 1815. Russland gehörte zu den Grossmächten, die die Schweiz bewilligt haben, unter der Bedingung, dass sie neutral bleibt. Für die Schweiz setzten sich insbesondere der Brite Stratford Canning und Ioannes Antonios Kapodistrias als Vertreter des Zaren ein. Die beiden Letzteren hatten schon 1813-14 als Gesandte in der Schweiz mit diplomatischem Druck für das Zustandekommen des Bundesvertrags gesorgt (d.h. man musste uns zwingen uns darauf zu einigen, weil die Schweizer völlig zerstritten und handlungsunfähig waren). Am 8.6.1815 fand die Neuformatierung der Schweiz als Art. 74-85 und 91-92 in die Wiener Kongressakte Eingang. Neutralität ist nach dem Beitritt zu Lakima nicht mehr nötig, weil sozusagen alle Territorien sich selbst und der Schweiz beitreten und daher hyperneutral werden. Nächstes Jahr gibt es landesweite Feiern, bei denen Art.74-85 und 91-92 auf allen Plätzen verlesen werden. Lang leben Canning und Kapodistrias! Die Gründer der Schweiz.

P.M.: Die Grand Hotel Verschwörung von 2014

Der folgende Text unterstreicht einen Aspekt, bzw, eine mögliche Form von ökologischer Nachbarschaft. Im «Das Magazin» vom 6. September 2014 erschien eine stark gekürzte Version auf Seite 46; hier ist die vollständige.

Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie wir in den zehner Jahren lebten. Wir plagten uns zum Beispiel vierzig Stunden pro Woche ab, um all den Krempel kaufen zu können, den wir dann periodisch wieder fortschmissen (entsorgen mussten – wozu sich diese Sorgen zuerst überhaupt schaffen?). Wir pendelten per Auto zwischen sinnlosen Jobs und öden Wohnquartieren hin und her, obwohl es wissenschaftlich belegt war, dass Pendeln der grösste Unglücksfaktor in einer westlichen Gesellschaft war, noch vor Zahnweh oder dem Tod selbst (Sterben macht übrigens nicht unglücklich).1 Wir leisteten uns Dinge, die wir nicht brauchten, oder die wir uneffizient nutzten. Wir hatten unsere private Wohnfläche von 30m2 in den achtziger Jahren auf 50m2 erweitert, nur um uns dann auf dem Sofa zu langweilen. Klar, wir brauchten ein Rückzugsgebiet, eine private Wellnesszone, weil die öden Jobs uns so ausgelaugt hatten. Und wir brauchten die Jobs um die Mieten bezahlen zu können.

Die Job/Auto/Wohnungsfront war allerdings schon in den neunziger Jahren am Abbröckeln. In Zürich hatte 2014 die Mehrheit schon kein Auto mehr, und die Wohnflächen begannen zu schrumpfen, Teilzeitarbeit nahm zu. Die Absetzbewegung war im Gang. Wir merkten, dass wir ausser einer guten Matratze, einer Dusche, ein paar Kleidern und gesundem Essen gar nicht so viele Dinge brauchten. Shopping wurde zur Qual. Mode zur Folter. Das Wort «neu» zu einer Schreckensbotschaft.

Die Zeiten, als wir grosse Wohnungen brauchten, die wir als Beutemuseen unserer Shoppingfeldzüge einrichteten, waren vorbei. Wir gaben unser Geld lieber für Reisen, Computer, gutes Essen und Kultur aus als für Mieten, Möbel und Klamotten. Das Auto passte nicht mehr zum neuen urbanen Lebensstil. Das GA und eine Mobility-Karte taten es auch.

Es ist schon lange bekannt, dass der Rolls Royce das billigste Auto, ein Montblanc-Füllfederhalter das billigste Schreibzeug, der vom Schreiner im Quartier hergestellte massive Holztisch der billigste Tisch, die rahmengenähten schwarzen Schuhe (400 Franken das Paar) die billigsten Schuhe und das massgeschneiderte Hemd das billigste Hemd ist. Ein Rolls Royce hält sozusagen ewig, die rahmengenähten Schuhe 20 Jahre, das Hemd 30 Jahre. Die Moden gehen an diesen Objekten unbemerkt vorbei. Die geplante Obsoleszenz plagte vor allem die Armen, die die Anfangsinvestitionen für haltbare Dinge nicht aufbringen konnten und daher in die Konsumfalle liefen. Sie kauften 20 Schuhe für 50 Franken und gaben damit 1000 statt nur 400 Franken aus. Und es sah erst noch stillos aus. Wir machen das heute anders.

Da gibt es zum Beispiel (für Männer und Frauen) das klassische englische Tweed-Jackett für 500 Franken, das leicht 30 Jahre hält. Somit gibt man 17 Franken pro Jahr für Oberbekleidung aus. Klar sieht das Jackett im Jahr 29 ziemlich schäbig aus, aber das ist ja gerade der Trick: es ist heute in schäbige, aber teure Kleider zu tragen. Die Engländer machen daraus seit langem einen eigentlichen Kult: je älter etwas ist, umso wertvoller. Das gilt bei Möbeln, Teppichen, Mänteln, Schuhen, Häusern. Es wird nicht gleich renoviert, sondern nur notdürftig so geflickt, dass man sehen kann, dass es nur notdürftig geflickt wurde. Die Engländer fühlen sich wohl in ihren alten, geflickten Sachen. Es gilt als stilvoll in einem Haus (oder Hotel) zu wohnen, wo der Verputz abblättert, und das WC nicht funktioniert. Heisses Wasser gibt es nur sporadisch, die Heizung sorgt dafür, dass man im Winter das alte Tweed-Jackett oder einen uralten Shetlandpulli auch im Haus anbehält. Der 400 Franken teure Single Malt bietet dafür Trost. Alle Möbel stammen aus dem vorletzten Jahrhundert – falls man sie nicht geerbt hat, kauft man sie für Unsummen beim Antiquitätenhändler (dafür haben sie dann wieder Geld). Auf Urgrossvaters altem Pult steht der altbewährte UncleSteve-Computer. In einer Schublade findet man noch seinen Rechenschieber aus Teakholz. (Es ist übrigens in, mit einem alten Rechenschieber umgehen zu können.) Latein – eine stark abgenützte, unpraktische Sprache – ist auch wieder in, darum heisst es ja heute manufactum und nicht hand made. (hand made hiess de facto: in Bangladesch oder Vietnam zu Tiefstlöhnen hergestellt.) Neue Sprachen zu benützen (z.B. deutsch oder englisch) belastet die Umwelt. Schreibt man e-Mails auf Latein, spart man bald Gebühren und Energie. Das neue Handy (manuale) kann man sich dann schenken.

