Weblog von P.M.

P.M.: Smart Degrowth - Intelligent schrumpfen

Mit einem andern Wachstum das Schrumpfen finanzieren
Der diskrete Charme der Wirtschaft – wem nützt das «System»?
Was heisst da «smart»?
Ein neuer New Deal für die Schweiz?
Welche politischen Akteure?
Literatur

Nach dem Einbruch von 2008 sind nun alle erleichtert, dass es aufwärts geht, und wir die Delle in der Wachstumskurve schon wieder ausgewetzt haben. Unsere Wirtschaftsweise beruht auf Wachstum, weil sie auf noch nicht eingelösten Versprechungen sitzt. Man sagt, dass die Realwirtschaft der Welt, ca. 60 Billionen Dollar, ungedeckte Schecks im Rahmen von 600 Billionen Dollar (die Summe aller Schulden und Finanzderivate) stemmen muss. Beide Summen wachsen weiter. Wenn das Wachstum ausbleibt, droht leider nicht nur ein sanftes Schrumpfen, sondern ein totaler «Vertrauensverlust», und das ganze Gebilde stürzt unkontrolliert und zerstörerisch ab.1 Die Pflege des Vertrauens durch alle Beteiligten, sozusagen der kollektive Wachstumsschwur, ist effektiv wichtiger als das wirkliche Wachstum, dies umso mehr, als niemand mehr weiss, was denn wirklich wächst (unter anderem sind es die Kosten – Externalitäten - für die Behebung der Schäden an Mensch und Natur, die das Wachstum verursacht). Auf jeden Fall tendiert das reale Wachstum schon einige Zahl gegen Null, und auch China wächst nur dank der Kredite und dem Fiat-Geld, mit denen der westliche Konsum gestützt wird.

Der Wachstumsglaube ist der einzige «Wert», der noch existiert. Flucht in «wahre Werte» ist illusorisch. Dinge, die scheinbar solid und werthaltig sind, wie Immobilien, entwerten sich schlagartig, wenn die potentiellen Mieter oder Besitzer ihre Jobs verlieren und die Mieten/Zinsen nicht mehr bezahlen können. Auch ein Rolls Royce ist nichts wert, wenn keine Käufer mehr da sind. Eine Aktie oder ein anderes Derivat schon gar nicht. «Wertvoll» sind nicht Objekte – auch wenn sie so imposant wie etwa der Prime Tower sind – sondern wertvoll ist die soziale Disziplin, die uns dazu bringt morgens um 7 aufzustehen und effektiv zum Arbeitsplatz zu gehen, Schritt um Schritt. All dies macht unsere Wirtschaftsweise zu einer sehr volatilen, ja fast spirituellen Veranstaltung, zu einer Form von Selbsthypnose: ich wachse, also bin ich.

Selbst die Wachstumskritiker unter uns sind heimlich froh, dass die Löhne gesichert und die Pensionskassen auf wundersame Weise saniert sind. Jedes falsche Wort könnte das Wachstum gefährden. Und darum redet man nun kaum mehr über die Postwachstumsgesellschaft. Oder man weist sogar darauf hin, dass solche Ideen aus der Sicht der sich gerade entwickelnden Länder des Südens eher als Auswüchse von Wohlstandsverwahrlosung gelten können.

Da bleibt nur das kleine Problem, dass wir mit dem durch die Finanzblase erzwungenen physischen Wachstum allmählich die Ressourcen des leider ebenso physischen (nicht des finanziellen) Planeten erschöpfen. 2013 hatten wir die ökologisch verantwortbare Ressourcennutzung schon im August erreicht, 2014 wird es wohl Juli. Der Rest des Jahres ist Abbau. Statt von den solaren Zinsen leben wir vom geologischen Kapital. Nicht nur der Tank wird immer leerer, auch der Auspuff macht Sorgen. In China erstickt man in den Städten. Das Klima bleibt gefährdet. Das Wachstum hat reale Risiken und Nebenwirkungen, doch auf den Arzt oder Apotheker hört schon lange niemand mehr.

Wir sind in der Klemme: wir sollten eigentlich das Wachstum bremsen, dürfen das aber bei Strafe eines katastrophalen Zusammenbruchs nicht tun. Die bisher einzig erfolgreiche Art Wachstum zu bremsen scheint die griechische oder portugiesische zu sein: dem unintelligenten Wachstum folgt ein ebenso unintelligenter Zusammenbruch. Was schrumpft, sind nicht nur Autoverkehr, Konsum usw., sondern leider auch die medizinische Versorgung, der öffentliche Verkehr, das Bildungswesen. Statt Übertreibungen und Auswüchse loszuwerden, fällt man direkt in die Armut.

Unsere Gesellschaft (ich rede da nicht nur vom Staat) hat keine Instrumente um die Wirtschaft gemäss intelligenten Vorgaben wie Ökologie, allgemeinem Nutzen, vernünftiger Verteilung, zu steuern. Es gibt keine echte Demokratie, das heisst keine Wirtschaftsdemokratie. Wir hätten ja in den siebziger Jahren sagen können: nein, diesen Autobahnwahnsinn machen wir nicht mit, wir behalten unsere Nahversorgung in den Ortskernen, stocken an Ort und Stelle die Gebäude etwas auf, optimieren den öffentlichen Verkehr, richten dort Arbeitsplätze ein, wo die Menschen schon sind. Das Modell Schweiz wäre genau so erfolgreich gewesen, es sähe einfach ein bisschen mehr aus wie Zürich2 (60% haben kein Auto) und weniger wie Niederwenigen. Man redet zwar von Smart Cities (gibt es auch dumme Städte?), Smart Density usw. aber was wir heute brauchen ist Smart Degrowth, ein kontrolliertes, intelligentes Schrumpfen, nicht einfach nur ein Reagieren auf die Kapriolen der Finanzwelt. Doch diese hat uns an der Gurgel gepackt und sagt: entweder ihr wächst brav, oder wir schlagen euch den ganzen Laden kaputt.

Wir könnten versuchen eine Lebensweise zu definieren, die durchaus komfortabel ist, aber weniger auf den Güterzuwachs und ungezielte Mobilität setzt. Dann kämen wir schnell auf die erforderlichen 2000 oder gar 1000 Watt herunter.3 Aber beim gleichen alten System zu bleiben und es nur hier und dort etwas effizienter zu machen (das Suchen nach Effizienz ist meist ein Indikator für ein hoffnungslos dysfunktionales System), wird nicht genügen. Von den heutigen 8000 Watt auf 2000 herunterzukommen, ist keine Sparanstrengung mehr, das ist eine Revolution! (Ausser man verschiebt den Zieltermin auf 2055 oder gar 2150, wie die SIA.) Smart Degrowth, das ist ein neuer Lebensstil, eine ganze Lebensphilosophie, ein Bruch mit dem Wachstumszwang. Sparen nützt nichts, wir müssten uns ganz anders fühlen und irgendwie anders «aussehen», smart eben. Und nicht dumb wie heute.

Doch dieses vernünftige Szenario ist nicht das realistische. Auch wenn wir es mit demokratischen Mitteln schaffen könnten die wahnsinnige Maschine zum Beispiel in der Schweiz zu bremsen, würde uns das nichts nützen. Unsere Wirtschaft ist längst mit der globalen Wirtschaft verwoben, unsere Immobilien sind eben nicht «unsere», sondern sie gehören Immobilienkonzernen, die weltweit operieren. Der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney hat unter anderem deshalb verloren, weil es auskam, dass er Aktien von Swiss Prime Sites besass (die den Prime Tower gebaut hat). Investitionen in der Schweiz gelten in den USA als rufschädigend. Das Aussteigen aus der weltweiten Konkurrenz (dem «Mitrennen») stellt sich als globale Aufgabe. Wer zuerst und isoliert damit beginnt, den bestraft der Weltmarkt sofort (noch schneller als Gott).

Und dann wäre die Schweiz schnell ein zweites Griechenland. Das würde Armut und Hunger bedeuten. Vielleicht würde der nationale Ausverkauf etwas länger dauern als in Griechenland, weil wir doch ein bisschen mehr industrielle Substanz haben (denken wir nur an die Chemieindustrie). Aber im Prinzip würde sich die Schweiz rasant entwerten, und wichtige Importe wie Erdöl, Soja, Getreide usw. würden so teuer werden, dass wir keine sanfte Landung in der Postwachstumsgesellschaft, sondern einen Absturz ins Elend zu erwarten hätten. Wie in Griechenland würden die lebenswichtigen öffentlichen Dienstleistungen zusammenbrechen. Pensionskassen und AHV wären schnell pleite. Die Knappheit würde nicht zu Solidarität führen, sondern zu noch grösserer sozialer Ungleichheit und zu polizeilicher Unterdrückung des Protests der Betrogenen. Wer kann, würde das zentraleuropäische Albanien mitsamt Vermögen verlassen, bzw. zum Vermögen ziehen, das heute schon anderswo parkiert ist. Wir andern würden sehr unsmart hart auf dem Boden aufschlagen.

Die Occupy-Bewegung hat die globalen Zusammenhänge zumindest eindrücklich illustriert: unser Schicksal wird an der Wallstreet, nicht in Zürich oder Bern entschieden. Wobei die Wallstreet nicht nur für die New Yorker Börse steht, sondern für das weltweite Netz des Finanzkapitals. Es gibt keine Weltverschwörung, sondern nur das emergente Gesamtinteresse all jener, die Kapital besitzen, die also die Welt als Geldmaschine brauchen. Nur die Bremse zu ziehen ist keine brauchbare Strategie. Wir brauchen etwas Smarteres.

Mit einem andern Wachstum das Schrumpfen finanzieren

Bevor wir smart schrumpfen können, müssten wir es zuerst schaffen smart zu wachsen. Es ist durchaus möglich, die Produktion vom privaten Konsum weg zum kollektiven Konsum zu steuern. Gemäss Tim Jackson (ich nehme ihn hier als Beispiel für viele Autoren, die Ähnliches vorschlagen) müssten die Investitionen auf Kosten des Konsums verstärkt und zugleich in Güter des kollektiven Konsums umgeleitet werden: «Mit anderen Worten, in einer neuen ökologischen Makroökonomie muss sich die Balance zwischen Konsum und Investitionen ändern. Von der Nachfrageseite her ist das wohl kein grosses Problem. Eine Verschiebung zwischen C und I in der Gleichung (1)4 muss nicht notwendigerweise zu einer Reduzierung der Gesamtnachfrage führen. Sie würde lediglich die Bedeutung des Konsums als Wachstumstreiber verringern und sie durch eine gewichtigere Rolle der Investitionen ersetzen.» (S. 145)

Dieses Umschwenken ist allerdings eine heikle Sache, denn «wenn wir zu rasch schrumpfen, besteht die Gefahr, dass sich die Wirtschaft verlangsamt, und zwar derart, dass die für weitere Investitionen erforderlichen Ressourcen nicht mehr zur Verfügung stehen.» (S.145) Wir sägen uns den Ast ab, auf dem wir sitzen.

Er beschreibt hier genau das Dilemma der Smart Growth: Damit wir das Steuer herumwerfen können, müssen wir zuerst (fast) so weitermachen wie bisher. Ein ähnliches Dilemma besteht ja auch bei Vorschlägen wie dem garantierten Grundeinkommen: damit es finanziert werden kann, muss alles andere gleich weiterfunktionieren (ceteris paribus). Das heisst, das Grundeinkommen darf zu keinen Veränderungen im Arbeits- oder Konsumverhalten führen. Was mir ziemlich irreal erscheint.

Das Einleiten zuerst einer Smart Growth (die vielleicht dann ein bisschen so aussieht wie die von den Grünen vorgeschlagene Kreislaufwirtschaft) ist keine blosse Frage von vernünftigen Prinzipien und des politischen Willens, sondern benötigt eine raffinierte Feinsteuerung durch ein prekäres «Nachhaltigkeitsfenster» hindurch. Es darf nicht zu langsam und nicht zu schnell passieren. Zudem muss die neue Investitionswelle durch Sparen und nicht durch Schulden finanziert werden, wenn wir nicht wieder einen finanzwirtschaftsbedingten Wachstumszwang schaffen wollen. In der Schweiz ist das kein Problem, weil wir sowieso zu viel sparen. Dazu kämen noch die 800 Milliarden Pensionskassengelder. Wie aber können wir die Menschen dazu bringen, weniger individuell zu konsumieren? Wer macht die nötige Feinsteuerung? Was machen wir, wenn das Fenster sich wieder schliesst?

Die Investitionsbereiche, die Jackson aufführt, sind nicht gerade aufregend oder überraschend: Energieeffizienz, saubere Technologien, Umweltschutz (S. 146). Auch die übrigen Bereiche wie öffentliche Verkehrsmittel, öffentliche Räume, Gebäudesanierung usw. (S. 180) sind zwar notwendig und offensichtlich, versprechen aber noch keine faszinierende neue Lebensweise. Es gibt heute schon verschiedenste Förderprogramme in diesen Bereichen (z.B. Fabi). Er geht nicht tief genug.

Jackson redet zwar davon, dass wir anders leben, reisen, mehr zusammen tun und unseren Extremindividualismus überwinden sollten. (S. 202/203) Aber schliesslich endet er bei einem ziemlich lahmen Aufruf zu freiwilliger Askese: «Der Versuch, ein frugales, freiwillig einfaches Leben zu führen, ist bedenkenswert.» (S. 203) Wir wissen, dass solche Aufrufe nichts fruchten und sogar von einem effektiven gesellschaftlichen Einsatz ablenken: Ich mach ja schon alles richtig, nun brauch ich keine Politik mehr. Jackson sieht das zwar auch ein, und sagt: «Schliesslich gilt es, die gefährliche gesellschaftliche Logik des Konsumismus zu überwinden.» (S. 203)5 Aber womit? Worin besteht das bessere Angebot, die bessere Logik?

Immer ausgehend von der Überwindung des Konsumismus schlägt Jackson vor unseren Wohlstand weniger materiell zu definieren. Mehr öffentliche Güter, mehr gemeinschaftliches Teilen, kurz: mehr Commons, das sind seine Vorschläge. «Einige der Bausteine für die neue gesellschaftliche Teilhabe sind Grünanlagen, Parks, Freizeitzentren, Sportanlagen, Büchereien, Museen, öffentliche Verkehrsmittel, regionale Märkte, Orte der Einkehr, «Ruhezentren» und Festivals.» (S.193) Gegen diese typisch englische Vision einer grünen Stadt lässt sich nicht viel einwenden, ausser dass sie seltsam fad ist. Woher kommt dieses Klinikhafte? Der Haken bei all dem ist eben, dass auch die nun zwar gemeinschaftlich geniessenden Menschen immer noch keinen Zipfel von realer wirtschaftlicher Souveränität in den Händen halten. Nach wie vor sind es die Unternehmer, die globalen Konzerne, die die neue, stagnierende, ökologische Wirtschaft betreiben sollen.

