Der globale Aufstand der Städte – gegen die Städte, für andere Städte

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Es ist inzwischen fast Konsens, dass der Ausgang der Masseneinwanderungsinitiative etwas mit den negativen Auswirkungen der wachstumsorientierten Wirtschaftsweise zu tun hat. Der Druck – global, national, lokal – der globalisierten Wirtschaft auf Natur, Menschen und Gesellschaft hat in den letzten Jahren, eigentlich seit den sechziger Jahren, immens zugenommen. Ressourcen werden strapaziert, Landschaften zugebaut, Kulturland geht verloren, es entstehen anonyme Schlafstädte ohne gesellschaftliche Essenz – und die Menschen selbst leiden unter Depressionen, Burnout, die sogar zu einigen Selbstmorden von prominenten CEOs geführt haben. Man könnte sagen, dass der ganze Kreislauf von Natur-Individuum-Gesellschaft dabei ist durchzubrennen. Der „Westen“ dreht durch (auch im Osten).

Dieses Durchbrennen entzündet sich weltweit an zufälligen Anlässen – ein Park in Istanbul, teure Busse in Rio, Korruption in Sarajewo oder Kiew, ein Polizeiübergriff in London oder Paris. Jedes Mal entsteht eine spontane Bewegung, die unterstützt von elektronischen Medien, schnell ein allgemeines Malaise „mit allem“ ausdrückt. Die Städter leiden unter den Auswirkungen der Globalisierung am meisten. Im Unterschied zu suburbanen oder ländlichen Situationen haben sie aber ihre Fähigkeit entdeckt kollektiv zu reagieren. Der Aufschrei gegen unsere Wirtschaftsordnung ist nicht nur Protest, er enthält auch eine Hoffnung.

Die Tatsache, dass in der jüngsten Abstimmung die meisten Städte eine manipulative Regulation, die keine Probleme löst, abgelehnt haben, aber zugleich grün-linke Regierungen gestärkt haben – wie in Zürich - zeigt diesen Aspekt der Hoffnung. Die StädterInnen können sich inzwischen Städte vorstellen, die nicht mehr blosse Wachstumsmotoren sind. Die Initiative hat die offizielle Linke mit den Wirtschaftsinteressen in eine unbequeme Allianz getrieben. Klar musste man gegen die Initiative sein, aber die von Economiesuisse vorgegeben Gründe hätte man nicht auch noch schlucken müssen. Solange die Linke dem Wachstumsfetisch anhängt, wird die Rechte die entstehende Konfusion ausnützen und ihre spalterischen Spiele spielen können. Letztlich führt dies zu einer politischen Lähmung, die den Profiteuren des Status Quo, den globalen Multis, eben gerade der Globalisierung, gegen die man vorgibt zu agieren, nützt. Leute wie Blocher sind nur die nationalen Filialleiter der globalen Kapitalinteressen. Ihr Job besteht darin jene Konfusion zu schaffen, in deren Windschatten man ungestört weltweite Geschäfte machen kann.

Wenn man die jüngsten Wahlresultate in der Schweiz oder auch in Deutschland interpretieren will, dann stellt man auch fest, dass die Grünen stagnieren, obwohl sie ja ökologische Fragen als Kernkompetenz haben. In Zürich haben die Grünen Stimmen verloren, die Grünliberalen stagnieren schon wieder. Die Sozialdemokraten kommen nicht vom Fleck, die alternativen Linken halten sich (Deutschland) oder legen zu (Zürich). Die Grünen haben keine echten Antworten mehr in der heutigen Situation, weil sie zum Beispiel eine Kreislaufwirtschaft wollen, aber nicht sagen, wem denn diese Kreisläufe nützen. Auch wenn alles rund läuft, gibt es immer noch Profiteure und Verlierer. Die Grünliberalen möchten uns glauben machen, dass man den Raubtierkapitalismus mit etwas grünem Zureden in einen Streichelzoo verwandeln kann. Parteien wie die AL passen besser in den globalen Aufstand der Städte, weil sie in ihrem politischen Erbgut immerhin noch ein paar Vorstellungen über Machtverhältnisse, die Mechanismen der Profitwirtschaft, reale Souveränität und Solidarität (z.B. durch öffentliche Dienste), Dichte als Organisationsmacht usw. haben. Zudem sind ihre Exponenten Veteranen urbaner Kämpfe seit den sechziger Jahren. Bei den Grünen spürt man kein echtes urbanes Engagement. (Diese Einschätzung trifft auf viele Parteimitglieder nicht zu, ist aber der Eindruck, den die Gesamtpartei erweckt.) Es ist zwar gut und recht, Grünräume, Parks und Velowege zu fordern, aber noch dringender brauchen wir Kommunikationszentren, intensiven Austausch und Herstellung von Gemeinschaftlichkeit. Daher fühlen sich mehr und mehr Städter bei einer alternativen Linken besser aufgehoben als bei den Grünen, deren vage politische Analyse sie immer wieder braun abrutschen lässt (wie zum Beispiel die Tessiner Sektion). So viel Naivität überlebt den urbanen Test nicht. Kann man ihnen trauen? Werden sie Ecopop energisch ablehnen?