Was sind Holzmöbel? CO2-Senken! Wenn die Wälder wachsen, und das Holz weder verrottet noch verbrannt wird, dann wird CO2 gebunden und der Treibhauseffekt reduziert. Das gilt natürlich auch für die erwähnten Rechenschieber.

Es war ganz leicht das Abfallproblem zu lösen. Wir brauchten nur weniger Krempel zu kaufen, dafür haltbare Sachen. Als wir dann noch diese Sachen unter uns austauschten oder sie uns ausliehen, brauchten wir praktisch gar nichts mehr zu kaufen. Zum Glück leben wir nur 80 Jahre, und viele Dinge halten länger: es gibt viel zu vererben oder zu verschenken. Auch die manufactum-Bürolampe oder den Eames-Sessel kann man schliesslich nicht in die ewigen Shoppinggründe mitnehmen. Im Sarg (eine weitere CO2-Senke!) liegt sich’s bequem genug. Und falls es ein Leben nach dem Tod gibt, gibt es dort auch manufactum-Bürolampen. (Petrus muss ja die Namenslisten auf seinem Pult lesen können.) Wir müssen nur aufhören zu glauben, dass es so etwas wie das «Moderne», das «Neue» oder gar das «Modische» gibt, und schon können wir die meisten Dinge fast ewig gebrauchen. Heute ist alles alt, und das Wort Vintage gibt es gar nicht mehr. Ein Besucher aus dem Jahr 2014 würde wahrscheinlich zuerst meinen, dass es heute nur noch Clochards gibt – aber wenn er genau hinsähe, würde er bemerken, dass wir beste Qualität tragen und das ganz markenfrei.2

Schliesslich entdeckten wir, dass wir gar nicht mehr wohnen mussten. Der ganze Ärger um die Wohnungssuche, das Putzen, das Umziehen, das Möbelkaufen, war gar nicht nötig. Heute wohnen wir überall und nirgends. Kein Mensch hat mehr Möbel. Warum Möbel herumschieben, wenn doch überall schon welche stehen? Die Stadt, die Schweiz, die Welt, sind endlich bewohnbar.

Klar müssen wir irgendwo schlafen, aber das kann man ganz gut in einem Hotel. Selbst zu kochen ist hauptsächlich ein Umweltverbrechen: 30% des Energiebedarfs der Ernährung wurde in unseren Küchen und Lebensmittelsärgen – den Kühlschränken – verursacht.3 (Lebensmittel, das waren übrigens diese lampigen Objekte, die lange herumlagen und dann in den Abfall wanderten bzw. «entsorgt» wurden.). Im Jahr 2014 fanden wir es heraus: Der Mensch ist dazu gemacht in einem Grand Hotel zu leben (eine andere Erfindung der Engländer - man findet sie überall in der Schweiz noch).4 Grand Hotels sind die modernen Nomadenzelte, Basislager oder Unterstände. Endlich sind wir angekommen. Wir sind alle Gäste auf diesem Planeten, die für durchschnittlich 80 Jahre pauschal gebucht haben.

Die Zimmer können von allen benutzt werden und eben nur, wenn man sie wirklich braucht. Es lohnt sich solide Möbel anzuschaffen. Gekocht wird in vernünftigen, grösseren Mengen und daher hocheffizient in der Hotelküche, die Lagerhaltung ist dank professioneller Einrichtung und grosser Mengen abfallfrei. (Grosse Mengen lassen sich leichter planen, weil die Schwankungen statistisch relativ kleiner sind.)

In den Salons, Fumoirs, Bibliotheken, Billiardzimmern, Ball- und Esssälen im Erdgeschoss wird getanzt, geraucht, gelesen, gespielt, getratscht und geschrieben, ohne dass jemand ein Möbel, ein Buch, einen Teller, kaufen müsste. Es gibt sogar betreute Kinderspielräume – etwas abgelegen – so dass auch Eltern bei all dem mitmachen können. Diese gemeinsam nutzbaren Räume sind ökologisch sehr effektiv, pro Person fallen nicht mehr als zwei Quadratmeter an (das macht 1000m2 bei 500 Gästen). Dazu kommen noch 20m2 für das Zimmer, macht 22m2. Früher waren es gegen 50m2: Diese Räume mussten beheizt werden. Sie mussten gebaut und unterhalten werden. Das führte dazu, dass Wohnen einen Viertel unserer Umweltbelastung ausmachte.5 Ein Wahnsinn! Dabei bringt Wohnen nur Kummer und Sorgen. Wohnungen fixieren uns an einem Ort, lähmen unsere Bewegungsfreiheit, generieren viel Arbeit. Umziehen ist ein Krampf. Zieht jemand um von einem Grand Hotel in ein anderes, braucht er nur eine kleine Tasche zu packen. Sie braucht nicht einmal Kleider mitzunehmen, denn jedes Grand Hotel hat eine Ausleihgarderobe, Bettwäsche ist schon da, Schirme gibt’s auch, Zahnbürsten ebenfalls. Sogar Unterwäsche S M L XL (nur in schwarz).