Der diskrete Charme der Wirtschaft – wem nützt das «System»?

Es lassen sich makroökonomische Regulierungen vorschlagen, die ökologisch kompatibel sind. Die Frage stellt sich, warum das nicht längst geschehen ist. Warum ist die Wirtschaft nicht spätestens seit den siebziger Jahren auf einen solchen Pfad eingeschwenkt, etwa gemäss den Konzepten von Herman Daly?6 Der Grund besteht wohl darin, dass es Wirtschaft als losgelöstes System gar nicht gibt. Wirtschaft hat zwei Gesichter: einerseits ist sie als gesellschaftlicher Metabolismus quantitativ analysierbar, andererseits ist sie ein Verfahren, das Menschen benützen um Menschen auszurauben, zu unterdrücken und dumm zu halten. Die Wirtschaft hat eine Vergangenheit.

Kapitalismus ist real eine Kombination von Genealogie und verewigter Ungleichheit. Die Profiteure dieser Ungleichheit, die berühmten 500 oder 1000 Familien, haben kein Interesse daran alle Menschen mit allem Nötigen zu versorgen und die Natur zu bewahren. Sie sehen «ihre Wirtschaft» nicht einfach als «unsere» öffentliche Dienstleistung. Sie wollen und müssen ihre Position bewahren. Dafür setzen sie beträchtliche Mittel für eine Politik ein, die ihnen dient (darum kam es eben in den siebziger Jahren zu keiner ökologischen, sondern zu einer neoliberalen Wende). All das bedingt noch nicht, dass die Wirtschaft wachsen muss, denn schliesslich könnten die Reichen auch einfach immer gleich reich bleiben und damit zufrieden sein. Der Wachstumszwang entsteht aus der Konkurrenz, die Grösse belohnt, weil sie Economies of Scale, höhere Produktivität, effektivere Kostenstrukturen (z.B. in der Werbung, der Entwicklung) und daher «neue Märkte» bringt. Wer nicht wächst, überlebt nicht. Es ist nicht Gier, die immer grössere Vermögen anhäuft, sondern der Zwang der Konkurrenz. Wir haben es hier mit einer pfadabhängigen strukturellen Eigenschaft des Kapitalismus zu tun. Daher kommt es, dass sogar die Profiteure dieses Systems, wie z.B. extrem gute bezahlte CEOs, Selbstmord begehen.7 Um eine wirklich ökologische Wirtschaft als reine Menschenversorgungsorganisation betreiben zu können, müsste man also die globalen Oligarchien enteignen können. Da man das nicht kann, versucht man halt ökologische Unternehmen zu postulieren, also an die Einsicht der Kapitaleigner zu appellieren. Das sind ja nicht nur die bösen Kapitalisten, sondern auch wir selbst, zum Beispiel als Mitbesitzer von Pensionskassenkapital: allerdings sollten wir hier den Sinn für Proportionen nicht verlieren. Zwischen Warren Buffetts Vermögen und meinem Pensionskassenkapital klafft da doch eine gewisse Lücke.

Teilweise kann das funktionieren, weil das Eigeninteresse der berüchtigten 1 %8 durchaus darin besteht keine allzu grossen Verwerfungen und nicht allzu viele Anlässe für Aufstände aufkommen zu lassen. Damit sie Angst vor Rebellionen haben können, muss es diese allerdings auch geben. Occupy war da eine kleine Streifung, die sich verstärkenden globalen urbanen Aufstände werden weitere Impulse für ein Umdenken liefern. Ob sich die Aufständischen aber mit ein paar Grünlagen und Museen (wer braucht heute noch Büchereien?) zufrieden geben werden, ist fraglich. Es wäre sogar verhängnisvoll, wenn dies der Fall wäre. Wir müssen mehr wollen.

Jede Wirtschaftsweise, sogar der Kapitalismus, beruht auf der spontanen, ja gutmütigen, Kooperation von Menschen. Dank eines historischen Vorsprungs (Akkumulation von Handelskapital schon in der frühen Neuzeit) hat es eine Klasse von Unternehmern geschafft diese Kooperation für sich arbeiten zu lassen.9 Mit dem überall erzwungenen Tausch von Äquivalenten (Markt) und dem Lösungsmittel Geld gelingt es, Gewinn aus der gesellschaftlichen Kooperation herauszulösen (die Analogie mit dem Fracking kommt einem hier in den Sinn) und eine sich selbst perpetuierende und expandierende Welteroberungsmaschine zu bauen.10 Kooperation soll nur durch die Vermittlung von Unternehmern und mit Markt/Geldmechanismen möglich sein. Expansion bedeutet, dass auch die letzten Formen von selbstbestimmter sozialer Kooperation zerstört oder in Märkte umgewandelt werden müssen. Subsistenzgesellschaften werden mit Mikrokrediten aufgelöst, Solidarität wird durch Stakeholdertum ersetzt. Jede Form von struktureller Individualisierung bedeutet eine Entmachtung der autonomen Kooperation und verwandelt die Menschen in ausgesetzte Marktatome. Der Konsumismus hat direkt mit dieser Isolation und Machtlosigkeit zu tun, denn er ist wesentlich Komfort, also «Trost» (die eigentliche Bedeutung von Komfort) über das verlorene echte Leben, die kooperative Souveränität.11 Wer nicht real dazugehören kann, kann wenigstens zu einer Mode, einer Marke, oder einem Logo gehören (oder, was heute wieder virulent ist: zu einer Nation, dem Logo der Logos). In einem gewissen Sinn sind heute auch Religionen Konsumdienstleistungen geworden. Wo keine wirkliche Identifikation mit Leben und Arbeiten mehr besteht, floriert das Identitätsgeschäft.

Das Gegenmittel gegen das Lösungsmittel Markt/Geld ist das Koagulationsmittel «neue Commons». Wo immer Menschen sich zusammentun um Teile ihres Lebensunterhalts durch selbstbestimmte Zusammenarbeit zu erbringen, schrumpft der Markt, schrumpft letztlich, wenn man es makroökonomisch hochrechnet, der Kapitalismus. Es wäre allerdings unsinnig Koagulation als allgemeines Prinzip vorzuschlagen, denn damit würde man riskieren, dass die gesamte Gesellschaft geliert und erstarrt. Eine stagnierende Wirtschaft soll ja nicht einfach Erstarrung bedeuten, sondern eine andere Entwicklung12 ermöglichen. Es kommt also darauf an, genau zu sagen, was neu koagulieren, und was im Fluss bleiben soll. Mit Quanten und Materialflüssen allein lässt sich kein funktionierender und egalitärer gesellschaftlicher Metabolismus beschreiben: es braucht auch eine Definition von Organen.

Wie in der Resilienzforschung vorgeschlagen muss dieser Metabolismus modular gestaltet sein. Diese Module der selbstbestimmten Kooperation sind zugleich gesellschaftliche Einheiten (Konsumgemeinschaften, Lebensgemeinschaften) und politische Institutionen (die Macht soll hier persönlich und nicht systemisch/anonym situiert sein). Ein Postwachstumsprozess ist notwendigerweise ein Prozess der Machtaneignung (empowerment) über materielle und immaterielle Güter, das heisst deren Verwandlung in modular artikulierte Commons. Es ist ein politischer Prozess und er wird als solcher von den heutigen Wirtschaftseliten auch erkannt, denunziert und bekämpft.13

Was heisst da «smart»?

Das erste und fundamentale Modul der Commons muss sich mit einer neuen Ernährungslogistik befassen.14 Es ist interessant, dass sich Tim Jackson kaum mit diesem Grundelement einer echten gesellschaftlichen Souveränität befasst: Lebensmittel gehören bei ihm einfach zu einer zwar frugalen, aber von irgendwelchen ökologischen Unternehmen erbrachten Versorgung. Dabei ist es naheliegend und logisch ein alltagsnahes Grundmodul gerade auf der neuen Verknüpfung von Stadt und Land zu begründen.15 Die aktuellen urbanen Aufstände sind daher begleitet von der auf den ersten Blick seltsamen Bewegung des urban gardening. Es ist selbst den begeistertsten Urban Gardeners klar, dass man mit ein paar Pflanzblätzen auf Stadtbrachen die Bewohner nicht wirklich ernähren kann (mehr als 10 % liegen wohl nicht drin). Doch das ist nicht der Punkt: mit diesen pseudoruralen Aktivitäten soll demonstriert werden, dass es ihnen mit der Ernährungssouveränität ernst ist, und dass die neuen kooperativen Module genau darauf gegründet werden müssen. Man muss sich die Hände schmutzig machen um das ganze kapitalistische Gewebe von unten her aufzulösen.

Wenn man von intelligentem Schrumpfen reden will, dann vermischen sich systemische Überlegungen (Makroökonomie) mit strategisch-politischen. Makroökonomie ist letztlich nur die Aufaddierung von Mikroökonomien. Tim Jackson unterstreicht daher immer wieder die Bedeutung des individuellen Konsumverhaltens für makroökonomische Kreisläufe. Eine Ablösungsstrategie kann man sich folglich als Aufaddierung von antiökonomischem Mikroverhalten vorstellen. Es ist in der Tat so, dass kooperative Organisationen an der Basis die gesellschaftliche Resilienz stärken, als Vorbereitung auf die unvermeidlich auf uns zu kommenden Verwerfungen. Im Fall von Griechenland ersieht man, wie tragisch es ist, wenn solche Initiativen erst entstehen, wenn der makroökonomische regionale Kollaps schon erfolgt ist. Erst jetzt hören wir von der «Kartoffelrevolution», also von Konsumentenkollektiven, die Kartoffeln direkt von den Bauern beziehen, statt frustriert in Supermärkten Schlange zu stehen.16 Auch diese Initiativen bewegen sich noch in marktwirtschaftlichen Kategorien, es wird einfach der «Mittelsmann» ausgeschaltet. Immerhin: dadurch wird die Geldwirtschaft partiell umgangen, und es entstehen selbstbestimmte Koagulationen. Der Kapitalismus ist ja nichts anderes als der omnipräsente Mittelsmann. Es ist nur theoretisch denkbar, dass die globale Wirtschaftsmaschine einfach durch Myriaden von lokalen Stadt/Land-Modulen aufgelöst werden könnte. So wichtig die Ernährung real und taktisch ist, so wenig wichtig ist die Landwirtschaft rein makroökonomisch gesehen. In der Schweiz machen die Lebensmittelausgaben kaum 7 % eines Haushaltsbudget aus. In vielen Ländern wurde die Landwirtschaft wegen ihrer geringen Rentabilität, und weil eine Produktivitätssteigerung wegen der Abhängigkeit von natürlichen Faktoren begrenzt ist, parktisch verstaatlicht und aus dem normalen Wirtschaftskreislauf herausgenommen. Diese staatswirtschaftliche Insel behindert die normale Akkumulation von Kapital kaum. Sie hat bis jetzt keine systemische Sprengkraft entfaltet. Direktbelieferungsinitiativen werden daran kaum etwas ändern, aber sie könnten indirekt eine politische Bedeutung bekommen, weil sie die Abhängigkeit von der formellen Wirtschaft schwächen, neue kooperative Kerne bilden, und eine nicht-konsumistische Lebensweise als reale Aktivität begründen (und das nicht nur in Parks und Museen).

Diese Initiativen allein werden keine sanfte Landung nach dem Kollaps garantieren – sie sind noch nicht das Rezept für Smart Degrowth. Smart heisst, dass wir jenen gesellschaftlichen Mächten (mit den Aspekten «Familien» und «systemische Mächte»), die heute die globale Wirtschaft bestimmen, einen Übergangsdeal vorschlagen können, ein schmerzloses Ausstiegsszenario, das keine allzu grossen Disruptionen verursacht. Grosse ideologische Aufregung kann dabei nur schaden. Es wird eher darum gehen einen Kapitalismus zu entwickeln, dem man seine unheimliche Geschichte nicht mehr anmerkt. Eine Generalamnestie ist notwendig. «Kann man das noch Kapitalismus nennnen? Spielt das überhaupt eine Rolle? All denen, für die es eine Rolle spielt, könnten wir in Anlehnung an Mr. Spock in Raumschiff Enterprise sagen: ‹Es ist Kapitalismus, Jim. Aber nicht so, wie wir ihn kennen.›» (Jackson, S. 201) Wenn von einer Cheshire-Katze nur noch das Grinsen übrig bleibt, ist es dann noch eine Katze?17

Die Sprache, in der diese seltsame Transformation abgehandelt werden kann, ist die der nüchternen Makroökonomie. Wir gehen von den inneren Widersprüchen aus, mit denen selbst die hartnäckigsten Verfechter der freien Marktwirtschaft, so wie wir sie kennen, konfrontiert sind, und bieten eine Lösung an. Inzwischen haben sich doch einige dogmatische Positionen aufgeweicht, wenn wir etwa an die Bankenrettungen und die staatlichen Initiativen in «systemrelevanten Branchen» denken, die nach 2008 erfolgten. Eine wirtschaftliche Rolle des Staates ist kein Tabu mehr. War es eigentlich nie – nur wollen das neoliberale Dogmatiker nicht wahr haben.

Wir tun so, als ob wir es mit einer rein rationalen «Wirtschaft» zu tun hätten – sie tun so, als ob wir rein rationale Lösungen für die ökologischen und sozialen Probleme liefern würden, die diese Wirtschaft mit sich bringt. Intelligent heisst hier also doppelzüngig. Es geht nur darum smart auszusehen, nicht darum wirklich intelligent zu sein, denn sonst hätten wir schon lange damit aufgehört. Schliesslich läuft es wohl darauf hinaus, dass wir, angeregt durch staatliche Programme und Regulierungen, mehr ökologische Investitionen tätigen und so die Wirtschaft effektiv allmählich in eine öffentliche Dienstleistung verwandeln (mehr I statt C; siehe S.3 unten). Zugleich schaffen wir mit Initiativen von unten und mit politischen Aktionen Commons-Institutionen, die uns reale materielle Souveränität geben und eine transkapitalistische Gesellschaft begründen. Dadurch wird erst echte Demokratie möglich werden. Eine Kombination des globalen urbanen Aufstands, der oft noch in Gemeinplätzen wie Freiheit und Demokratie stecken bleibt, mit einem makroökonomischen Transformationsmodell könnte der Deal sein, der allen einen eleganten Ausstieg und eine sanfte Landung bietet. Die Ausrüstung der neuen Module (Nachbarschaften, Quartiere) mit kooperativen Infrastrukturen (von energietechnischen Umbauten bis Grosswaschmaschinen und IT-Plattformen) könnte noch einmal die Konjunktur retten, bevor dann ein sanfter Abschwung einsetzt. Ob dieses Happy End sich weltweit durchsetzt, ist weniger von Einsicht und Logik abhängig, als von der Überzeugungskraft der Bewegungen, die sich auf dem Territorium und namentlich in den Städten persönlich dafür einsetzen. Wenn dem Kapitalismus zuerst die Konsumenten, dann die Arbeiter und schliesslich die Polizisten davonlaufen, dann kann alles noch gut werden. Für alle Beteiligten.