Eine „alte“ Linke, die noch am Wachstum hängt, und einfach Arbeitsplätze, höhere Löhne und billigere Wohnungen fordert, setzt der Verwirrungs-Strategie der Rechten nichts entgegen. Sie verteidigt ebenfalls den Status Quo, nur etwas besser verteilt („die Früchte des Wachstums teilen“). Was da wächst, und wie es wächst, das rückt in den Hintergrund. Die Menschen, vor allem die Städter, wo die Kommunikation noch besser funktioniert, haben das längst durchschaut. In Zürich hat die Hälfte der BewohnerInnen schon kein Auto mehr, werden kleinere Wohnungen bevorzugt, nimmt die Teilzeitarbeit zu, entstehen Initiativen für die direkte Lebensmittelversorgung, Gütertausch und gemeinsame Nutzungen. Eine andere Stadt ist möglich – eine Postwachstumsstadt.

In den Agglomerationen werden die Zwänge der Globalisierung eher passiv erlebt, weil die alten sozialen Netze (Dörfer) zerstört oder ausgehöhlt worden sind, und neue urbane Kerne noch nicht geschaffen worden sind. Wie soll man effektiv gemeinsam handeln, wenn keine Gemeinsamkeit mehr besteht? In diesen Wohnzonen erlebt man eine schizophrene Welt: man ist aus der Stadt geflohen (oder verdrängt worden) und muss jeden Tag dorthin pendeln. Man suchte sich einen ruhigen Platz im Grünen und „braucht“ nun ein lautes Auto. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Pendeln in westlichen Gesellschaften der grösste Unglücksfaktor überhaupt ist (noch vor Arbeit, Krankheit oder gar dem Tod), wenn man Zeit mal Leiden rechnet (siehe Kahneman, 2011; S. 194). Und weil alle andern auch ins Grüne wollten, ist dieses nun überbaut und verschwunden. Sogar unsere heutigen Städte sind noch ökologischer als das Landleben. Zudem machen sie glücklicher als das Aggloleben. Die soziale Dichte ist ein Glücksfaktor, wenn sie eben selbst gestaltet werden kann und nicht nur erduldet werden muss. Wenn man zwischen falscher Stadt und falschem Land zerrieben wird, reagiert man gereizt. In dieser Notlage bietet sich dann eine Menschenregulations-Initiative als die nächstbeste Notbremse an. Das ist nicht nur fremdenfeindlich, sondern noch schlimmer: es ist unhöflich. So etwas macht man einfach nicht. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass man vor lauter „gefühltem“ Agglo- und Dichtestress die elementaren urbanen und menschlichen Umgangsformen vergisst

Die Züge sind nicht überfüllt wegen den Ausländern, sondern weil zum Beispiel jeden Tag 8000 Buchhalter von Zug nach Zürich und 8000 Buchhalter von Zürich nach Zug pendeln. Es sind die Querpendler (darunter auch Lehrlinge, Schüler und Studenten), die die Züge füllen. Wenn sich diese Pendler entscheiden könnten am Arbeitsort auch zu wohnen, dann wären es schon einmal 16'000 Passagiere weniger. Aber das ist natürlich nicht so einfach. Und würde dem Wachstum schaden, die heilige, dreifaltige Mobilität antasten und schliesslich jene Arbeitsplätze kosten, wo all die tollen Dinge, die wir eigentlich nicht brauchen, hergestellt werden.

Wirkliche Lösungen für die heutigen Probleme sind leider komplex, sie sind zudem global. Zum Glück gibt es einen globalen urbanen Aufstand gegen all die Blochers, Janukowitschs, Mursis, Erdogans, Le Pens, die versuchen eine imaginäre gesunde, nationale „Landbevölkerung“ gegen die eingebildeten, welschen, amoralischen Städter auszuspielen. Unsere Allianzen bestehen nicht mit den netten liberalen Kapitalisten, der EU oder gar den andern bösen Clowns in andern Nationen, sondern mit den Aufständischen in den Städten, in der Schweiz und weltweit. Zugegeben, in diesen Bewegungen gibt es auch innere Widersprüche und unappetitliche Zutaten, aber ein globaler Konsens über Commons, Demokratie, Ökologie und soziale Gleichheit ist am Entstehen. Ob diese Verbündeten nun Inländer, Ausländer, Gläubige oder Ungläubige, Blaue, Gelbe oder Violette, sind, spielt schon lange keine Rolle mehr, sondern ist unsere eigentliche Stärke. Spass kommt von Vielfalt. Neue Gemeinschaftlichkeit kommt aus gemeinsamem, realem Handeln (nicht nur delegiertem Regulieren). Direkte Demokratie hiesse auch Demokratie im Alltag, am Arbeitsplatz, in den Quartieren. Zusammen mit allen, die nun einmal da sind.

Gibt es in der Schweiz eine Bewegung, die für komplexe Probleme komplexe Lösungen vorschlägt? Die versucht einen gangbaren Weg in eine Postwachstumsgesellschaft aufzuzeigen? Die aus öden Agglosiedlungen lebendige Stadtquartiere mit Zentren in Fussdistanz macht? Die Strukturen ändert, statt Menschen herumzuschieben oder zu vertreiben? Die eine Lebensweise aufzeigt (1000 Watt), bei der es kaum noch eine Rolle spielt, ob nun 7 oder 10 Millionen Menschen ausgerechnet in der Schweiz wohnen? Die sich dafür einsetzt durch direkte Allianzen zwischen Bauern und Stadtbewohnern eine wirkliche Ernährungssouveränität herzustellen? Die die verlorene Nahversorgung in den Nachbarschaften wieder herstellt? Wo ist die Bewegung, die nicht nur Werte verkündet, sondern deren materielle Umsetzung auf dem Territorium, samt Bauplänen, Betriebskonzepten und Verwaltungsregeln, an die Hand nimmt?

P.M. 18.2.2014