Aber der Ärger mit dem Personal? Hotelzimmer sind teuer – wer kann sich das leisten? 50m2 Wohnraum kosten ca. 10'000 Franken pro Jahr, 28 Franken pro Tag, wenn man Glück hat (für zwei Personen wäre es eine Monatsmiete von 1700.- Franken). Hotelzimmer (20m2) kosten auch nicht mehr – etwa die Hälfte, also 14 Franken pro Tag. Was sie teuer macht, ist der Service. Dieser lässt sich aber unter die Gäste als Ersatz für die eingesparte Hausarbeit aufteilen. Früher leisteten wir etwa 11 Stunden Hausarbeit pro Woche, Männer 6, Frauen 16 Stunden.6 Wenn wir im Grand Hotel 5 Stunden einsetzen, bei 350 arbeitsfähigen Gästen (ganz Alte, Kranke und Kinder ausgenommen), dann haben wir 1750 Stunden pro Woche zur Verfügung, das sind 44 Vollzeitjobs, die wir für Kochen, Waschen und Servieren einsetzen können. (Reinigung und Unterhalt sind ja als Nebenkosten bei den Mietkosten schon inbegriffen.) Wenn wir dazu noch ein paar Profis (sagen wir 6: Köchin, Sommelière, Nanny, Sekretärin, Pianist, Lateinlehrerin)7 einstellen, dann kostet das 360'000 .- (bei einem Monatslohn von ca. 5000.-) pro Jahr, 720 Franken /Bewohner, also 60 Franken mehr pro Monat, 2.- pro Tag, macht 16.-. Nehmen wir dazu noch die Nahrungsmittelkosten, 300.-/Person/Monat, dann bekommen wir für 26 Franken/Tag, 780.-/Monat, Vollpension mit Service. Für eine vierköpfige Familie sind das dann 3120 Franken (Kinder voll gerechnet) auf 80m2, wahrscheinlich aber eher weniger. Familien können ihre Zimmer mit Zwischentüren zu Suiten verbinden. Wenn die Kinder gross sind, werden die Türen geschlossen, und werden die Zimmer wieder frei. Nur 10 -14% der Zürcher Bevölkerung leben in Familien, «Familie» ist also nur eine Phase, die etwa 15 Jahre dauert. Es ist völlig abwegig für diese Phase sog. Familienwohnungen zu bauen. Dann hat man wieder seine Ruhe. (Besuchen kann man sich aber jederzeit, es hat ja in jedem Grand Hotel nur Gästezimmer, wovon 5% immer frei sind.)

Natürlich kommen noch andere Ausgaben dazu: der Hotelbus, der einen zum Bahnhof oder zur nächsten ÖV-Haltestelle bringt, der Unterhalt von Bibliothek, Humidor, Weinkeller, der Ersatz von Wäsche und Geschirr, Reparaturen usw. Dafür spart man aber das Auto (es hat dafür ein paar Leih-Rolls Royces und Motorräder), das sind 667.- /Monat. Kaufen muss man praktisch nichts mehr. Im Haus gibt’s schon viel Kultur, man geht ja jeden Tag aus. Da die 14’000 Grand Hotels der Schweiz (niemand will mehr anders wohnen) eine einzige Kette (Hostalia Magna Helvetica, HMH) bilden, wie früher Macdonald’s oder Ibis, kann man jederzeit in einem andern absteigen, wenn man sich mit allen Gästen zerstritten hat. Wenn man «wandern» will, geht man einfach los, bis die Jacke nass ist und steigt dann in einem andern Grand Hotel ab (jedes hat wie gesagt eine Zimmerreserve von 5%), duscht, und holt sich ein trockenes Jackett aus der Garderobe. Einen Single Malt und eine Cohiba Corona später ist alles wieder im Butter, ganz ohne Mammut und Odlo.

Der Umbau der Schweiz zu den Grands Hotels dauerte nur 5 Jahre und erzeugte die verschiedensten und buntesten Hotel-Formen: Blockrandhotels, Hochhaushotels, diffuse Dorfhotels, mit Zwischenbauten verbundene Agglohotels usw. Einzig aus den Einfamilienhaussiedlungen liess sich nichts Vernünftiges machen: sie wurden vom Zivilschutz abgerissen und wieder in stadtnahes Landwirtschaftsland zurückverwandelt. Ländliche Weiler dienten als Dépendences für die Lebensmittelproduktion der Hotels, meist ergänzt durch einen Gasthof mit Metzgerei, Käserei, Minigolfanlage, mit Zimmern für arbeitende und andere Gäste. Die Alpen wurden (mit Ausnahme der dortigen Grand Hotels) leer geräumt. Tourismus wurde verboten, Herumlaufen in vernünftigen Schuhen und Tweed-Jackets aber erlaubt.

Wir sind nicht nur Gäste, sondern haben irgendwo noch Jobs, zum Beispiel als Pianist in einem andern Grand Hotel; doch viel Arbeit fällt nicht mehr an: gebaut wird nichts mehr, Autos gibt’s kaum mehr (früher hing jeder 7. Job am Auto), es müssen nur noch halb so viel Nahrungsmittel erzeugt werden, Möbel, Kleider, Haushaltkrempel, wird kaum noch neu hergestellt, Zeitungen braucht es einige wenige für das Lesezimmer, Verpackungen fallen keine mehr an, alle Supermärkte und Shoppingcenter konnten schliessen (samt Autobahnzubringern), Ökodesign (haltbar, reparierbar usw.) lohnt sich, Wachstum und Fortschritt entfallen, weil niemand mehr daran glaubt, der Computergebrauch kann auf einen Salon im Erdgeschoss und ein paar Leihhandys, die man an der Réception beziehen kann, beschränkt werden. Man kommt jetzt gut mit 20% der damaligen formellen Arbeit aus, also mit vier Stunden pro Tag, oder eher 1200 Stunden, oder 150 Arbeitstagen, pro Jahr (es ist manchmal sinnvoller und verkehrsmässig effektiver, einen Monat voll zu arbeiten und dann ein Vierteljahr Pause zu machen, statt jeden Tag für vier Stunden irgendwohin zu fahren – aber das hängt von der Art der Arbeit ab). Neben dieser Profiarbeit (als Kampfpilotin, Gehirnchirurgin oder Richterin) fallen allerdings noch vier Stunden Arbeit im erweiterten Haushaltbereich an. Man hat Küchendienst, Waschdienst, man ist im Service. Man darf einander die Betten machen. Da jedes Grand Hotel seine Nahrungsmittel auf einem Hof der Region (das braucht 80ha) selbst produziert und einen Teil der Landarbeit übernimmt, konnte ihr Preis leicht halbiert werden, und die Pensionskosten sanken weiter (von 780.- auf 570.-, also 2280.- für die Familie). Wahrscheinlich wären es um die 2000.-, weil wir die Kinder immer voll gerechnet haben.