 

Ein neuer New Deal für die Schweiz?

Die Idee, dass der Kapitalismus in seine eigene Überwindung investiert, ist nicht so absurd und neu, wie es klingt. Von einem hegelianischen Standpunkt aus kann es gar nicht anders sein: »Die Zukunft ist hegelianisch,» versichert uns jedenfalls Slavoj Zizek.18 Auch Keynes beabsichtigte mit seinen Konzepten das wirtschaftliche Problem los zu werden um sich endlich spannenderen Dingen zuwenden zu können (Kunst, Religion, Wissenschaft). Mit Schumpeters «kreativer Zerstörung» könnte ja auch einmal der Kapitalismus als System selbst gemeint sein, wonach dann etwas «anderes» käme.19

Wie ein Übergang zu einer sanft vor sich hin schrumpfenden Wirtschaft im Falle der Schweiz aussehen könnte, habe ich in Neustart Schweiz (Zeitpunkt, 2010) aufzuzeigen versucht. Im Prinzip geht es darum genau das zu tun, was Tim Jackson vorschlägt: Konsumausgaben zu reduzieren und die dadurch gewonnenen Kapazitäten in Infrastrukturinvestitionen (im Inland und Ausland) umzuleiten. In diesem Fall wären das vor allem Investitionen in ökologisch zukunftsfähige und sozial integrative Nachbarschaften, eben in jene Module, wo der Konsum heute grösstenteils passiert. Damit würde der eiserne Käfig des Konsumismus sozusagen in seinem Kern gesprengt. Und zugleich würden jene Commons-Module geschaffen, die die gesellschaftliche Kooperation wieder in die Hände der ganzen Gesellschaft zurücklegen, und zwar von der Alltagsbasis aufwärts bis zu den ausgebauten öffentlichen Dienstleistungen. Damit würde aus einen schlecht gemangten Kommunismus ein gut gemanagter.20 Wachstumstreiber wie Konkurrenz, Vermögenserhaltung usw. entfallen ganz.

Im Unterschied zu einer rein quantitativen Umlagerung im BIP steht hier ein qualitatives Ziel im Vordergrund: das Leben soll wirklich anders werden.

Der neue Swiss Deal lässt sich auf drei Elemente reduzieren:

  1. Senkung der Lebenskosten durch:
    • integrierte Lebensweise in kooperativen Nachbarschaften
    • regionale Lebensmittelversorgung auf der Basis von Direktbelieferungen
    • Siedlungsumbau
    • Vereinfachung der Verwaltungsstrukturen
  2. Allgemeinbildung und optimale Berufsausbildung für alle
  3. Verwendung des Überschusses für Investitionen im Inland und für weltweite Aktivitäten zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Ärmsten

Diese drei Elemente bedingen sich gegenseitig und auf keines kann verzichtet werden.

  1. Kooperative Nachbarschaften sind die neuen Haushalte, die dank ihrer Infrastruktur eine bessere Ausnutzung von Ressourcen erlauben: teilen statt besitzen. Sie sind zudem die einzig effizienten Partner für eine Lebensmittelversorgung, die ohne Grossverteiler und Shoppingcenter auskommt und auf der direkten Zusammenarbeit mit Bauernhöfen der Umgebung basiert. Daraus resultieren billigere Nahrungsmittel. Kooperative Nachbarschaften lösen einen Rückbau unserer Streusiedlungen zu verdichteten, multifunktionalen Zentren aus, was das Verkehrsaufkommen drastisch reduziert. Die Vereinfachung der Verwaltungsstrukturen wird erreicht durch den Umbau zu nur noch etwa fünfhundert Basisgemeinden, sieben Regionen und einer schlanken Zentralverwaltung für alle landesweiten Belange. Die Reduktion der Konsumausgaben wird möglich ohne Wohlstandseinbusse.21

  2. Umfassende Allgemeinbildung mit anschliessender Berufsausbildung auf höchst möglicher Stufe für alle, ist notwendig, weil nur eine Gesellschaft, die auf absoluter Chancengleichheit aufgebaut ist, überhaupt gemeinsam handlungsfähig ist und nicht wieder in Sondergruppen zerfällt. Die neue Lebensweise braucht selbständig denkende, sich als gleichwertig verstehende Bürgerinnen und Bürger. Wenn die Menschen weniger von materiellem Konsum abhängig sein sollen, dann braucht es ein grösseres soziales und kulturelles Kapital um sich nicht zu langweilen. Auch Investitionen in Bildung haben schliesslich einen ökologischen Effekt. Zudem senken sie die Geburtenrate.

  3. Wenn die Lebenskosten sinken, können auch Löhne ohne Wohlstandseinbusse gesenkt werden. Mit den daraus resultierenden Einsparungen können einerseits langfristig wirksame ökologische Infrastrukturinvestitionen getätigt werden (mehr I gemäss Jackson), andererseits für bedürftige Weltregionen zum Beispiel Medikamente verbilligt, Hilfsaktionen finanziert und langfristige Entwicklungsprojekte angepackt werden. Nur in einer sicheren Welt gibt es auch eine sichere Schweiz. Die Exporte (X in der BIP-Formel auf S. 3 unten) können zunehmen und das Schrumpfen von C zusätzlich kompensieren. Der ökologische Umbau unserer Wirtschaft und die Unterstützung eines ökologischen Entwicklungspfads weltweit gehen Hand in Hand.

Die Schweizer Arbeitnehmer verdienten 2012 362.313 Milliarden Franken. Darunter sind auch Arbeitnehmer wie Grübel und Vasella, aber die fallen trotz aller populistischer Empörung nicht wirklich ins Gewicht. Wenn man ihre Einkommen auf die Bevölkerung verteilen würde, reichte es nicht einmal für einen anständigen Cocktail.

Zudem sollten wir die gute Nachricht nicht übersehen, dass wir 96,28 Prozent «Armen»22 immerhin 45,9 Prozent, oder 454,4 Milliarden, des gesamten Vermögens besitzen. Mit so viel Geld lässt sich doch einiges anfangen, wenn wir nur wollen. Und das, ohne einen einzigen Villenbesitzer zu enteignen.

Wie viel Geld steht uns zur Verfügung, wenn wir unsere Lebenskosten senken und vielleicht noch auf ein paar überflüssige Produkte verzichten, die keinen direkten Einfluss auf die Lebensqualität haben? Allein bei den Nahrungsmittelkosten gibt es heute schon ein Sparpotenzial von zwölf Milliarden. Wenn wir alle weiter oben erwähnten Spareffekte mit einbeziehen, so dürfte es mittelfristig möglich werden, dreissig Prozent unseres Einkommens, also immerhin rund hundert Milliarden Franken pro Jahr, für andere Aufgaben frei zu machen. Davon gehen – wie jetzt schon – Steuern und Abgaben weg. Zudem müssten einige Umlagerungen zu Gunsten der niedrigsten Löhne vorgenommen werden, damit Solidarität überhaupt zustande kommen kann.

Die Senkung der Lebenskosten kann nicht abrupt erfolgen, weil die neuen Strukturen allmählich aufgebaut werden müssen und Investitionen erfordern. (vgl. Feinsteuerung)

Dieser neue New Deal läuft im Grunde auf einen Pakt mit den global gesehen produktivsten Branchen – Pharma, Banken und Maschinen – hinaus: Wir geben euch unsere Arbeit billiger, qualifizieren uns besser, dafür lasst ihr uns freie Hand, uns selbst besser zu organisieren. Und ihr garantiert uns, dass der Zusatzprofit, der aus der Senkung der Personalkosten resultiert, nicht in eure Taschen wandert, sondern in einen Neustart-Fonds eingespeist wird, aus dem verbilligte Produkte, weltweite Hilfsprogramme und der Infrastrukturumbau im Inneren finanziert werden (also: von C zu I). Wie alle echten Deals ist auch dieser hochriskant.

Insgesamt ist dieser Deal «kostenneutral», auch wenn es phasenweise Investitionsschübe geben wird, die vorfinanziert werden müssen – da kämen dann «unsere» Banken23 ins Spiel. Er ist auch «interessenneutral»: Die Profite der Unternehmen werden nicht tangiert, der Lebensstandard der Arbeitenden wird nicht gesenkt, nur verändert. Die Glücksforschung hat herausgefunden, dass das «subjektive Wohlbefinden» ab einem gewissen Einkommensniveau nicht mehr geldabhängig ist. Mit 40’000 Franken pro Kopf und Jahr ist die Schweiz weit über dieser Schwelle, mit 27’000 Franken wäre sie es immer noch (vgl. Wilkinson).

Wie der New Deal der dreissiger Jahre in den USA wird auch der neue Deal ein Resultat von Verhandlungen zwischen Arbeitnehmern, Arbeitgebern und dem Staat (selbst ein grosser Arbeitgeber) sein müssen. (Der Green New Deal, wie er von grünen Parteien vorgeschlagen wird, ist nur eine Forderungsliste. Bei einem echten Deal geht es aber um Geben und Nehmen.) Ging es damals im Wesentlichen darum, Produktivitätsgewinne zwischen den Sozialpartnern zu teilen («die Früchte des Wachstums zu teilen», wie die SPS es heute immer noch will), so geht es heute darum, eine allgemeine Strukturreform und eine effiziente Hilfe für die Ärmsten der Welt zu ermöglichen, also unsere beiden brennendsten Probleme endlich zu lösen.

Wir könnten bei uns selbst das tun, was wir den armen Ländern empfehlen: Teilen statt Vermarkten, Regionalversorgung, Ernährungssouveränität, demokratische Selbstaktivität usw. Es kann auf die Länge nicht zwei Lebensweisen - eine komfortable für uns und eine bescheidene für die Ärmeren - geben.

Die Modalitäten des neuen Swiss Deals müssten im Detail noch ausgehandelt werden. Vor allem muss sichergestellt werden, dass die Senkung der Lebenskosten nicht einfach die Profite der Unternehmen erhöht. Das könnte dadurch geschehen, dass den Arbeitnehmern die vollen Löhne ausbezahlt werden, ein Teil davon aber mit einem Abzug analog zur AHV in den Neustart Fonds fliesst (siehe unten). Die Arbeitnehmer können kollektiv sparen, weil sie weniger ausgeben müssen. Doch auch Risiken und Nebenwirkungen sollten bedacht werden: So resultiert eine gewisse Schrumpfung der Nachfrage im Binnenmarkt, die allerdings durch eine Verbilligung des Angebots (auch die Löhne für den Binnenmarkt sinken) und mehr Exporte ausgeglichen wird. (siehe: Fine-Tuning à la Jackson)

Wenn wir vorsichtig vorgehen könnte ein solcher New Deal auch isoliert in der Schweiz zumindest in einer bescheidenen Beta-Version so angegangen werden, dass nicht gerade das globale Kapital über uns herfällt.

Um unserer Isolation vorzubeugen, habe ich analoge Deals für die USA (The Power of Neighborhood and the Commons, New York, 2014), Deutschland (Kartoffeln und Computer, 2012), Europa, oder die Welt vorgeschlagen. Realistischerweise müsste die Smart Degrowth sowieso in den USA beginnen. Sowohl Juliet Schor wie Gar Alperovitz, aber auch David Graeber, beschreiben eine breite Ausstiegsbewegung in den USA. Wenig hört man aber diesbezüglich aus Ländern wie Afghanistan, Nordkorea, dem Sudan oder der Zentralafrikanischen Republik. Trotz der globalen Zwänge könnte die Schweiz ein Stück weit in diese Richtung gehen ohne gleich böse schlafende Hunde zu wecken. Man hält uns sowieso für einen komischen Sonderfall. Vielleicht werden wir aber auch wieder die letzten sein. Auf jeden Fall gilt: je niedriger das Profil umso besser.

Wenn es klar ist, in welche Richtung es gehen soll, dann können mehrheitsfähige Lösungen ausgehandelt werden. Wenn also in einem ersten Jahr von den Arbeitnehmereinkommen drei Prozent in den Fonds einbezahlt werden (das ergibt etwa 11 Milliarden), dann gehen davon ein Prozent an die Unternehmen (für gemeinsam beschlossene Projekte), ein Prozent in die Infrastrukturhilfe im Süden und ein Prozent in den ökologischen und sozialen Umbau von Nachbarschaften, Quartieren und landesweiten Institutionen in der Schweiz. Dieser Umbau bewirkt wiederum eine Senkung der Lebenskosten und erlaubt weitere Einlagen in den Fonds. Und so weiter.

Die Umlagerung von privaten Konsumausgaben zu Investitionen in öffentlich/kollektive Nutzungen könnte mit einer progressiven Zusatzsteuer bewerkstelligt werden. Doch wenn wirklich die Idee eines New Swiss Deals umgesetzt werden soll, dass ist es sinnvoller, wenn ein gesonderter Fonds angehäuft wird, der paritätisch von Staat/Gewerkschaften/Unternehmern verwaltet wird.24 So sind Transparenz und direkte Mitwirkung und Kontrolle besser möglich. Der New Swiss Deal Fonds wird ein definiertes Ziel haben und verschwinden, sobald dieses erreicht ist. Wenn Nachbarschaftsprojekte aus diesem Fonds unterstützt werden, dann spüren die BürgerInnen direkt, wofür ihre Lohnabzüge verwendet werden. Das Geld landet nicht in einem anonymen Topf. Überdies belohnt das Programm des New Swiss Deal jene aktiven BürgerInnen, die sich für ihre Nachbarschaftsprojekte einsetzen. Er bietet einen Anreiz zum selbständigen Handeln und «bestraft» all jene, die sich nur als passive Konsumenten verhalten.

Welche politischen Akteure?