Nach dem Schema von Frigga Haug8 (4x4) teilt sich unser Tag im Schnitt in vier Stunden professionelle und bezahlte Arbeit, in vier Stunden Hausarbeit (inkl. Pflege, Landwirtschaft, kleine Heimproduktion wie Backen, Bohnen dörren, Schnaps Brennen), in vier Stunden gesellschaftlich/kommunikative Arbeit (Besprechungen, Politik, Schimpfen, Loben) und in vier Stunden individuelle Betätigung (Gähnen, Rauchen, Trinken, Tanzen) auf. Der Rest ist Schlaf. Geld kommt nur noch aus der professionellen Arbeit (also ca. 1350.- Franken/Monat/Person), wobei allerdings die Ausgaben drastisch geschrumpft sind. Ein Teil der Gesundheitskosten entfällt, weil interne Pflege in den Hotels gut organisiert werden kann. Die meisten Zimmer sind per Lift erreichbar und barrierenfrei, also für Alte und Menschen mit Behinderungen gut geeignet. Es braucht keine Altersheime mehr. Die Gäste oszillieren um den durchschnittlichen demographischen Mix herum.

Da die Hausarbeit auch gegenseitige Leistungen wie Pianostunden, Lateinunterricht, Nackenmassagen, Haareschneiden, Hemdenschneidern usw. umfassen und unentgeltlich sind, sanken die Kosten weiter, wobei der Komfort stieg. Als wir all das ausgerechnet hatten, kamen wir zum Schluss, dass man das ganze Paket, wie früher Pauschalferien, gleich für alle BewohnerInnen ab Geburt als GH-GA gratis machen konnten (Kost/Logis/Transporte/Gesundheit usw.). Den Lohn brauchten wir nur noch für Extras, Reisen ins Ausland (wo sich allerdings das GH-Modell zunehmend durchsetzt), für Geschenke und Schmuck. Wir hatten eine echte Lösung gefunden.

Schliesslich sollten wir nicht vergessen, dass die Grand Hotels eines Quartiers, einer Stadt oder einer Region und auch eines Territoriums kooperieren. (Latein ist logischerweise die Sprache der Confoederatio Helvetica – neutral und nicht ethnisch gebunden. Der Papst spricht es so schlecht, dass er nicht zählt.) Sie haben eigene Betriebe für die Produktion von Bettwäsche, Reinigungsmitteln, Kochmützen, Brauereien, Schreinereien usw. und können so Kosten senken.

Zwanzig bis dreissig Grands Hotels bilden für verschiedenste Funktionen Cluster in Fussdistanz, auch Munizipalgemeinden genannt: dort befindet sich das Grand Hotel de Luxe für besondere Gäste oder besondere Gelegenheiten, das von allen Hotels gemeinsam betrieben wird. Es liegt an einem belebten Platz, wo sich Spezialgeschäfte, Grands Cafés, die Verwaltung, (Latein-)Schulen, Thermen, Polizei (wer klärt den Mord im Fumoir?), Poliklinik, Theatersaal, Schneider, Schuhmacher usw. zusammenballen. Es gibt 600 solche Cluster auf dem ehemaligen schweizerischen Territorium, 450'000 auf der ganzen Welt.9

Die Grands Hotels gelten als guter Kompromiss zwischen unseren nomadischen und sesshaften Instinkten. Die Standards sind – natürlich mit lokalen Anpassungen – überall auf der Welt etwa die gleichen. Nationale und andere Grenzen haben sich weitgehend aufgelöst, wir sind einfach Gäste einer einzigen, globalen Hotelkette, wie früher schon bei Ibis, Sheraton oder Hilton. Es gibt Menschen, die wohnen ihr ganzes Leben lang im gleichen Hotel, andere sind dauernd unterwegs. Ihre Rechte und Pflichten sind die gleichen. Begriffe wie Einwanderung, Auswanderung, Aufenthaltsbewilligung usw. haben ihre Bedeutung verloren. (Erst wenn die Aliens kommen, müssen wir vielleicht wieder umdenken.10)

 

1 Daniel Kahneman, Thinking Fast and Slow, 2011; S. 394; sogar Arbeit macht weniger unglücklich; am glücklichsten macht gemäss Kahneman «ein mit Freunden verbrachter Tag». (Sex macht aufs Leben umgelegt nicht so glücklich, weil er relativ kurz dauert.)

2 Das erinnert mich an meinen Freund S., der damals, als die Lacoste-Leibchen noch etwas Besonderes waren, das Krokodil fein säuberlich entfernte, so dass nur er selbst wusste, dass er ein Lacoste-Leibchen trug. Ausser mir natürlich, der ihn damals bei dieser knifflichen Arbeit ertappte. Es gibt heute spezialisierte Werkstätten, wo man Logos aus alten Klamotten entfernen lassen kann. Auch den dritten adidas-Streifen kriegt man weg, wenn auch mit Mühe.

3 Marcel Hänggi, Ausgepowert, 2011, S. 76

4 Ältere Sozialdemokraten mögen sich noch an den Artikel ihres Parteigenossen Karl Bürkli im Volksrecht vom 18. Juli 1898 erinnern, der Sozial-, Volks-, Proletarier- oder Konsumpaläste nach dem Modell der Bourgeoispaläste vorschlug: «Solche Bourgeoispaläste gibt es ja im Schweizerland zu hunderten, unsere Fremdenhotels sind ja weltberühmt und wegen ihres Comforts, den sie den Fremden bieten, mustergültig; aber in einem solchen Hotel, es mag noch so gross sein, für hunderte von Fremden Schlafräume und Zimmer haben, findet man doch nur eine Küche, nur einen Keller, nur ein Restaurant, wo jeder nach der Karte oder an der table d’hôte speisen kann, exakt so wie im Proletarierpalast, nur raffinierter, aber auch teurer.»

5 BFU, 2012; 24%

6 «Von den 22.5 Stunden Hausarbeit, die laut unserer Stichprobe (Auswahl der Fälle wird weiter unten beschrieben) durchschnittlich pro Woche in einem Paarhaushalt anfallen, erledigt der Mann im Durchschnitt 5.7 und die Frau 16.8 Stunden. Männer erzielen im Durchschnitt 70% des Einkommens beider Partner und erledigen 30% der Hausarbeit, während Frauen 30% des Einkommens erzielen und 70% der Hausarbeit erledigen.» (Statistik-Hausarbeit bei Dr. Klaus Haberkern; FS 2011, Soziologisches Institut, Universität Zürich) Das BfS geht sogar von 44,6 Std. Haushaltarbeit für den Normhaushalt aus – ein Vollzeitjob! (Tages-Anzeiger, 27.5.2014, S.6)

7 Im Hotel Waldhaus Sils***** bedienen 154 Angestellte 290 Gäste. Wenn man einiges selber macht (Zimmerservice 22 - Wäscherei bleibt bei 11; Kulturprogramm 3; Service 16 statt 33 usw.), die Verwaltung reduziert und die Gastronomie (3-Gang-Menu statt 5) einfacher gestaltet, dann kommt man mit der Hälfte gut durch. (TEC21 XX/2013; S.4)

8 Frigga Haug, Die Vier-in-Einem-Perspektive, 2012

9 P.M., The Power of Neighborhood and the Commons, Autonomedia New York, 2014, S. 50

10 Wissenschaftler haben sich schon lange darüber gewundert, dass noch keine intelligenten Wesen aus dem All uns besucht haben. Leider spricht es gerade für ihre Intelligenz, dass sie das noch nicht getan haben: wer würde schon freiwillig einen solchen Planeten besuchen wollen! Nach der GH-Revolution könnte es allerdings nötig werden die intergalaktische Masseneinwanderung mit Kontingenten zu kontrollieren.

Die Diskussion rund um «Proximity» ist lanciert!

Liebe Mitglieder, liebe Interessierte 

Wir haben anschliessend an die Mitgliederversammlung am Samstag den 12. Juli 2014 in Bern über den Vorschlag des Vorstands, Proximity, diskutiert.

Inzwischen geistert Proximity schon überall herum, sogar in Deutschland, wo es heisst, dass Neustart Schweiz eine Bundesagentur für Nachbarschaftsentwicklung und einen 500-Millionenfonds fordert. Aber so weit sind wir noch nicht.

Warum Proximity?

Proximity heisst Nähe, und ist ein Versuch, Nachbarschaften als Ansatzpunkt für eine gesamtgesellschaftliche Veränderung zu benutzen. Da wir mit rein technischen Mitteln eine nachhaltige Gesellschaft (Energiewende, 2000-Watt-Gesellschaft) nicht erreichen, schlagen wir vor, das Potential der Nachbarschaften, die nahe Dienstleistungen, Leben ohne Auto, Teilen statt Kaufen, geringeren Flächenverbrauch usw. bieten könnten, zu nutzen.

Diese neuen Nachbarschaften entstehen, mit oder ohne Neustart Schweiz, momentan an vielen Orten und in vielen Formen: Kalkbreite, Kraftwerk1-3, mehr-als-wohnen, Warmbächli (Bern), Industriestrasse (Luzern), Lena (Basel), nena1 (Zürich), codha (Genf). Die neue, partizipative Genossenschaftsbewegung ist real, und viele Neustart-Mitglieder sind in ihr aktiv. Aber im Vergleich zum kommerziellen Wohnungsbau ist sie klein. Sie berührt kaum das Nachbarschaftsleben in bestehenden Siedlungen, erreicht nur eine bestimmte Szene, kurz: sie ist zu beschränkt, zu langsam. Die Erfahrungen, die in diesen Genossenschaften gemacht werden, sind jedoch äusserst wertvoll und bilden sozusagen den Know-How-Pool von Neustart Schweiz. Sie inspirieren und mobilisieren. Aber es genügt bei weitem nicht.

Mehr Qualität

Daher braucht es zusätzlich eine Intervention des Gemeinwesens, also Politik. Auch hier gibt es verschiedene Initiativen zu günstigem Wohnungsbau oder regulatorische Vorschläge (mehr Dichte). Diese bewirken jedoch keine effektive nachhaltige Lebensweise. Wenn wir nur mehr billige Wohnungen bauen, dann entstehen oft leblose Schlafquartiere, und geben die Leute einfach mehr Geld für Autos, Reisen, Möbel aus. Es fehlt die soziale Essenz, das kooperative Element. Zudem gibt es in der Schweiz keine Wohnungsnot, sondern nur ein konsumistisches Bedürfnis nach mehr Wohnfläche: waren es 1980 noch 30m2/Person, so sind es heute 50m2. Wenn wir schweizweit nur schon den durchschnittlichen Flächenverbrauch der Zürcher Genossenschaften (35m2) einsetzen würden, hätten wir jetzt schon Wohnraum für 12 Millionen Menschen, ohne einen Quadratmeter (Kultur)-Land zu überbauen. Wenn wir nur mehr Dichte fordern, werden InvestorInnen einfach mehr Profite machen, weil sie eine bessere Ausnutzung erreichen. Es geht also nicht mehr um Quantität, sondern um Qualität, nicht mehr um blosse Unterbringung, sondern um eine, kooperative Lebensweise. Wir wollen mehr als nur wohnen.

Wie lancieren?

Über die Ziele von Proximity herrschte an der HV in Bern Einigkeit. In welcher Form jedoch eine politische Aktivität entfaltet werden kann, muss noch weiter diskutiert werden. Neustart Schweiz erreicht nach wie vor nur wenige InsiderInnen, das Thema Nachbarschaft ist noch zu wenig präsent. Sprache und Art des Auftritts müssen angepasst werden. Ideen wie Standaktionen mit Strassentheater, ein Nachbarschafts-Rap-Video, andere Flyers, Medienauftritte usw. wurden vorgeschlagen. Die Frage, wie man sicherstellen kann, dass der Nachbarschaftsansatz weitere Lebensbereiche, wie Arbeitsleben (20-Stundenwoche!), Landwirtschaft (Mikroagro), Pflegearbeit und weitere Kreise (Quartier, Städte, Land) verändert, wurde aufgeworfen. Neustart Schweiz hat nicht einfach nur ein Nachbarschaftskonzept, sondern ein gesamtes Raumkonzept und Vorschläge für eine nach-kapitalistische Lebensweise (Commons! Siehe unser neues Flugblatt in deutsch und französisch) überhaupt. Wir brauchen einen handlichen, für alle verständlichen, konkret formulierbaren und daher politisch umsetzbaren Ansatzpunkt – und dafür eignen sich Nachbarschaften. Ähnlich wie Gemeinden es jetzt schon mit wenig Wirkung tun, kann auch der Bund solche neuen Nachbarschaften mit Know-how («Starter-Kit») und Anschubfinanzierung als nationale Aufgabe entscheidend fördern. Auch der Vergleich zur Landwirtschaftspolitik – Direktzahlungen für sozial und ökologisch erwünschtes Wirtschaften - kann herbeigezogen werden. Eine andere Politik ist also möglich. Es braucht wirklich eine durchsetzungsfähige Bundesagentur (nicht nur ein paar Ämter), und es braucht viel Geld, Milliarden. Schliesslich geht es um unsere Zukunft.