Wenn wir von dem oben skizzierten New Swiss Deal ausgehen und uns fragen, welche politischen Akteure für seine Umsetzung in Frage kommen, dann stehen wir ziemlich dumm da. Die SP will keine Lohnreduktionen, die Unternehmer wollen keine zusätzlichen staatlichen Eingriffe, es gibt ideologische Denkverbote (Marktwirtschaft als Dogma, Primat des Privateigentums usw.). Alle zusammen wollen Wachstum. Am ehesten sollten sich die Grünen für eine öko-soziale Wende erwärmen können. Auch die Bauern hätten nur Vorteile, wenn die Mittelsmänner ausgeschaltet werden (Grossverteiler). Wenn man den Gewerkschaften klar machen kann, dass die Lohnkürzungen durch die Senkung der Lebenskosten und einen verstärkten Einfluss auf die Investitionspolitik kompensiert werden, dann sollten auch sie zustimmen können. Natürlich gibt es Verlierer: die Autoindustrie, der Versandhandel, die Elektronikbranche, der Detailhandel, mittelfristig die Bauindustrie. Da die Umstellung graduell erfolgen kann, können jedoch allzu grosse Verwerfungen vermieden werden. Der Verlust von Arbeitsplätzen kann mit neuen Arbeitsplätzen in der Nachbarschafts- und Quartierlogistik und mit Arbeitszeitverkürzungen aufgefangen werden.25 Für die Entwicklung und Herstellung einer neuen «intermediären», «konvivialen» und ökologischen Technologie für erweiterte Hauswirtschaft, mittelgrosse Landwirtschaft und gemeinsame Lebensmittelverarbeitung ist die schweizerischen Metall- und Maschinenindustrie (noch) ausgezeichnet aufgestellt – diese Produkte könnten und sollten globale Exportschlager werden. Hier hilft Wachstum der Entwicklung.

Das Hauptproblem bei diesem Vorschlag dürfte darin bestehen, dass eine tiefgreifende Veränderung unserer Lebensweise, unseres Alltags und unseres Umgangs mit unseren NachbarInnen beabsichtigt ist. Wenn wir jedoch wirklich mehr kollektiven Konsum (und daher seine mengenmässige Reduktion) wollen, dann braucht es dafür neue Konsumfoyers, eben eine neue Alltagslogistik. Wir würden es wohl vorziehen, wenn wir unser neues Leben kühl reguliert bekämen und ansonsten in Ruhe gelassen würden: ein paar Ökoabgaben hier, eine Preiserhöhung da, ein paar neue Verordnungen und Gebühren, kurz: Politik as usual. Das wird jedoch nicht gehen. Es wird mehr Verbindlichkeiten im Alltagsleben brauchen, mehr Sitzungen (gemildert durch IT-Plattformen), mehr Kommunikationsverpflichtungen. Wenn man Güter gemeinsam benutzt, dann ergeben sich Nutzungspläne, dann braucht es Regeln und Absprachen. Mit dem Auto kann ich von einem Moment auf den andern losfahren, mit dem ÖV muss ich zuerst den Fahrplan konsultieren (dafür gibt’s aber inzwischen gute Handy-Apps). Da Kooperation am Arbeitsplatz als Zwang erfahren wird, fällt es schwer nun am Feierabend plötzlich freiwillig kooperieren zu sollen. Doch wenn die Umstellung auf diese kommunikativere, kooperativere Lebensweise einmal geschafft ist, wird man sie schnell als Gewinn an Lebensfreude empfinden. Menschen sind ja nicht nur eine Belastung, es macht auch Spass Dinge gemeinsam zu tun, vor allem, wenn sie sinnvoll und lebenswichtig sind.

Es braucht etwas Phantasie und Selbstvertrauen, wenn man sich aus den Zwängen der Wachstumsgesellschaft befreien will. Es genügt nicht, etwas mehr I und X zu machen und C zu reduzieren. Die Sache wird uns auf den Pelz rücken.

30.11.2014, Hans Widmer

Literatur

  • Alperovitz, Gar, What Then Must We Do?: Straight Talk about the Next American Revolution, 2013
  • Bollier, David, Think Like A Commoner, 2014
  • Daly, Herman, Steady State Economics, 1977
  • Harvey, David, The Enigma of Capital, 2010
  • Haug, Frigga, Die Vier-in-Einem-Perspektive, 2012
  • Hochstrasser, Franz, Konsumismus, 2013
  • Jackson, Tim, Wohlstand ohne Wachstum, 2011
  • Kahneman, Daniel, Thinking Fast and Slow, 2011
  • Klein, Naomi, This Changes Everything, 2014
  • Löpfe; Vontobel, Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt, 2014
  • P.M., «The Power of Neighborhood» and the Commons, Autonomedia, 2014
  • Schor, Juliet, Plenitude, 2013
  • Seidl, Irmi; Zahrnt, Angelika, Postwachstumsgesellschaft, 2010.
  • Wilkinson; Pickett, The Spirit Level, 2010

1 David Harvey (The Enigma of Capital, 2010) geht auf Grund von Langzeitanalysen davon aus, dass der Kapitalismus im Schnitt 3 % Wachstum pro Jahr braucht um zu überleben.

2 Oder Hongkong.

3 Um hier nur einen oft erwähnten Indikator für den Ressourcenverbrauch und die Umweltbelastung zu nennen.

4 Gemäss einer Formel für das Bruttoinlandprodukt, BIP: E = C + G + I + X (E = Endverwertung, Ausgaben; C = Konsumausgaben; G = Staatsausgaben; I = Bruttoinvestitionen; X = Nettoexporte) S. 133; Wohlstand ohne Wachstum, 2011

5 Dass der Konsum der zentrale Wachstumstreiber ist, wurde selbstverständlich von vielen anderen Autoren auch schon festgestellt, so etwa von Inge Ropke, Konsum: der Kern des Wachstumsmotors; in: Seidl, Irmi; Angelika Zahrnt, Postwachstumsgesellschaft, 2010. Oder: Franz Hochstrasser, Konsumismus, 2014

6 Steady State Economics, 1977

7 Der wirtschaftliche Druck ist unmenschlich für alle, auch die Reichen. Siehe: Wilkinson, Pickett, The Spirit Level, 2010. Ungleichheit macht alle unglücklich, inklusive die Reichen.

8 Gemäss Krugman handelt es sich eigentlich um 01 %, die 40 % aller Assets besitzen. INYT, 30.9.2014, S.7

9 Siehe: die Analysen von Adam Smith, Karl Marx oder Robert Kurz.

10 Die Funktion des Kapitalismus als Lösungsmittel hat natürlich ihre historischen Verdienste: er hat auch verkrustete patriarchalische, aristokratische, willkürliche Strukturen aufgelöst (siehe: Kommunistisches Manifest). In gewissen Weltregionen hat er noch heute diese Funktion. Die aktuelle Frage ist also: gibt es nicht-marktwirtschaftliche Methoden um traditionell-patriarchalische Strukturen aufzulösen?

11 Es gibt nicht nur «Ernährungssouveränität». Vgl. auch: Franz Hochstrasse, Konsumismus, 2013

12 Die Unterscheidung von growth und development lag schon Herman Daly am Herzen. Man kann sich entwickeln ohne zu wachsen. So ab 21 versuchen es die meisten von uns.

13 Naomi Klein beschreibt in ihrem neusten Buch sehr schön, wie die US-Rechte den antikapitalistischen Braten der Öko-Bewegungen gerochen hat. This Changes Everything, 2014.

14 Die Lebensmittel machen heute zwar nur um die 7 % unserer Haushaltausgaben aus, aber die Umweltbelastung durch Ernährung beträgt 28 % und ist damit bei weitem der grösste Einzelposten, noch vor dem Wohnen.

15 Ich habe dieses Modul Nachbarschaft genannt und beschrieben, welche Grösse und welche Funktionen es haben könnte. Siehe: The Power of Neighborhood und die Commons, 2013. Weitere Module sind: das Quartier, die Region (mit Grossstadt), das Territorium, der Subkontinent, der Planet. Den Zusammenhang zwischen Demokratie und Ernährung unterstreicht auch ein neuer Bericht der UNO: «[10 March 2014] GENÈVE – Le Rapporteur spécial des Nations Unies sur le droit à l’alimentation, Olivier De Schutter, a appelé aujourd’hui à une réforme des systèmes alimentaires mondiaux et à leur démocratisation, afin de garantir le droit de l’homme à une alimentation adéquate et de progresser vers l'éradication de la faim.»
www.srfood.org/...

16 The New York Times International Weekly, Greeks Survive by Cutting Out the Middlemen, Tages-Anzeiger, 17.2.2014, S.5 : «It is a small link in a chain of ventures to create a parallel «social» economy, starting with what became known as the «potato revolution», a now nationwide movement that has slashed the price of patatoes by getting farmers to sell directly to customers.»

17 Dass wir keinen grossartigen nächsten –ismus vorschlagen können, sondern nur ein relativ vorsichtiges Szenario, mag für einige etwas enttäuschend sein. Wo bleibt die Begeisterung? Doch Begeisterung schadet eher beim Denken über wirkliche Lösungen, Liebe zum Detail und Vorsicht sind besser.

18 Die bösen Geister des himmlischen Bereichs, 2011; S. 324

19 Schumpeter hielt das Ende des Kapitalismus für unvermeidlich.

20 «Kapitalismus ist nur schlecht gemanagter Kommunismus.» David Graeber

21 Kooperative Alltagsmodule haben auch ein grosses Potential für die Gesundheitserhaltung und nicht-monetäre Pflegearbeit, d.h. neue Altersversorgungssysteme, die weniger auf Umlage- oder Kapitalverfahren basieren. Erlebtes gesellschaftliches Dazugehören allein ist schon ein Gesundheitsfaktor. Kahneman, Daniel, Thinking Fast and Slow, 2011S. 394; am glücklichsten macht gemäss Kahneman «ein mit Freunden verbrachter Tag».

22 Offiziell gibt es in der Schweiz nur 7,6 % Arme (BfS, 2014).

23 In erster Linie die Nationalbank und die Kantonalbanken, aber auch genossenschaftliche Banken, wie die Raiffeisenbank. Aber auch UBS und CS könnten ja eine neue Rolle finden.

24 Möglich ist auch eine Mischform, was aber alles etwas komplexer macht.

25 Wie Löpfe/Vontobel (2014) oder Frigga Haug (2012) schlage ich die 20-Stundenwoche vor.

Lakima! – den Zipfel bewohnen

Der nachfolgende Text dient als Anregung zur Diskussion. Rückmeldungen dazu nehmen wir gerne per Mail entgegen.

Damit endlich Ruhe ist

 
 
 

Das ist die Lakima Flagge, die mit dem goldenen Commons-Band, das uns alle verbindet. Ein sattes Bordeau-Rot wird durch Olivgrün ergänzt.

Der westasiatische Zipfel, den wir bewohnen, hat nicht mehr Probleme als der Rest der Welt. Selbst in Griechenland lebt es sich noch weit besser als in Marokko oder gar Madagaskar. Wir sind auf diesem Zipfel ca. 800 Millionen Menschen, weniger als in Indien oder China. Würden wir unsere Einkommen auch nur einigermassen egalitär verteilen, dann ginge es allen recht gut. Das durchschnittliche Prokopfeinkommen betrüge ca. 25'000 $, weit über dem Weltdurchschnitt, derbei 12'000 $ liegt.Allerdings macht die Abgrenzung dieser Weltregion etwas Mühe: gehört nun der ganze Mittelmeerraum, samt allen nordafrikanischen und westasiatischen Staaten (Türkei, Levante) dazu? Reicht Europa, zu dem Russland zweifelsfrei gehört, dank der russischen Föderation bis zu den Kurilen? Und was ist mit Grönland? Wenn Martinique zu Europa gehört (samt Euro), warum dann nicht auch Kuba oder Kolumbien? Nun, der gleiche Diskurs kann für die ganze Welt gemacht werden: wie können wir mit 12’000$ Einkommen überleben? Das einewie das andere ist zu schaffen, wenn wir unser Leben anderseinrichten. Es muss zu schaffen sein.

Doch nehmen wir einmal das 800-Millionen-Europa (also inklusive Russland und Osteuropa). Sollen wir ihm beitreten? Wollen wir ohne Pass bis Kamtschatka reisen können? Oder sollen wir vorerst nur der EU beitreten, sozusagen als erster, kleiner Schritt? Das BIP der Schweiz liegt bei 46’000$, das der EU bei 32’000$. Schlimmstenfalls könnten wir also auf 32’000$ absacken, wenn wir uns solidarisch verhalten. Ein Wohlstandsverlust von einem Drittel? Ist das ein Problem? Wohl kaum. Auch in der Schweiz leben viele Menschen mit weniger. Dafür hätten wir die Chance mit Menschen in Rumänien, Portugal oder Bulgarien zu teilen und Europa etwas gleicher und netter zu machen.

Europa ist zerrissen durch extreme Einkommensunterschiede, durch extrem unterschiedlich entwickelte Infrastrukturen, unterschiedlich solide Institutionen. Das Kapital – materiell, immateriell, kulturell, sozial – ist unterschiedlich verteilt, was natürlich Wanderbewegungen dorthin, wo es mehr davon hat, auslöst. Die Menschen kommen nicht in die Schweiz, weil sie das Land und die Leute lieben, sondern, weil es hier Jobs hat. Und Jobs hat es hier, weil Kapital aus der ganzen Welt hierher fliesst. Wenn wir unsere Jobs nach Europa exportieren (das heisst Kapital), dann gehen die Menschen dorthin. Oder noch besser: wenn es überall weniger Jobs braucht, dann können die Menschen dortb leiben, wo sie sind. Bald müssen wir sowieso froh sein, wenn es noch für eine 20-Stundenwoche reicht. Es gibt schlicht nichts mehr zu tun. Wachstum können wir vergessen. It’s the economy, stupid. Weniger economy = weniger Ärger.

Es ist nicht mehr möglich Frieden und Wohlergehen in ganz Europa auf der Grundlage der bisherigen Wirtschaftsweise herzustellen. Ein bisschen Herumschieben von Geld und Deficit Spending bringt es nicht mehr. Sparen ist für die einen eine Zumutung, lohnt sich für die andern nicht, weil keine Zinsen mehr bezahlt werden. Austerität und künstliche Konsumankurbelung führen gleichermassen in den Abgrund. Merkel und Tsipras funktionieren beide nicht. Hollande hat es bei seiner Kandidatur gesagt: ihr könnt mich wählen, aber es wird nichts nützen: Die Finanzwelt macht jede Politik wirkungslos. Er hat Wort gehalten. Und alle lieben ihn.

Die EU bemüht sich nicht wirklich Ressourcen gerechter zu verteilen. Die viel gerühmten Rettungsschirme halfen vor allem den Banken der reichen Länder, die sich im Süden verspekuliert hatten. Man sagt daher, die EU sei ein neoliberales Projekt. Na und? Die ganze Welt ist momentan ein neoliberales Projekt. Sollen wir deshalb aus der Welt austreten? Und der Mond? Der ist auch ein neoliberales Projekt. Sieht man ihm auch an: voller Narben und Krater! Es wäre schön, Europa wäre kein neoliberales, sondern ein ökologisches, soziales, demokratisches Projekt. Können wir dazu beitragen, indem wir nicht mitmachen? Kaum. Europa braucht uns. Man liebt uns sogar in den meisten europäischen Ländern, völlig unverdienterweise, bis jetzt jedenfalls. Nicht mehr lange, wenn wir so weitermachen.

Beitreten? Aber subito!

Wenn die Schweiz Europa beitritt, dann freuen sich viele Menschen in Europa. Es würde einem sozialeren, regionaleren, herzlicherem Europa neuen Schub verleihen. Die Briten würden sich vom neuen schweizerischen Geist in Europa anstecken lassen und wieder aktiver mitmachen. Na, wenn die Schweiz mitmacht, dann können wir ja nicht zurückstehen! Man würde nicht mehr auf Le Pen, Wilders, die AfD und ähnliche finstere Gestalten und Gruppierungen hören, sondern auf die Schweizer Kommissarin in Brüssel. «Mann, diese Schweizerin, die bringt uns schön auf Trab!» Dazu kommt noch, dass die CH-Kommissarin eine tamilische Seconda ist (wie ja auch der halbe Bundesrat ab 2017 aus Secondas besteht). Will sich jemand mit Anbarasi anlegen? Nie.

Die Frage ist: was hat die Schweiz von einem EU-Beitritt? Nichts. Aber wir sind eigentlich unwichtig. Nur 1%. Wir freuen uns einfach mit allen andern 792 Millionen Menschen, dass es uns gut geht. Was wollen wir mehr? Wir haben genug zu essen, zu trinken, wir haben viele Freunde, tragen Secondhand-Klamotten und organisieren Gratiszüge bis nach Wladiwostok. Autos können und wollen wir uns schon lange nicht mehr leisten. Wohnraum hat’s genug, weil ja die Weltbevölkerung langsam schrumpft. Die Zuwanderung aus andern Kontinenten wird – abgesehen von Besuchen – leider abnehmen, weil die sich dort ebenso vernünftig wie im guten alten Europa einrichten werden. Also schrumpfen wir fröhlich dahin. Man braucht nicht viele zu sein um es lustig zu haben.

Unsere Bedingungen: hart, aber fair

Selbstverständlich stellt die Schweiz zusammen mit ihrem Beitrittsgesuch einige harte, aber vernünftige Bedingungen:

Lakima: Zuersteinmal verlangt die Schweiz, dass das Gebilde, das weder mythologisch Europa (=Kreta!), noch ein Kontinent, noch eine Union, noch eine Konföderation ist, sondern etwas eigenes, das unten definiert werden wird, umbenannt wird. Wir schlagen Lakima vor. Einfach so. Der EU beitreten? Na. - Lakima beitreten? Aber sofort!

1000 Watt: Lakima muss ökologisch weltverträglich werden. Das heisst, wir müssen mit 1000 Watt Energieumsatz auskommen und auch sonst viel weniger Ressourcen verbrauchen. Das erreichen wir nur mit einem neuen lakimischen Lebensstil, der mit folgenden Eckwerten illustriert werden kann:

  • 20m2 Privatwohnraum (Minergie, beheizt)
  • kein Auto
  • keine Flugreisen
  • 9 Personenkilometer/Tag Bahnfahrten (heute: 6,; 2291/Jahr)
  • Europareise von 2000 km (Bahn)
  • Schiffsreise von 12’000km (neue High-Tech Hybrid Segelschiffe)
  • 18 kg Fleisch pro Kopf und Jahr
  • 70 Liter Wasser pro Tag
  • 1 Zeitung pro 10 Bewohner

Wenn wir so leben, dann dürfte es sogar schwierig werden pro Jahr 25'000 $ Einkommen nur schon auszugeben. Vielleicht braucht es dann Kontingente um die Massenauswanderung ins boomende Afrika zustoppen.

Wer schon The Power of Neighborhood and theCommons (Autonomedia Books, 2014) kennt, kann alles überspringen bis zu den Regeln (S.4).

160’000 Nachbarschaften

Mit den heutigen Einzelhaushalten ist eine 1000 Watt-Gesellschaft kaum auf vergnügliche Art zu erreichen. Wenn die Konsumgesellschaft zu Ende geht, müssen wir uns anders organisieren. Darum brauchen wir neue Haushalte für je 500 Lakimi, urbane Lebenserhaltungseinheiten, möglichst kompakt gebaut, mit 4-Stern Komfort. Alle 160'000 Lakima-Nachbarschaften sind mit je um die 80 ha Land in der Region (siehe unten) verbunden, das sie direkt ernährt. Austausch innerhalb von Lakima ist natürlich erlaubt. Intern wird eine komfortable Infrastruktur geteilt. Nachbarschaften sind demokratisch strukturiert, wie Genossenschaften. Lakima fördert den Aufbau dieser Nachbarschaften mit einem Programm von 8 Billionen $ (bzw.Lakas, die neue Währung), also 5 Millionen pro Nachbarschaft. Das ist der erste Commons-Kreis.

40'000 Quartiere

Je 20'000 Menschen (10'000 bis 40'000), bzw. 40 Nachbarschaften bilden eine Basisgemeinde, die für öffentliche Dienstleistungen zuständig ist: Schulen, Energie, Wasser, Strassen, Verkehrsmittel, Spitäler, Kultur, zusätzliche Lebensmittel (Fair Trade). Diese Quartiere oder kleinen Landstädte sind wiederum demokratisch organisiert und verwalten ihre gemeinsamen Ressourcen als einen Commons. Zum Aufbau dieser Quartierzentren gibt es wieder ein Programm: 20 Millionen für jedes, macht 800 Milliarden Lakas (La).

400 Regionen

Je zwei Millionen Menschen bilden eine Region, mit einer grossen Stadt als Zentrum (Berlin, Birmingham, Donezk, Lyon, Zürich), die, als Ergänzung zu Nachbarschaften und Quartieren, weitere öffentliche Dienstleistungen organisiert: Hochschulen, Konservatorien, Spitzenspitäler, Opern, öffentliche Verkehrsmittel, Thermen, Gerichte, Banken, Spitzenrestaurants, Hafenkräne. Innerhalb der Regionen werden die meisten landwirtschaftlichen Betriebe der Nachbarschaften Platz finden. Die Regionen kümmern sich um Commons wie: Seen, Flüsse, Meeresküsten, Wälder, Steppen.

80 Territorien

Je um die 10 Millionen Lakimi auf um die 50'000 km2 Land bilden ein Territorium. Davon gibt es ca. 80, von der Grösse des heutigen Dänemark, Belgiens, Estlands, der Provence. Diese Territorien sind nicht ethnisch bestimmt, sondern eher pragmatisch durch die verkehrsmässige Erschliessung. Die alten Namen können natürlich weiter verwendet werden, aber offiziell gelten nur noch Nummern: Island ist Lakima 1, Kamtschatka Lakima 79. Die Territorien bilden ökologische und ökonomische Einheiten, die 90% des Lebensnotwendigen in möglichst geschlossenen Kreisen produzieren. In allen Territorien (wie auch in Regionen und Quartieren) gibt es direkte Demokratie, dazu Parlamente und eine ordentliche Verwaltung.

Lakima

80 Territorien bildeneinen kooperativen Verband für verschiedene grössere Commons in den Bereichen Rohstoffe, Energie, Industrien, Eisenbahnen, Forschung, Kanäle usw. Jedes Territorium entsendet 2 VertreterInnen in das Lakima-Parlament. Sie werden durch ein Lossystem bestimmt. «Schau, Lina, Du bist Abgeordnete!» ruft Karol aus, als er in der Post dengrün/rot/goldenen Brief der Lakima-Wahlkommission entdeckt. «Zum Glück ist es nur für drei Jahre,» seufzt sie. «Na ja, Krakauist ja nicht weit weg,» meint er.

Lakima organisiert natürlich auch alle Institutionen, die für die Rechtssicherheit und den öffentlichen Frieden nötig sind.

Regeln

Das zur Strukturierung.Daneben verlangt die Schweiz noch ein paar Regeln:

  • alle Lakimi haben gleiche Rechte
  • alle wichtigen Produktionsmittel werden von den passenden Commons-Institutionen zum allgemeinen Nutzen verwaltet (das Commons-Prinzip)
  • alle Lakimi haben ein Anrecht auf eine Berufsausbildung inkl. gymnasiale Allgemeinbildung (da lernen sie dann die 10 Lakimi-Sätze)
  • es herrscht die 20-Stundenwoche für bezahlte, professionelle Arbeit
  • weitere 20 Stunden werden unbezahlt für Haus-, Land- und Sozialarbeit geleistet
  • Lebensunterhalt und medizinische Versorgung werden abgestuft von Nachbarschaften bis zu Territorien für alle garantiert

Das wären in groben Zügen die Beitrittsbedingungen der Schweiz. Sie sind logisch und notwendig zugleich. Niemand kann etwas dagegen haben. Alle haben darauf gewartet, dass wir damit kommen.

Aber was, wenn sie nicht erfüllt werden? Dann treten wir erst recht bei. Es würde nämlich einigen gerade so passen, dass wir draussen bleiben. Vorallem die Deutschen wollen uns wahrscheinlich nicht mehr, wenn sie unsere Bedingungen lesen (S’Blechle! S’Häusle! Adee!). Die Franzosen suchen konsterniert nach Spuren ihrer Grande Nation. Nur Putin kann zufrieden sein: er bekommt endlich jene Regionalisierung, die er momentan andern empfiehlt: L 64 bis L 80. Ideal wäre es natürlich, wenn Russland und die Schweiz Lakima am gleichen Tag – dem 8.6.2015 – beitreten würden. Dann feiern wir 200 Jahre bewilligte Schweiz.

Traurig ist allerdings, dass die Schweiz selbst diese Beitrittsregeln in ihrem eigenen Land noch nicht einhält. Da muss man sich natürlich überlegen, ob man da austreten und Lakima direkt einzeln beitreten will.

Hans E. Widmer (@L 45)

September 2014

Für Details:

20 Billionen BSP geteilt durch 800 Millionen Menschen, also 25'000 $, was ziemlich genau das BSP von Griechenland ist.

Putin hat der EU übrigens einmal ein solches Europa vorgeschlagen, blitzte aber ab.

Das meinen auch: Löpfe, Vontobel, Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt, 2014

Damit sich die Lakimi besser verstehen, verlangt die Schweiz (neu: Lakima 45), dass eine künstliche Lakima-Sprache, eben Lakimi, entwickelt wird. Sie soll aus nicht mehr als 10 Sätzen, sowie Ja und Nein, bestehen.

Ich nehme hier die Zahlen für das ganze Lakima, für die EU allein muss man es halbieren.

Gewisse Leute nennen das «Regionen» und richten damit ein heilloses Durcheinander an.

Krakau ist das politische Zentrum von Lakima. Schön in der Mitte, mit hübscher Altstadt.

Nach dem Wiener Kongress von 1815. Russland gehörte zu den Grossmächten, die die Schweiz bewilligt haben, unter der Bedingung, dass sie neutral bleibt. Für die Schweiz setzten sich insbesondere der Brite Stratford Canning und Ioannes Antonios Kapodistrias als Vertreter des Zaren ein. Die beiden Letzteren hatten schon 1813-14 als Gesandte in der Schweiz mit diplomatischem Druck für das Zustandekommen des Bundesvertrags gesorgt (d.h. man musste uns zwingen uns darauf zu einigen, weil die Schweizer völlig zerstritten und handlungsunfähig waren). Am 8.6.1815 fand die Neuformatierung der Schweiz als Art. 74-85 und 91-92 in die Wiener Kongressakte Eingang. Neutralität ist nach dem Beitritt zu Lakima nicht mehr nötig, weil sozusagen alle Territorien sich selbst und der Schweiz beitreten und daher hyperneutral werden. Nächstes Jahr gibt es landesweite Feiern, bei denen Art.74-85 und 91-92 auf allen Plätzen verlesen werden. Lang leben Canning und Kapodistrias! Die Gründer der Schweiz.

P.M.: Die Grand Hotel Verschwörung von 2014

Der folgende Text unterstreicht einen Aspekt, bzw, eine mögliche Form von ökologischer Nachbarschaft. Im «Das Magazin» vom 6. September 2014 erschien eine stark gekürzte Version auf Seite 46; hier ist die vollständige.

Man kann sich heute kaum noch vorstellen, wie wir in den zehner Jahren lebten. Wir plagten uns zum Beispiel vierzig Stunden pro Woche ab, um all den Krempel kaufen zu können, den wir dann periodisch wieder fortschmissen (entsorgen mussten – wozu sich diese Sorgen zuerst überhaupt schaffen?). Wir pendelten per Auto zwischen sinnlosen Jobs und öden Wohnquartieren hin und her, obwohl es wissenschaftlich belegt war, dass Pendeln der grösste Unglücksfaktor in einer westlichen Gesellschaft war, noch vor Zahnweh oder dem Tod selbst (Sterben macht übrigens nicht unglücklich).1 Wir leisteten uns Dinge, die wir nicht brauchten, oder die wir uneffizient nutzten. Wir hatten unsere private Wohnfläche von 30m2 in den achtziger Jahren auf 50m2 erweitert, nur um uns dann auf dem Sofa zu langweilen. Klar, wir brauchten ein Rückzugsgebiet, eine private Wellnesszone, weil die öden Jobs uns so ausgelaugt hatten. Und wir brauchten die Jobs um die Mieten bezahlen zu können.

Die Job/Auto/Wohnungsfront war allerdings schon in den neunziger Jahren am Abbröckeln. In Zürich hatte 2014 die Mehrheit schon kein Auto mehr, und die Wohnflächen begannen zu schrumpfen, Teilzeitarbeit nahm zu. Die Absetzbewegung war im Gang. Wir merkten, dass wir ausser einer guten Matratze, einer Dusche, ein paar Kleidern und gesundem Essen gar nicht so viele Dinge brauchten. Shopping wurde zur Qual. Mode zur Folter. Das Wort «neu» zu einer Schreckensbotschaft.

Die Zeiten, als wir grosse Wohnungen brauchten, die wir als Beutemuseen unserer Shoppingfeldzüge einrichteten, waren vorbei. Wir gaben unser Geld lieber für Reisen, Computer, gutes Essen und Kultur aus als für Mieten, Möbel und Klamotten. Das Auto passte nicht mehr zum neuen urbanen Lebensstil. Das GA und eine Mobility-Karte taten es auch.

Es ist schon lange bekannt, dass der Rolls Royce das billigste Auto, ein Montblanc-Füllfederhalter das billigste Schreibzeug, der vom Schreiner im Quartier hergestellte massive Holztisch der billigste Tisch, die rahmengenähten schwarzen Schuhe (400 Franken das Paar) die billigsten Schuhe und das massgeschneiderte Hemd das billigste Hemd ist. Ein Rolls Royce hält sozusagen ewig, die rahmengenähten Schuhe 20 Jahre, das Hemd 30 Jahre. Die Moden gehen an diesen Objekten unbemerkt vorbei. Die geplante Obsoleszenz plagte vor allem die Armen, die die Anfangsinvestitionen für haltbare Dinge nicht aufbringen konnten und daher in die Konsumfalle liefen. Sie kauften 20 Schuhe für 50 Franken und gaben damit 1000 statt nur 400 Franken aus. Und es sah erst noch stillos aus. Wir machen das heute anders.