Wie wir das politisch anpacken wollen, ist noch offen. Es muss vorerst auch darum offen bleiben, weil wir in Bern nur 25 Mitglieder waren, die Proximity andiskutiert haben. Vorschläge wie: mehr Öffentlichkeitsarbeit, Petition, politisches Lobbying, Volksinitiative (mit wem?), 10 Modellnachbarschaften in 10 grossen Städten, müssen wir in einem grösseren Kreis weiter verfolgen. Für eine Volksinitiative sind wir noch zu wenig gut aufgestellt, wir bräuchten also Partner (Grüne? SP? BäuerInnenverband? Wohngenossenschaftsverband? Energiestiftung? Pro Natura?) Immerhin: einen politischen Vorstoss muss es geben, möglichst schnell. Wir hoffen, ihr seid alle dabei.

Bitte mitdenken!

An euch, liebe Mitglieder und Interessierte, ergeht also der Aufruf, Proximity (kritisch) zu überdenken, darüber zu diskutieren (in Regionalgruppen oder in Ad-Hoc-Gruppen). Wir sind auf euer Mitdenken, auf eure Vorschläge und eure Kreativität angewiesen. Der Vorstand allein kann ein solches Projekt nicht auf den Weg bringen. Nehmt jetzt Kontakte mit euch bekannten PolitikerInnen auf, erklärt ihnen unseren Vorschlag und lasst euch beraten. Knüpft Netze! Vielleicht ist es auch nötig, dass Ihr die Proximity-Thematik angepasst an euer Umfeld eigenständig neu formuliert: für Junge, für Alte, für zugewanderte Menschen usw.

Also: wie können wir Proximity effektiv lancieren? Zu diesem Thema werden wir schon bald eine ausserordentliche Mitgliederversammlung einberufen. Und dann geht’s wirklich los.

Nun erwarten wir euren Feed-Back via Web-Site oder Post.

Herzliche Grüsse,

Vorstand Neustart Schweiz

P.S. Für die übrigen Traktanden der HV verweisen wir auf das Protokoll

Der globale Aufstand der Städte – gegen die Städte, für andere Städte

Es ist inzwischen fast Konsens, dass der Ausgang der Masseneinwanderungsinitiative etwas mit den negativen Auswirkungen der wachstumsorientierten Wirtschaftsweise zu tun hat. Der Druck – global, national, lokal – der globalisierten Wirtschaft auf Natur, Menschen und Gesellschaft hat in den letzten Jahren, eigentlich seit den sechziger Jahren, immens zugenommen. Ressourcen werden strapaziert, Landschaften zugebaut, Kulturland geht verloren, es entstehen anonyme Schlafstädte ohne gesellschaftliche Essenz – und die Menschen selbst leiden unter Depressionen, Burnout, die sogar zu einigen Selbstmorden von prominenten CEOs geführt haben. Man könnte sagen, dass der ganze Kreislauf von Natur-Individuum-Gesellschaft dabei ist durchzubrennen. Der „Westen“ dreht durch (auch im Osten).

Dieses Durchbrennen entzündet sich weltweit an zufälligen Anlässen – ein Park in Istanbul, teure Busse in Rio, Korruption in Sarajewo oder Kiew, ein Polizeiübergriff in London oder Paris. Jedes Mal entsteht eine spontane Bewegung, die unterstützt von elektronischen Medien, schnell ein allgemeines Malaise „mit allem“ ausdrückt. Die Städter leiden unter den Auswirkungen der Globalisierung am meisten. Im Unterschied zu suburbanen oder ländlichen Situationen haben sie aber ihre Fähigkeit entdeckt kollektiv zu reagieren. Der Aufschrei gegen unsere Wirtschaftsordnung ist nicht nur Protest, er enthält auch eine Hoffnung.

Die Tatsache, dass in der jüngsten Abstimmung die meisten Städte eine manipulative Regulation, die keine Probleme löst, abgelehnt haben, aber zugleich grün-linke Regierungen gestärkt haben – wie in Zürich - zeigt diesen Aspekt der Hoffnung. Die StädterInnen können sich inzwischen Städte vorstellen, die nicht mehr blosse Wachstumsmotoren sind. Die Initiative hat die offizielle Linke mit den Wirtschaftsinteressen in eine unbequeme Allianz getrieben. Klar musste man gegen die Initiative sein, aber die von Economiesuisse vorgegeben Gründe hätte man nicht auch noch schlucken müssen. Solange die Linke dem Wachstumsfetisch anhängt, wird die Rechte die entstehende Konfusion ausnützen und ihre spalterischen Spiele spielen können. Letztlich führt dies zu einer politischen Lähmung, die den Profiteuren des Status Quo, den globalen Multis, eben gerade der Globalisierung, gegen die man vorgibt zu agieren, nützt. Leute wie Blocher sind nur die nationalen Filialleiter der globalen Kapitalinteressen. Ihr Job besteht darin jene Konfusion zu schaffen, in deren Windschatten man ungestört weltweite Geschäfte machen kann.

Wenn man die jüngsten Wahlresultate in der Schweiz oder auch in Deutschland interpretieren will, dann stellt man auch fest, dass die Grünen stagnieren, obwohl sie ja ökologische Fragen als Kernkompetenz haben. In Zürich haben die Grünen Stimmen verloren, die Grünliberalen stagnieren schon wieder. Die Sozialdemokraten kommen nicht vom Fleck, die alternativen Linken halten sich (Deutschland) oder legen zu (Zürich). Die Grünen haben keine echten Antworten mehr in der heutigen Situation, weil sie zum Beispiel eine Kreislaufwirtschaft wollen, aber nicht sagen, wem denn diese Kreisläufe nützen. Auch wenn alles rund läuft, gibt es immer noch Profiteure und Verlierer. Die Grünliberalen möchten uns glauben machen, dass man den Raubtierkapitalismus mit etwas grünem Zureden in einen Streichelzoo verwandeln kann. Parteien wie die AL passen besser in den globalen Aufstand der Städte, weil sie in ihrem politischen Erbgut immerhin noch ein paar Vorstellungen über Machtverhältnisse, die Mechanismen der Profitwirtschaft, reale Souveränität und Solidarität (z.B. durch öffentliche Dienste), Dichte als Organisationsmacht usw. haben. Zudem sind ihre Exponenten Veteranen urbaner Kämpfe seit den sechziger Jahren. Bei den Grünen spürt man kein echtes urbanes Engagement. (Diese Einschätzung trifft auf viele Parteimitglieder nicht zu, ist aber der Eindruck, den die Gesamtpartei erweckt.) Es ist zwar gut und recht, Grünräume, Parks und Velowege zu fordern, aber noch dringender brauchen wir Kommunikationszentren, intensiven Austausch und Herstellung von Gemeinschaftlichkeit. Daher fühlen sich mehr und mehr Städter bei einer alternativen Linken besser aufgehoben als bei den Grünen, deren vage politische Analyse sie immer wieder braun abrutschen lässt (wie zum Beispiel die Tessiner Sektion). So viel Naivität überlebt den urbanen Test nicht. Kann man ihnen trauen? Werden sie Ecopop energisch ablehnen?