Da gibt es zum Beispiel (für Männer und Frauen) das klassische englische Tweed-Jackett für 500 Franken, das leicht 30 Jahre hält. Somit gibt man 17 Franken pro Jahr für Oberbekleidung aus. Klar sieht das Jackett im Jahr 29 ziemlich schäbig aus, aber das ist ja gerade der Trick: es ist heute in schäbige, aber teure Kleider zu tragen. Die Engländer machen daraus seit langem einen eigentlichen Kult: je älter etwas ist, umso wertvoller. Das gilt bei Möbeln, Teppichen, Mänteln, Schuhen, Häusern. Es wird nicht gleich renoviert, sondern nur notdürftig so geflickt, dass man sehen kann, dass es nur notdürftig geflickt wurde. Die Engländer fühlen sich wohl in ihren alten, geflickten Sachen. Es gilt als stilvoll in einem Haus (oder Hotel) zu wohnen, wo der Verputz abblättert, und das WC nicht funktioniert. Heisses Wasser gibt es nur sporadisch, die Heizung sorgt dafür, dass man im Winter das alte Tweed-Jackett oder einen uralten Shetlandpulli auch im Haus anbehält. Der 400 Franken teure Single Malt bietet dafür Trost. Alle Möbel stammen aus dem vorletzten Jahrhundert – falls man sie nicht geerbt hat, kauft man sie für Unsummen beim Antiquitätenhändler (dafür haben sie dann wieder Geld). Auf Urgrossvaters altem Pult steht der altbewährte UncleSteve-Computer. In einer Schublade findet man noch seinen Rechenschieber aus Teakholz. (Es ist übrigens in, mit einem alten Rechenschieber umgehen zu können.) Latein – eine stark abgenützte, unpraktische Sprache – ist auch wieder in, darum heisst es ja heute manufactum und nicht hand made. (hand made hiess de facto: in Bangladesch oder Vietnam zu Tiefstlöhnen hergestellt.) Neue Sprachen zu benützen (z.B. deutsch oder englisch) belastet die Umwelt. Schreibt man e-Mails auf Latein, spart man bald Gebühren und Energie. Das neue Handy (manuale) kann man sich dann schenken.

Was sind Holzmöbel? CO2-Senken! Wenn die Wälder wachsen, und das Holz weder verrottet noch verbrannt wird, dann wird CO2 gebunden und der Treibhauseffekt reduziert. Das gilt natürlich auch für die erwähnten Rechenschieber.

Es war ganz leicht das Abfallproblem zu lösen. Wir brauchten nur weniger Krempel zu kaufen, dafür haltbare Sachen. Als wir dann noch diese Sachen unter uns austauschten oder sie uns ausliehen, brauchten wir praktisch gar nichts mehr zu kaufen. Zum Glück leben wir nur 80 Jahre, und viele Dinge halten länger: es gibt viel zu vererben oder zu verschenken. Auch die manufactum-Bürolampe oder den Eames-Sessel kann man schliesslich nicht in die ewigen Shoppinggründe mitnehmen. Im Sarg (eine weitere CO2-Senke!) liegt sich’s bequem genug. Und falls es ein Leben nach dem Tod gibt, gibt es dort auch manufactum-Bürolampen. (Petrus muss ja die Namenslisten auf seinem Pult lesen können.) Wir müssen nur aufhören zu glauben, dass es so etwas wie das «Moderne», das «Neue» oder gar das «Modische» gibt, und schon können wir die meisten Dinge fast ewig gebrauchen. Heute ist alles alt, und das Wort Vintage gibt es gar nicht mehr. Ein Besucher aus dem Jahr 2014 würde wahrscheinlich zuerst meinen, dass es heute nur noch Clochards gibt – aber wenn er genau hinsähe, würde er bemerken, dass wir beste Qualität tragen und das ganz markenfrei.2

Schliesslich entdeckten wir, dass wir gar nicht mehr wohnen mussten. Der ganze Ärger um die Wohnungssuche, das Putzen, das Umziehen, das Möbelkaufen, war gar nicht nötig. Heute wohnen wir überall und nirgends. Kein Mensch hat mehr Möbel. Warum Möbel herumschieben, wenn doch überall schon welche stehen? Die Stadt, die Schweiz, die Welt, sind endlich bewohnbar.

Klar müssen wir irgendwo schlafen, aber das kann man ganz gut in einem Hotel. Selbst zu kochen ist hauptsächlich ein Umweltverbrechen: 30% des Energiebedarfs der Ernährung wurde in unseren Küchen und Lebensmittelsärgen – den Kühlschränken – verursacht.3 (Lebensmittel, das waren übrigens diese lampigen Objekte, die lange herumlagen und dann in den Abfall wanderten bzw. «entsorgt» wurden.). Im Jahr 2014 fanden wir es heraus: Der Mensch ist dazu gemacht in einem Grand Hotel zu leben (eine andere Erfindung der Engländer - man findet sie überall in der Schweiz noch).4 Grand Hotels sind die modernen Nomadenzelte, Basislager oder Unterstände. Endlich sind wir angekommen. Wir sind alle Gäste auf diesem Planeten, die für durchschnittlich 80 Jahre pauschal gebucht haben.

Die Zimmer können von allen benutzt werden und eben nur, wenn man sie wirklich braucht. Es lohnt sich solide Möbel anzuschaffen. Gekocht wird in vernünftigen, grösseren Mengen und daher hocheffizient in der Hotelküche, die Lagerhaltung ist dank professioneller Einrichtung und grosser Mengen abfallfrei. (Grosse Mengen lassen sich leichter planen, weil die Schwankungen statistisch relativ kleiner sind.)

In den Salons, Fumoirs, Bibliotheken, Billiardzimmern, Ball- und Esssälen im Erdgeschoss wird getanzt, geraucht, gelesen, gespielt, getratscht und geschrieben, ohne dass jemand ein Möbel, ein Buch, einen Teller, kaufen müsste. Es gibt sogar betreute Kinderspielräume – etwas abgelegen – so dass auch Eltern bei all dem mitmachen können. Diese gemeinsam nutzbaren Räume sind ökologisch sehr effektiv, pro Person fallen nicht mehr als zwei Quadratmeter an (das macht 1000m2 bei 500 Gästen). Dazu kommen noch 20m2 für das Zimmer, macht 22m2. Früher waren es gegen 50m2: Diese Räume mussten beheizt werden. Sie mussten gebaut und unterhalten werden. Das führte dazu, dass Wohnen einen Viertel unserer Umweltbelastung ausmachte.5 Ein Wahnsinn! Dabei bringt Wohnen nur Kummer und Sorgen. Wohnungen fixieren uns an einem Ort, lähmen unsere Bewegungsfreiheit, generieren viel Arbeit. Umziehen ist ein Krampf. Zieht jemand um von einem Grand Hotel in ein anderes, braucht er nur eine kleine Tasche zu packen. Sie braucht nicht einmal Kleider mitzunehmen, denn jedes Grand Hotel hat eine Ausleihgarderobe, Bettwäsche ist schon da, Schirme gibt’s auch, Zahnbürsten ebenfalls. Sogar Unterwäsche S M L XL (nur in schwarz).

Aber der Ärger mit dem Personal? Hotelzimmer sind teuer – wer kann sich das leisten? 50m2 Wohnraum kosten ca. 10'000 Franken pro Jahr, 28 Franken pro Tag, wenn man Glück hat (für zwei Personen wäre es eine Monatsmiete von 1700.- Franken). Hotelzimmer (20m2) kosten auch nicht mehr – etwa die Hälfte, also 14 Franken pro Tag. Was sie teuer macht, ist der Service. Dieser lässt sich aber unter die Gäste als Ersatz für die eingesparte Hausarbeit aufteilen. Früher leisteten wir etwa 11 Stunden Hausarbeit pro Woche, Männer 6, Frauen 16 Stunden.6 Wenn wir im Grand Hotel 5 Stunden einsetzen, bei 350 arbeitsfähigen Gästen (ganz Alte, Kranke und Kinder ausgenommen), dann haben wir 1750 Stunden pro Woche zur Verfügung, das sind 44 Vollzeitjobs, die wir für Kochen, Waschen und Servieren einsetzen können. (Reinigung und Unterhalt sind ja als Nebenkosten bei den Mietkosten schon inbegriffen.) Wenn wir dazu noch ein paar Profis (sagen wir 6: Köchin, Sommelière, Nanny, Sekretärin, Pianist, Lateinlehrerin)7 einstellen, dann kostet das 360'000 .- (bei einem Monatslohn von ca. 5000.-) pro Jahr, 720 Franken /Bewohner, also 60 Franken mehr pro Monat, 2.- pro Tag, macht 16.-. Nehmen wir dazu noch die Nahrungsmittelkosten, 300.-/Person/Monat, dann bekommen wir für 26 Franken/Tag, 780.-/Monat, Vollpension mit Service. Für eine vierköpfige Familie sind das dann 3120 Franken (Kinder voll gerechnet) auf 80m2, wahrscheinlich aber eher weniger. Familien können ihre Zimmer mit Zwischentüren zu Suiten verbinden. Wenn die Kinder gross sind, werden die Türen geschlossen, und werden die Zimmer wieder frei. Nur 10 -14% der Zürcher Bevölkerung leben in Familien, «Familie» ist also nur eine Phase, die etwa 15 Jahre dauert. Es ist völlig abwegig für diese Phase sog. Familienwohnungen zu bauen. Dann hat man wieder seine Ruhe. (Besuchen kann man sich aber jederzeit, es hat ja in jedem Grand Hotel nur Gästezimmer, wovon 5% immer frei sind.)

Natürlich kommen noch andere Ausgaben dazu: der Hotelbus, der einen zum Bahnhof oder zur nächsten ÖV-Haltestelle bringt, der Unterhalt von Bibliothek, Humidor, Weinkeller, der Ersatz von Wäsche und Geschirr, Reparaturen usw. Dafür spart man aber das Auto (es hat dafür ein paar Leih-Rolls Royces und Motorräder), das sind 667.- /Monat. Kaufen muss man praktisch nichts mehr. Im Haus gibt’s schon viel Kultur, man geht ja jeden Tag aus. Da die 14’000 Grand Hotels der Schweiz (niemand will mehr anders wohnen) eine einzige Kette (Hostalia Magna Helvetica, HMH) bilden, wie früher Macdonald’s oder Ibis, kann man jederzeit in einem andern absteigen, wenn man sich mit allen Gästen zerstritten hat. Wenn man «wandern» will, geht man einfach los, bis die Jacke nass ist und steigt dann in einem andern Grand Hotel ab (jedes hat wie gesagt eine Zimmerreserve von 5%), duscht, und holt sich ein trockenes Jackett aus der Garderobe. Einen Single Malt und eine Cohiba Corona später ist alles wieder im Butter, ganz ohne Mammut und Odlo.

Der Umbau der Schweiz zu den Grands Hotels dauerte nur 5 Jahre und erzeugte die verschiedensten und buntesten Hotel-Formen: Blockrandhotels, Hochhaushotels, diffuse Dorfhotels, mit Zwischenbauten verbundene Agglohotels usw. Einzig aus den Einfamilienhaussiedlungen liess sich nichts Vernünftiges machen: sie wurden vom Zivilschutz abgerissen und wieder in stadtnahes Landwirtschaftsland zurückverwandelt. Ländliche Weiler dienten als Dépendences für die Lebensmittelproduktion der Hotels, meist ergänzt durch einen Gasthof mit Metzgerei, Käserei, Minigolfanlage, mit Zimmern für arbeitende und andere Gäste. Die Alpen wurden (mit Ausnahme der dortigen Grand Hotels) leer geräumt. Tourismus wurde verboten, Herumlaufen in vernünftigen Schuhen und Tweed-Jackets aber erlaubt.

Wir sind nicht nur Gäste, sondern haben irgendwo noch Jobs, zum Beispiel als Pianist in einem andern Grand Hotel; doch viel Arbeit fällt nicht mehr an: gebaut wird nichts mehr, Autos gibt’s kaum mehr (früher hing jeder 7. Job am Auto), es müssen nur noch halb so viel Nahrungsmittel erzeugt werden, Möbel, Kleider, Haushaltkrempel, wird kaum noch neu hergestellt, Zeitungen braucht es einige wenige für das Lesezimmer, Verpackungen fallen keine mehr an, alle Supermärkte und Shoppingcenter konnten schliessen (samt Autobahnzubringern), Ökodesign (haltbar, reparierbar usw.) lohnt sich, Wachstum und Fortschritt entfallen, weil niemand mehr daran glaubt, der Computergebrauch kann auf einen Salon im Erdgeschoss und ein paar Leihhandys, die man an der Réception beziehen kann, beschränkt werden. Man kommt jetzt gut mit 20% der damaligen formellen Arbeit aus, also mit vier Stunden pro Tag, oder eher 1200 Stunden, oder 150 Arbeitstagen, pro Jahr (es ist manchmal sinnvoller und verkehrsmässig effektiver, einen Monat voll zu arbeiten und dann ein Vierteljahr Pause zu machen, statt jeden Tag für vier Stunden irgendwohin zu fahren – aber das hängt von der Art der Arbeit ab). Neben dieser Profiarbeit (als Kampfpilotin, Gehirnchirurgin oder Richterin) fallen allerdings noch vier Stunden Arbeit im erweiterten Haushaltbereich an. Man hat Küchendienst, Waschdienst, man ist im Service. Man darf einander die Betten machen. Da jedes Grand Hotel seine Nahrungsmittel auf einem Hof der Region (das braucht 80ha) selbst produziert und einen Teil der Landarbeit übernimmt, konnte ihr Preis leicht halbiert werden, und die Pensionskosten sanken weiter (von 780.- auf 570.-, also 2280.- für die Familie). Wahrscheinlich wären es um die 2000.-, weil wir die Kinder immer voll gerechnet haben.

Nach dem Schema von Frigga Haug8 (4x4) teilt sich unser Tag im Schnitt in vier Stunden professionelle und bezahlte Arbeit, in vier Stunden Hausarbeit (inkl. Pflege, Landwirtschaft, kleine Heimproduktion wie Backen, Bohnen dörren, Schnaps Brennen), in vier Stunden gesellschaftlich/kommunikative Arbeit (Besprechungen, Politik, Schimpfen, Loben) und in vier Stunden individuelle Betätigung (Gähnen, Rauchen, Trinken, Tanzen) auf. Der Rest ist Schlaf. Geld kommt nur noch aus der professionellen Arbeit (also ca. 1350.- Franken/Monat/Person), wobei allerdings die Ausgaben drastisch geschrumpft sind. Ein Teil der Gesundheitskosten entfällt, weil interne Pflege in den Hotels gut organisiert werden kann. Die meisten Zimmer sind per Lift erreichbar und barrierenfrei, also für Alte und Menschen mit Behinderungen gut geeignet. Es braucht keine Altersheime mehr. Die Gäste oszillieren um den durchschnittlichen demographischen Mix herum.