Eine „alte“ Linke, die noch am Wachstum hängt, und einfach Arbeitsplätze, höhere Löhne und billigere Wohnungen fordert, setzt der Verwirrungs-Strategie der Rechten nichts entgegen. Sie verteidigt ebenfalls den Status Quo, nur etwas besser verteilt („die Früchte des Wachstums teilen“). Was da wächst, und wie es wächst, das rückt in den Hintergrund. Die Menschen, vor allem die Städter, wo die Kommunikation noch besser funktioniert, haben das längst durchschaut. In Zürich hat die Hälfte der BewohnerInnen schon kein Auto mehr, werden kleinere Wohnungen bevorzugt, nimmt die Teilzeitarbeit zu, entstehen Initiativen für die direkte Lebensmittelversorgung, Gütertausch und gemeinsame Nutzungen. Eine andere Stadt ist möglich – eine Postwachstumsstadt.

In den Agglomerationen werden die Zwänge der Globalisierung eher passiv erlebt, weil die alten sozialen Netze (Dörfer) zerstört oder ausgehöhlt worden sind, und neue urbane Kerne noch nicht geschaffen worden sind. Wie soll man effektiv gemeinsam handeln, wenn keine Gemeinsamkeit mehr besteht? In diesen Wohnzonen erlebt man eine schizophrene Welt: man ist aus der Stadt geflohen (oder verdrängt worden) und muss jeden Tag dorthin pendeln. Man suchte sich einen ruhigen Platz im Grünen und „braucht“ nun ein lautes Auto. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Pendeln in westlichen Gesellschaften der grösste Unglücksfaktor überhaupt ist (noch vor Arbeit, Krankheit oder gar dem Tod), wenn man Zeit mal Leiden rechnet (siehe Kahneman, 2011; S. 194). Und weil alle andern auch ins Grüne wollten, ist dieses nun überbaut und verschwunden. Sogar unsere heutigen Städte sind noch ökologischer als das Landleben. Zudem machen sie glücklicher als das Aggloleben. Die soziale Dichte ist ein Glücksfaktor, wenn sie eben selbst gestaltet werden kann und nicht nur erduldet werden muss. Wenn man zwischen falscher Stadt und falschem Land zerrieben wird, reagiert man gereizt. In dieser Notlage bietet sich dann eine Menschenregulations-Initiative als die nächstbeste Notbremse an. Das ist nicht nur fremdenfeindlich, sondern noch schlimmer: es ist unhöflich. So etwas macht man einfach nicht. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass man vor lauter „gefühltem“ Agglo- und Dichtestress die elementaren urbanen und menschlichen Umgangsformen vergisst

Die Züge sind nicht überfüllt wegen den Ausländern, sondern weil zum Beispiel jeden Tag 8000 Buchhalter von Zug nach Zürich und 8000 Buchhalter von Zürich nach Zug pendeln. Es sind die Querpendler (darunter auch Lehrlinge, Schüler und Studenten), die die Züge füllen. Wenn sich diese Pendler entscheiden könnten am Arbeitsort auch zu wohnen, dann wären es schon einmal 16'000 Passagiere weniger. Aber das ist natürlich nicht so einfach. Und würde dem Wachstum schaden, die heilige, dreifaltige Mobilität antasten und schliesslich jene Arbeitsplätze kosten, wo all die tollen Dinge, die wir eigentlich nicht brauchen, hergestellt werden.

Wirkliche Lösungen für die heutigen Probleme sind leider komplex, sie sind zudem global. Zum Glück gibt es einen globalen urbanen Aufstand gegen all die Blochers, Janukowitschs, Mursis, Erdogans, Le Pens, die versuchen eine imaginäre gesunde, nationale „Landbevölkerung“ gegen die eingebildeten, welschen, amoralischen Städter auszuspielen. Unsere Allianzen bestehen nicht mit den netten liberalen Kapitalisten, der EU oder gar den andern bösen Clowns in andern Nationen, sondern mit den Aufständischen in den Städten, in der Schweiz und weltweit. Zugegeben, in diesen Bewegungen gibt es auch innere Widersprüche und unappetitliche Zutaten, aber ein globaler Konsens über Commons, Demokratie, Ökologie und soziale Gleichheit ist am Entstehen. Ob diese Verbündeten nun Inländer, Ausländer, Gläubige oder Ungläubige, Blaue, Gelbe oder Violette, sind, spielt schon lange keine Rolle mehr, sondern ist unsere eigentliche Stärke. Spass kommt von Vielfalt. Neue Gemeinschaftlichkeit kommt aus gemeinsamem, realem Handeln (nicht nur delegiertem Regulieren). Direkte Demokratie hiesse auch Demokratie im Alltag, am Arbeitsplatz, in den Quartieren. Zusammen mit allen, die nun einmal da sind.

Gibt es in der Schweiz eine Bewegung, die für komplexe Probleme komplexe Lösungen vorschlägt? Die versucht einen gangbaren Weg in eine Postwachstumsgesellschaft aufzuzeigen? Die aus öden Agglosiedlungen lebendige Stadtquartiere mit Zentren in Fussdistanz macht? Die Strukturen ändert, statt Menschen herumzuschieben oder zu vertreiben? Die eine Lebensweise aufzeigt (1000 Watt), bei der es kaum noch eine Rolle spielt, ob nun 7 oder 10 Millionen Menschen ausgerechnet in der Schweiz wohnen? Die sich dafür einsetzt durch direkte Allianzen zwischen Bauern und Stadtbewohnern eine wirkliche Ernährungssouveränität herzustellen? Die die verlorene Nahversorgung in den Nachbarschaften wieder herstellt? Wo ist die Bewegung, die nicht nur Werte verkündet, sondern deren materielle Umsetzung auf dem Territorium, samt Bauplänen, Betriebskonzepten und Verwaltungsregeln, an die Hand nimmt?