Da die Hausarbeit auch gegenseitige Leistungen wie Pianostunden, Lateinunterricht, Nackenmassagen, Haareschneiden, Hemdenschneidern usw. umfassen und unentgeltlich sind, sanken die Kosten weiter, wobei der Komfort stieg. Als wir all das ausgerechnet hatten, kamen wir zum Schluss, dass man das ganze Paket, wie früher Pauschalferien, gleich für alle BewohnerInnen ab Geburt als GH-GA gratis machen konnten (Kost/Logis/Transporte/Gesundheit usw.). Den Lohn brauchten wir nur noch für Extras, Reisen ins Ausland (wo sich allerdings das GH-Modell zunehmend durchsetzt), für Geschenke und Schmuck. Wir hatten eine echte Lösung gefunden.

Schliesslich sollten wir nicht vergessen, dass die Grand Hotels eines Quartiers, einer Stadt oder einer Region und auch eines Territoriums kooperieren. (Latein ist logischerweise die Sprache der Confoederatio Helvetica – neutral und nicht ethnisch gebunden. Der Papst spricht es so schlecht, dass er nicht zählt.) Sie haben eigene Betriebe für die Produktion von Bettwäsche, Reinigungsmitteln, Kochmützen, Brauereien, Schreinereien usw. und können so Kosten senken.

Zwanzig bis dreissig Grands Hotels bilden für verschiedenste Funktionen Cluster in Fussdistanz, auch Munizipalgemeinden genannt: dort befindet sich das Grand Hotel de Luxe für besondere Gäste oder besondere Gelegenheiten, das von allen Hotels gemeinsam betrieben wird. Es liegt an einem belebten Platz, wo sich Spezialgeschäfte, Grands Cafés, die Verwaltung, (Latein-)Schulen, Thermen, Polizei (wer klärt den Mord im Fumoir?), Poliklinik, Theatersaal, Schneider, Schuhmacher usw. zusammenballen. Es gibt 600 solche Cluster auf dem ehemaligen schweizerischen Territorium, 450'000 auf der ganzen Welt.9

Die Grands Hotels gelten als guter Kompromiss zwischen unseren nomadischen und sesshaften Instinkten. Die Standards sind – natürlich mit lokalen Anpassungen – überall auf der Welt etwa die gleichen. Nationale und andere Grenzen haben sich weitgehend aufgelöst, wir sind einfach Gäste einer einzigen, globalen Hotelkette, wie früher schon bei Ibis, Sheraton oder Hilton. Es gibt Menschen, die wohnen ihr ganzes Leben lang im gleichen Hotel, andere sind dauernd unterwegs. Ihre Rechte und Pflichten sind die gleichen. Begriffe wie Einwanderung, Auswanderung, Aufenthaltsbewilligung usw. haben ihre Bedeutung verloren. (Erst wenn die Aliens kommen, müssen wir vielleicht wieder umdenken.10)

 

1 Daniel Kahneman, Thinking Fast and Slow, 2011; S. 394; sogar Arbeit macht weniger unglücklich; am glücklichsten macht gemäss Kahneman «ein mit Freunden verbrachter Tag». (Sex macht aufs Leben umgelegt nicht so glücklich, weil er relativ kurz dauert.)

2 Das erinnert mich an meinen Freund S., der damals, als die Lacoste-Leibchen noch etwas Besonderes waren, das Krokodil fein säuberlich entfernte, so dass nur er selbst wusste, dass er ein Lacoste-Leibchen trug. Ausser mir natürlich, der ihn damals bei dieser knifflichen Arbeit ertappte. Es gibt heute spezialisierte Werkstätten, wo man Logos aus alten Klamotten entfernen lassen kann. Auch den dritten adidas-Streifen kriegt man weg, wenn auch mit Mühe.

3 Marcel Hänggi, Ausgepowert, 2011, S. 76

4 Ältere Sozialdemokraten mögen sich noch an den Artikel ihres Parteigenossen Karl Bürkli im Volksrecht vom 18. Juli 1898 erinnern, der Sozial-, Volks-, Proletarier- oder Konsumpaläste nach dem Modell der Bourgeoispaläste vorschlug: «Solche Bourgeoispaläste gibt es ja im Schweizerland zu hunderten, unsere Fremdenhotels sind ja weltberühmt und wegen ihres Comforts, den sie den Fremden bieten, mustergültig; aber in einem solchen Hotel, es mag noch so gross sein, für hunderte von Fremden Schlafräume und Zimmer haben, findet man doch nur eine Küche, nur einen Keller, nur ein Restaurant, wo jeder nach der Karte oder an der table d’hôte speisen kann, exakt so wie im Proletarierpalast, nur raffinierter, aber auch teurer.»

5 BFU, 2012; 24%

6 «Von den 22.5 Stunden Hausarbeit, die laut unserer Stichprobe (Auswahl der Fälle wird weiter unten beschrieben) durchschnittlich pro Woche in einem Paarhaushalt anfallen, erledigt der Mann im Durchschnitt 5.7 und die Frau 16.8 Stunden. Männer erzielen im Durchschnitt 70% des Einkommens beider Partner und erledigen 30% der Hausarbeit, während Frauen 30% des Einkommens erzielen und 70% der Hausarbeit erledigen.» (Statistik-Hausarbeit bei Dr. Klaus Haberkern; FS 2011, Soziologisches Institut, Universität Zürich) Das BfS geht sogar von 44,6 Std. Haushaltarbeit für den Normhaushalt aus – ein Vollzeitjob! (Tages-Anzeiger, 27.5.2014, S.6)

7 Im Hotel Waldhaus Sils***** bedienen 154 Angestellte 290 Gäste. Wenn man einiges selber macht (Zimmerservice 22 - Wäscherei bleibt bei 11; Kulturprogramm 3; Service 16 statt 33 usw.), die Verwaltung reduziert und die Gastronomie (3-Gang-Menu statt 5) einfacher gestaltet, dann kommt man mit der Hälfte gut durch. (TEC21 XX/2013; S.4)

8 Frigga Haug, Die Vier-in-Einem-Perspektive, 2012

9 P.M., The Power of Neighborhood and the Commons, Autonomedia New York, 2014, S. 50

10 Wissenschaftler haben sich schon lange darüber gewundert, dass noch keine intelligenten Wesen aus dem All uns besucht haben. Leider spricht es gerade für ihre Intelligenz, dass sie das noch nicht getan haben: wer würde schon freiwillig einen solchen Planeten besuchen wollen! Nach der GH-Revolution könnte es allerdings nötig werden die intergalaktische Masseneinwanderung mit Kontingenten zu kontrollieren.

Die Diskussion rund um «Proximity» ist lanciert!

Liebe Mitglieder, liebe Interessierte 

Wir haben anschliessend an die Mitgliederversammlung am Samstag den 12. Juli 2014 in Bern über den Vorschlag des Vorstands, Proximity, diskutiert.

Inzwischen geistert Proximity schon überall herum, sogar in Deutschland, wo es heisst, dass Neustart Schweiz eine Bundesagentur für Nachbarschaftsentwicklung und einen 500-Millionenfonds fordert. Aber so weit sind wir noch nicht.

Warum Proximity?

Proximity heisst Nähe, und ist ein Versuch, Nachbarschaften als Ansatzpunkt für eine gesamtgesellschaftliche Veränderung zu benutzen. Da wir mit rein technischen Mitteln eine nachhaltige Gesellschaft (Energiewende, 2000-Watt-Gesellschaft) nicht erreichen, schlagen wir vor, das Potential der Nachbarschaften, die nahe Dienstleistungen, Leben ohne Auto, Teilen statt Kaufen, geringeren Flächenverbrauch usw. bieten könnten, zu nutzen.

Diese neuen Nachbarschaften entstehen, mit oder ohne Neustart Schweiz, momentan an vielen Orten und in vielen Formen: Kalkbreite, Kraftwerk1-3, mehr-als-wohnen, Warmbächli (Bern), Industriestrasse (Luzern), Lena (Basel), nena1 (Zürich), codha (Genf). Die neue, partizipative Genossenschaftsbewegung ist real, und viele Neustart-Mitglieder sind in ihr aktiv. Aber im Vergleich zum kommerziellen Wohnungsbau ist sie klein. Sie berührt kaum das Nachbarschaftsleben in bestehenden Siedlungen, erreicht nur eine bestimmte Szene, kurz: sie ist zu beschränkt, zu langsam. Die Erfahrungen, die in diesen Genossenschaften gemacht werden, sind jedoch äusserst wertvoll und bilden sozusagen den Know-How-Pool von Neustart Schweiz. Sie inspirieren und mobilisieren. Aber es genügt bei weitem nicht.

Mehr Qualität

Daher braucht es zusätzlich eine Intervention des Gemeinwesens, also Politik. Auch hier gibt es verschiedene Initiativen zu günstigem Wohnungsbau oder regulatorische Vorschläge (mehr Dichte). Diese bewirken jedoch keine effektive nachhaltige Lebensweise. Wenn wir nur mehr billige Wohnungen bauen, dann entstehen oft leblose Schlafquartiere, und geben die Leute einfach mehr Geld für Autos, Reisen, Möbel aus. Es fehlt die soziale Essenz, das kooperative Element. Zudem gibt es in der Schweiz keine Wohnungsnot, sondern nur ein konsumistisches Bedürfnis nach mehr Wohnfläche: waren es 1980 noch 30m2/Person, so sind es heute 50m2. Wenn wir schweizweit nur schon den durchschnittlichen Flächenverbrauch der Zürcher Genossenschaften (35m2) einsetzen würden, hätten wir jetzt schon Wohnraum für 12 Millionen Menschen, ohne einen Quadratmeter (Kultur)-Land zu überbauen. Wenn wir nur mehr Dichte fordern, werden InvestorInnen einfach mehr Profite machen, weil sie eine bessere Ausnutzung erreichen. Es geht also nicht mehr um Quantität, sondern um Qualität, nicht mehr um blosse Unterbringung, sondern um eine, kooperative Lebensweise. Wir wollen mehr als nur wohnen.

Wie lancieren?

Über die Ziele von Proximity herrschte an der HV in Bern Einigkeit. In welcher Form jedoch eine politische Aktivität entfaltet werden kann, muss noch weiter diskutiert werden. Neustart Schweiz erreicht nach wie vor nur wenige InsiderInnen, das Thema Nachbarschaft ist noch zu wenig präsent. Sprache und Art des Auftritts müssen angepasst werden. Ideen wie Standaktionen mit Strassentheater, ein Nachbarschafts-Rap-Video, andere Flyers, Medienauftritte usw. wurden vorgeschlagen. Die Frage, wie man sicherstellen kann, dass der Nachbarschaftsansatz weitere Lebensbereiche, wie Arbeitsleben (20-Stundenwoche!), Landwirtschaft (Mikroagro), Pflegearbeit und weitere Kreise (Quartier, Städte, Land) verändert, wurde aufgeworfen. Neustart Schweiz hat nicht einfach nur ein Nachbarschaftskonzept, sondern ein gesamtes Raumkonzept und Vorschläge für eine nach-kapitalistische Lebensweise (Commons! Siehe unser neues Flugblatt in deutsch und französisch) überhaupt. Wir brauchen einen handlichen, für alle verständlichen, konkret formulierbaren und daher politisch umsetzbaren Ansatzpunkt – und dafür eignen sich Nachbarschaften. Ähnlich wie Gemeinden es jetzt schon mit wenig Wirkung tun, kann auch der Bund solche neuen Nachbarschaften mit Know-how («Starter-Kit») und Anschubfinanzierung als nationale Aufgabe entscheidend fördern. Auch der Vergleich zur Landwirtschaftspolitik – Direktzahlungen für sozial und ökologisch erwünschtes Wirtschaften - kann herbeigezogen werden. Eine andere Politik ist also möglich. Es braucht wirklich eine durchsetzungsfähige Bundesagentur (nicht nur ein paar Ämter), und es braucht viel Geld, Milliarden. Schliesslich geht es um unsere Zukunft.

Wie wir das politisch anpacken wollen, ist noch offen. Es muss vorerst auch darum offen bleiben, weil wir in Bern nur 25 Mitglieder waren, die Proximity andiskutiert haben. Vorschläge wie: mehr Öffentlichkeitsarbeit, Petition, politisches Lobbying, Volksinitiative (mit wem?), 10 Modellnachbarschaften in 10 grossen Städten, müssen wir in einem grösseren Kreis weiter verfolgen. Für eine Volksinitiative sind wir noch zu wenig gut aufgestellt, wir bräuchten also Partner (Grüne? SP? BäuerInnenverband? Wohngenossenschaftsverband? Energiestiftung? Pro Natura?) Immerhin: einen politischen Vorstoss muss es geben, möglichst schnell. Wir hoffen, ihr seid alle dabei.

Bitte mitdenken!

An euch, liebe Mitglieder und Interessierte, ergeht also der Aufruf, Proximity (kritisch) zu überdenken, darüber zu diskutieren (in Regionalgruppen oder in Ad-Hoc-Gruppen). Wir sind auf euer Mitdenken, auf eure Vorschläge und eure Kreativität angewiesen. Der Vorstand allein kann ein solches Projekt nicht auf den Weg bringen. Nehmt jetzt Kontakte mit euch bekannten PolitikerInnen auf, erklärt ihnen unseren Vorschlag und lasst euch beraten. Knüpft Netze! Vielleicht ist es auch nötig, dass Ihr die Proximity-Thematik angepasst an euer Umfeld eigenständig neu formuliert: für Junge, für Alte, für zugewanderte Menschen usw.

Also: wie können wir Proximity effektiv lancieren? Zu diesem Thema werden wir schon bald eine ausserordentliche Mitgliederversammlung einberufen. Und dann geht’s wirklich los.

Nun erwarten wir euren Feed-Back via Web-Site oder Post.

Herzliche Grüsse,

Vorstand Neustart Schweiz

P.S. Für die übrigen Traktanden der HV verweisen wir auf das Protokoll

Der globale Aufstand der Städte – gegen die Städte, für andere Städte

Es ist inzwischen fast Konsens, dass der Ausgang der Masseneinwanderungsinitiative etwas mit den negativen Auswirkungen der wachstumsorientierten Wirtschaftsweise zu tun hat. Der Druck – global, national, lokal – der globalisierten Wirtschaft auf Natur, Menschen und Gesellschaft hat in den letzten Jahren, eigentlich seit den sechziger Jahren, immens zugenommen. Ressourcen werden strapaziert, Landschaften zugebaut, Kulturland geht verloren, es entstehen anonyme Schlafstädte ohne gesellschaftliche Essenz – und die Menschen selbst leiden unter Depressionen, Burnout, die sogar zu einigen Selbstmorden von prominenten CEOs geführt haben. Man könnte sagen, dass der ganze Kreislauf von Natur-Individuum-Gesellschaft dabei ist durchzubrennen. Der „Westen“ dreht durch (auch im Osten).