P.M. 18.2.2014

Die Schweiz braucht einen Neustart

Die Schweiz braucht einen Neustart
Artikel als PDF

Unsere Art des Zusammenlebens und Wirtschaftens ist weltweit und auch in unserem Land in eine Sackgasse geraten. Unsere so genannte Wirtschaft enthüllt sich immer mehr als ein blosses Instrument einer verschwindend kleinen globalen Oligarchie, die ihre Profite um jeden Preis aufrechterhalten will (15 Prozent der Weltbevölkerung besitzen 85 Prozent des Weltvermögens). Zu diesem Zweck werden wir mit gegenseitiger Konkurrenzierung, Arbeitsstress, Anonymisierung und Isolation daran gehindert, einen globalen Haushalt aufzubauen, der allen ein gerechtes und gutes Leben ermöglicht. Nicht nur funktioniert diese oligarchische Wirtschaftsweise nicht, sie zerstört auch die sozialen und ökologischen Grundlagen unseres Planeten.

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Neustart Schweiz Treffen vom 28. März

Aus meinem Notizbuch

Etwa 30 TeilnehmerInnen (wirklich) aller Altersgruppen sind gestern nach Solothurn zu diesem Open Space Treffen gekommen. Besonders gefreut hat es mich, dass einige neue Freundinnen und Freunde sogar aus Deutschland kamen und leckere Quiches und Kuchen mitbrachten – vielleicht wissen sie, dass Reto und ich uns schon die Domain restartearth gesichert haben?

Zuerst setzen wir uns in einen Kreis und lernten alle 30 Vornamen mit den dazu passenden Gesichtern (Open Face) kennen.

Dann wurde in zuerst 5, dann 3, dann zwei Gruppen über Themen wie: Komplementärgeld, globale Familienplanung, Genossenschaften, Mobilität/Stadträume/Deutungshoheit, Bewusstsein, energieautarke Nachbarschaften, diskutiert.

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Kritik auf Schattenblick

In der elektronischen Zeitschrift "Schattenblick" ist am 12. Januar eine Rezension zu "Neustart Schweiz" erschienen (hier im Volltext nachzulesen). Darin wird unter anderem kritisiert, dass der menschliche Fokus fehlt und dass das System an und für sich nicht angetastet werden soll.

Es freut mich sehr, dass meine Vorschläge in Neustart Schweiz eine gute Chance zur Realisierung haben - dann wäre nämlich der Kapitalismus sofort weg. Ein globaler Haushalt, wie ich ihn vorschlage, funktioniert zur Hauptsache nur jenseits des Wertgesetzes, wie ich es auch in meinem Artikel in Turbulence 5 nochmals betont habe. Allerdings habe ich in Neustart Schweiz versucht das übliche linke Insider-Vokabular zu vermeiden, um eben an Leute zu gelangen, die wir sonst nicht erreichen.

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It’s all about potatoes and computers (part 1)

In the early eighties, Swiss author p.m. – the most common initials in the Zurich telephone directory – published Bolo’Bolo, ‘a field guide to organising utopias’, in the words of one reviewer. ‘Replete with maps, drawings, a new lexicon and universally recognised symbols, and “a planetary menu for subversion”, the text could be considered a political nerd’s version of one of Tolkien’s fantasies, but its references to real events and reflexive tone give the book a kind of crackpot sense of real possibility.’ A quarter-century later, p.m. is still planning.

ACCESS TO LAND AND KNOWLEDGE
The coming centrality of ‘the commons’ – based on the principle of the unconditional survival of all human beings on a decent basis – is obvious at this historical moment. At first they appear to be a ‘fallback-option’ for a system that is unable to allocate, use and distribute social assets in a rational way. But sustaining a social metabolism on the basis of obscure ‘laws’ of values, profits and interests was never a good idea and is now revealed as a catastrophic one. (It has never really been just an idea, but an instrument of oligarchic power. That’s the dirty family secret of it.)

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It’s all about potatoes and computers (part 2)

Second part. Read first part here.

These mostly individual activities cannot replace collective action, but they can become a nutritious side dish and keep the ‘movement of discouragement’ (of economic recovery) alive in periods of relative social tranquillity. Collective action is dependent on a logic of events: it is path-dependent, and not all events are possible at any given time, even if theoretically correct and necessary. (Maybe at this point Shakespeare could be more helpful than Marx.) But we can be confident that many opportunities soon will arise for effective collective action. All of this could lead the capitalist machine into such a quagmire that scenario A would look relatively appetising.

The following proposals are all based on scenario A. Scenario B – a global showdown – could be forced upon us, though. The winning of which seems very improbable to me. The costs would be immense. It’s the old question: socialism or barbarism?

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Zweites Neustart Schweiz Treffen am 22. November in der Binz, Zürich

Etwa 30 - 40 TeilnehmerInnen haben sich in den besetzten Fabrikhallen in der Binz versammelt um sich über die Vernetzung von städtischen Nachbarschaften mit Bauernbetrieben zu informieren. Nach dem idyllischen Schmidrued bildeten diese Fabrikhallen einen drastisch-urbanen, aber durchaus kreativen Kontrast.

Les Jardins de CocagneRudi Berli berichtete über die Jardins de Cocagne in Genf, die 400 Haushalte mit Gemüsejahresabos beliefern. Markus Rüegg zeigte einen Ausschnitt aus dem Film Farmer John, der die explosionsartige Entwicklung der CSA Angelic Organics in der Nähe von Chicago illustrierte. Diese CSA begann mit 26 Familien und beliefert nun 1200. Dann stellte er die Food Coop Winterthur vor, die ab nächstem Frühling funktionieren soll. 3,5 ha sollen schlussendlich 500 Haushalte mit Gemüseabos beliefern. Man kann noch mitmachen. Eine andere Initiative startet in Bern (soliterre) mit 50 Haushalten und 10 Betrieben. Rudi Berli insistiert auf jährlichen Abos, weil nur diese eine Mitbeteiligung der Konsumenten am Risiko der Produzenten garantieren.

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