Dieses Durchbrennen entzündet sich weltweit an zufälligen Anlässen – ein Park in Istanbul, teure Busse in Rio, Korruption in Sarajewo oder Kiew, ein Polizeiübergriff in London oder Paris. Jedes Mal entsteht eine spontane Bewegung, die unterstützt von elektronischen Medien, schnell ein allgemeines Malaise „mit allem“ ausdrückt. Die Städter leiden unter den Auswirkungen der Globalisierung am meisten. Im Unterschied zu suburbanen oder ländlichen Situationen haben sie aber ihre Fähigkeit entdeckt kollektiv zu reagieren. Der Aufschrei gegen unsere Wirtschaftsordnung ist nicht nur Protest, er enthält auch eine Hoffnung.

Die Tatsache, dass in der jüngsten Abstimmung die meisten Städte eine manipulative Regulation, die keine Probleme löst, abgelehnt haben, aber zugleich grün-linke Regierungen gestärkt haben – wie in Zürich - zeigt diesen Aspekt der Hoffnung. Die StädterInnen können sich inzwischen Städte vorstellen, die nicht mehr blosse Wachstumsmotoren sind. Die Initiative hat die offizielle Linke mit den Wirtschaftsinteressen in eine unbequeme Allianz getrieben. Klar musste man gegen die Initiative sein, aber die von Economiesuisse vorgegeben Gründe hätte man nicht auch noch schlucken müssen. Solange die Linke dem Wachstumsfetisch anhängt, wird die Rechte die entstehende Konfusion ausnützen und ihre spalterischen Spiele spielen können. Letztlich führt dies zu einer politischen Lähmung, die den Profiteuren des Status Quo, den globalen Multis, eben gerade der Globalisierung, gegen die man vorgibt zu agieren, nützt. Leute wie Blocher sind nur die nationalen Filialleiter der globalen Kapitalinteressen. Ihr Job besteht darin jene Konfusion zu schaffen, in deren Windschatten man ungestört weltweite Geschäfte machen kann.

Wenn man die jüngsten Wahlresultate in der Schweiz oder auch in Deutschland interpretieren will, dann stellt man auch fest, dass die Grünen stagnieren, obwohl sie ja ökologische Fragen als Kernkompetenz haben. In Zürich haben die Grünen Stimmen verloren, die Grünliberalen stagnieren schon wieder. Die Sozialdemokraten kommen nicht vom Fleck, die alternativen Linken halten sich (Deutschland) oder legen zu (Zürich). Die Grünen haben keine echten Antworten mehr in der heutigen Situation, weil sie zum Beispiel eine Kreislaufwirtschaft wollen, aber nicht sagen, wem denn diese Kreisläufe nützen. Auch wenn alles rund läuft, gibt es immer noch Profiteure und Verlierer. Die Grünliberalen möchten uns glauben machen, dass man den Raubtierkapitalismus mit etwas grünem Zureden in einen Streichelzoo verwandeln kann. Parteien wie die AL passen besser in den globalen Aufstand der Städte, weil sie in ihrem politischen Erbgut immerhin noch ein paar Vorstellungen über Machtverhältnisse, die Mechanismen der Profitwirtschaft, reale Souveränität und Solidarität (z.B. durch öffentliche Dienste), Dichte als Organisationsmacht usw. haben. Zudem sind ihre Exponenten Veteranen urbaner Kämpfe seit den sechziger Jahren. Bei den Grünen spürt man kein echtes urbanes Engagement. (Diese Einschätzung trifft auf viele Parteimitglieder nicht zu, ist aber der Eindruck, den die Gesamtpartei erweckt.) Es ist zwar gut und recht, Grünräume, Parks und Velowege zu fordern, aber noch dringender brauchen wir Kommunikationszentren, intensiven Austausch und Herstellung von Gemeinschaftlichkeit. Daher fühlen sich mehr und mehr Städter bei einer alternativen Linken besser aufgehoben als bei den Grünen, deren vage politische Analyse sie immer wieder braun abrutschen lässt (wie zum Beispiel die Tessiner Sektion). So viel Naivität überlebt den urbanen Test nicht. Kann man ihnen trauen? Werden sie Ecopop energisch ablehnen?

Eine „alte“ Linke, die noch am Wachstum hängt, und einfach Arbeitsplätze, höhere Löhne und billigere Wohnungen fordert, setzt der Verwirrungs-Strategie der Rechten nichts entgegen. Sie verteidigt ebenfalls den Status Quo, nur etwas besser verteilt („die Früchte des Wachstums teilen“). Was da wächst, und wie es wächst, das rückt in den Hintergrund. Die Menschen, vor allem die Städter, wo die Kommunikation noch besser funktioniert, haben das längst durchschaut. In Zürich hat die Hälfte der BewohnerInnen schon kein Auto mehr, werden kleinere Wohnungen bevorzugt, nimmt die Teilzeitarbeit zu, entstehen Initiativen für die direkte Lebensmittelversorgung, Gütertausch und gemeinsame Nutzungen. Eine andere Stadt ist möglich – eine Postwachstumsstadt.

In den Agglomerationen werden die Zwänge der Globalisierung eher passiv erlebt, weil die alten sozialen Netze (Dörfer) zerstört oder ausgehöhlt worden sind, und neue urbane Kerne noch nicht geschaffen worden sind. Wie soll man effektiv gemeinsam handeln, wenn keine Gemeinsamkeit mehr besteht? In diesen Wohnzonen erlebt man eine schizophrene Welt: man ist aus der Stadt geflohen (oder verdrängt worden) und muss jeden Tag dorthin pendeln. Man suchte sich einen ruhigen Platz im Grünen und „braucht“ nun ein lautes Auto. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Pendeln in westlichen Gesellschaften der grösste Unglücksfaktor überhaupt ist (noch vor Arbeit, Krankheit oder gar dem Tod), wenn man Zeit mal Leiden rechnet (siehe Kahneman, 2011; S. 194). Und weil alle andern auch ins Grüne wollten, ist dieses nun überbaut und verschwunden. Sogar unsere heutigen Städte sind noch ökologischer als das Landleben. Zudem machen sie glücklicher als das Aggloleben. Die soziale Dichte ist ein Glücksfaktor, wenn sie eben selbst gestaltet werden kann und nicht nur erduldet werden muss. Wenn man zwischen falscher Stadt und falschem Land zerrieben wird, reagiert man gereizt. In dieser Notlage bietet sich dann eine Menschenregulations-Initiative als die nächstbeste Notbremse an. Das ist nicht nur fremdenfeindlich, sondern noch schlimmer: es ist unhöflich. So etwas macht man einfach nicht. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass man vor lauter „gefühltem“ Agglo- und Dichtestress die elementaren urbanen und menschlichen Umgangsformen vergisst

Die Züge sind nicht überfüllt wegen den Ausländern, sondern weil zum Beispiel jeden Tag 8000 Buchhalter von Zug nach Zürich und 8000 Buchhalter von Zürich nach Zug pendeln. Es sind die Querpendler (darunter auch Lehrlinge, Schüler und Studenten), die die Züge füllen. Wenn sich diese Pendler entscheiden könnten am Arbeitsort auch zu wohnen, dann wären es schon einmal 16'000 Passagiere weniger. Aber das ist natürlich nicht so einfach. Und würde dem Wachstum schaden, die heilige, dreifaltige Mobilität antasten und schliesslich jene Arbeitsplätze kosten, wo all die tollen Dinge, die wir eigentlich nicht brauchen, hergestellt werden.

Wirkliche Lösungen für die heutigen Probleme sind leider komplex, sie sind zudem global. Zum Glück gibt es einen globalen urbanen Aufstand gegen all die Blochers, Janukowitschs, Mursis, Erdogans, Le Pens, die versuchen eine imaginäre gesunde, nationale „Landbevölkerung“ gegen die eingebildeten, welschen, amoralischen Städter auszuspielen. Unsere Allianzen bestehen nicht mit den netten liberalen Kapitalisten, der EU oder gar den andern bösen Clowns in andern Nationen, sondern mit den Aufständischen in den Städten, in der Schweiz und weltweit. Zugegeben, in diesen Bewegungen gibt es auch innere Widersprüche und unappetitliche Zutaten, aber ein globaler Konsens über Commons, Demokratie, Ökologie und soziale Gleichheit ist am Entstehen. Ob diese Verbündeten nun Inländer, Ausländer, Gläubige oder Ungläubige, Blaue, Gelbe oder Violette, sind, spielt schon lange keine Rolle mehr, sondern ist unsere eigentliche Stärke. Spass kommt von Vielfalt. Neue Gemeinschaftlichkeit kommt aus gemeinsamem, realem Handeln (nicht nur delegiertem Regulieren). Direkte Demokratie hiesse auch Demokratie im Alltag, am Arbeitsplatz, in den Quartieren. Zusammen mit allen, die nun einmal da sind.

Gibt es in der Schweiz eine Bewegung, die für komplexe Probleme komplexe Lösungen vorschlägt? Die versucht einen gangbaren Weg in eine Postwachstumsgesellschaft aufzuzeigen? Die aus öden Agglosiedlungen lebendige Stadtquartiere mit Zentren in Fussdistanz macht? Die Strukturen ändert, statt Menschen herumzuschieben oder zu vertreiben? Die eine Lebensweise aufzeigt (1000 Watt), bei der es kaum noch eine Rolle spielt, ob nun 7 oder 10 Millionen Menschen ausgerechnet in der Schweiz wohnen? Die sich dafür einsetzt durch direkte Allianzen zwischen Bauern und Stadtbewohnern eine wirkliche Ernährungssouveränität herzustellen? Die die verlorene Nahversorgung in den Nachbarschaften wieder herstellt? Wo ist die Bewegung, die nicht nur Werte verkündet, sondern deren materielle Umsetzung auf dem Territorium, samt Bauplänen, Betriebskonzepten und Verwaltungsregeln, an die Hand nimmt?

P.M. 18.2.2014

Die Schweiz braucht einen Neustart

Die Schweiz braucht einen Neustart
Artikel als PDF

Unsere Art des Zusammenlebens und Wirtschaftens ist weltweit und auch in unserem Land in eine Sackgasse geraten. Unsere so genannte Wirtschaft enthüllt sich immer mehr als ein blosses Instrument einer verschwindend kleinen globalen Oligarchie, die ihre Profite um jeden Preis aufrechterhalten will (15 Prozent der Weltbevölkerung besitzen 85 Prozent des Weltvermögens). Zu diesem Zweck werden wir mit gegenseitiger Konkurrenzierung, Arbeitsstress, Anonymisierung und Isolation daran gehindert, einen globalen Haushalt aufzubauen, der allen ein gerechtes und gutes Leben ermöglicht. Nicht nur funktioniert diese oligarchische Wirtschaftsweise nicht, sie zerstört auch die sozialen und ökologischen Grundlagen unseres Planeten.

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Neustart Schweiz Treffen vom 28. März

Aus meinem Notizbuch

Etwa 30 TeilnehmerInnen (wirklich) aller Altersgruppen sind gestern nach Solothurn zu diesem Open Space Treffen gekommen. Besonders gefreut hat es mich, dass einige neue Freundinnen und Freunde sogar aus Deutschland kamen und leckere Quiches und Kuchen mitbrachten – vielleicht wissen sie, dass Reto und ich uns schon die Domain restartearth gesichert haben?

Zuerst setzen wir uns in einen Kreis und lernten alle 30 Vornamen mit den dazu passenden Gesichtern (Open Face) kennen.

Dann wurde in zuerst 5, dann 3, dann zwei Gruppen über Themen wie: Komplementärgeld, globale Familienplanung, Genossenschaften, Mobilität/Stadträume/Deutungshoheit, Bewusstsein, energieautarke Nachbarschaften, diskutiert.

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Kritik auf Schattenblick

In der elektronischen Zeitschrift "Schattenblick" ist am 12. Januar eine Rezension zu "Neustart Schweiz" erschienen (hier im Volltext nachzulesen). Darin wird unter anderem kritisiert, dass der menschliche Fokus fehlt und dass das System an und für sich nicht angetastet werden soll.

Es freut mich sehr, dass meine Vorschläge in Neustart Schweiz eine gute Chance zur Realisierung haben - dann wäre nämlich der Kapitalismus sofort weg. Ein globaler Haushalt, wie ich ihn vorschlage, funktioniert zur Hauptsache nur jenseits des Wertgesetzes, wie ich es auch in meinem Artikel in Turbulence 5 nochmals betont habe. Allerdings habe ich in Neustart Schweiz versucht das übliche linke Insider-Vokabular zu vermeiden, um eben an Leute zu gelangen, die wir sonst nicht erreichen.

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It’s all about potatoes and computers (part 1)

In the early eighties, Swiss author p.m. – the most common initials in the Zurich telephone directory – published Bolo’Bolo, ‘a field guide to organising utopias’, in the words of one reviewer. ‘Replete with maps, drawings, a new lexicon and universally recognised symbols, and “a planetary menu for subversion”, the text could be considered a political nerd’s version of one of Tolkien’s fantasies, but its references to real events and reflexive tone give the book a kind of crackpot sense of real possibility.’ A quarter-century later, p.m. is still planning.

ACCESS TO LAND AND KNOWLEDGE
The coming centrality of ‘the commons’ – based on the principle of the unconditional survival of all human beings on a decent basis – is obvious at this historical moment. At first they appear to be a ‘fallback-option’ for a system that is unable to allocate, use and distribute social assets in a rational way. But sustaining a social metabolism on the basis of obscure ‘laws’ of values, profits and interests was never a good idea and is now revealed as a catastrophic one. (It has never really been just an idea, but an instrument of oligarchic power. That’s the dirty family secret of it.)

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It’s all about potatoes and computers (part 2)

Second part. Read first part here.

These mostly individual activities cannot replace collective action, but they can become a nutritious side dish and keep the ‘movement of discouragement’ (of economic recovery) alive in periods of relative social tranquillity. Collective action is dependent on a logic of events: it is path-dependent, and not all events are possible at any given time, even if theoretically correct and necessary. (Maybe at this point Shakespeare could be more helpful than Marx.) But we can be confident that many opportunities soon will arise for effective collective action. All of this could lead the capitalist machine into such a quagmire that scenario A would look relatively appetising.

The following proposals are all based on scenario A. Scenario B – a global showdown – could be forced upon us, though. The winning of which seems very improbable to me. The costs would be immense. It’s the old question: socialism or barbarism?

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