Ein Spaziergang durch das nachhaltige Zürich im Jahre 2021

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Stille Tage in den Zürcher Auen

Gemütlich flanieren. Aus der Zürcher Landschaft nach Züri West und wieder zurück. Und sich dabei gelegentlich wundern.

Von Stefan Howald | Aus WOZ vom 18.11.2010

Alles begann im nächsten Jahr: Kurze Geschichte des autonomen Territoriums Schweiz

Der Herbsttag begann glorios. Tautropfen glitzerten im Spinnennetz vor der Haustür; über den Feldern hingen Nebelschwaden, die sich in der milden Sonne in goldene Schlieren auflösten. Der Pendlerzug war, wie immer, ziemlich gut gefüllt, wiewohl nicht ganz voll. Durchaus angenehm zu reisen. Die kürzlich angepassten Frequenzen schienen sich eingespielt zu haben. Erstaunlich, wie viel Gepäck man mit sich führen kann. Rucksäcke aus Jute waren offenbar der letzte Schrei. Ich wollte mich mal erkundigen, wo man die bekam. Und marinierte Pas­ti na ken waren als Snack der neuste Renner. Dagegen befand sich ein einziges Smartphone in Betrieb; den Leuten scheint die Lust vergangen zu sein, Pseudokommunikation mit Menschen zu betreiben, die sie wenig später leibhaftig treffen.

In der regionalen Zeitung, die im Zug auflag, studierte ich die Höhepunkte der kommenden Kultur- und Wissenssaison. Ein Mitreisender verwickelte mich in ein Gespräch über die neuste Produktion am Stadttheater; ich beschrieb ihm die Attraktionen des kürzlich eröffneten Sozialmuseums. Kurz vor der Ankunft überflog ich den Bericht zum Radkriterium um Zürich, das erneut einen TeilnehmerInnenrekord verzeichnete. Und die Landhockey-Meisterschaft schien in ihre entscheidende Phase zu treten.

Am Metrofoyer

Als ich vom Zürcher Hauptbahnhof zur Bahnhofbrücke ging, glitten zwei Hybridautos vorbei, was mich ein wenig verwunderte. Im ehemaligen Globus-Provisorium holte ich das Spezialmedikament ab, das im Gesundheitszentrum meiner Gemeinde nicht vorrätig war – natürlich lokal hergestelltes Generikum. Der Packung lag ein Faltprospekt über die 37 Wunder der Welt bei – man kann die Bildungsbeflissenheit auch übertreiben. Im Parterre besuchte ich die aktuelle Ausstellung. Die Region Westkap präsentierte neuste ökologische Technologien und Seitan-Ersatzstoffe. Zudem dokumentierte sie ihr städtebauliches Programm: von Townships zu verdichteten Nachbarschaften. Eindrücklich zu sehen, wie aus sozialen Verheerungen eine blühende Gemeinde wachsen kann.

Die Windkrafträder, die den zum Metrofoyer umgebauten ehemaligen Globus einrahmen, stammen aus der Zeit, als man glaubte, es genüge, fossile Energieträger durch erneuerbare zu ersetzen. Da strebten wir doch tatsächlich ein paar Jahre lang die 2000-Watt-Gesellschaft an, bis wir merkten, dass dies die armen Länder in der Unterentwicklung verharren liess und das globale Überleben immer noch gefährdete. Wor auf endlich auf die 1000-Watt-Gesellschaft eingeschwenkt wurde. Die Windräder wurden, technologisch veraltet, stillgelegt. Es gab Diskussionen, was mit ihnen anzufangen sei, aber die Nachbarschaften links und rechts der Limmat wurden sich nicht einig, und so liess man sie stehen. Mittlerweile sind die beiden Masten bis hoch hinauf mit Graffiti verziert.

Mit der Hinfahrt hatte ich meine täglichen Eisenbahnkilometer aufgebraucht, den Rückweg musste ich wohl mit dem Mobility-Velo unter die Räder nehmen. Also lieh ich mir eines vor dem Metrofoyer aus und radelte die Bahnhofstrasse hinunter. Beim Schlenderweg kreuzte ich an diesem Tag schon den dritten Biogaslieferwagen. Offenbar kaufte die Nachbarschaft Zürich-Bahnhof gross für die nächsten Wochen ein.

Bei der Entwicklungsbank

Am Flaneurplatz warf ich einen flüchtigen Blick auf die Schweizerische Entwicklungsbank, die die Gebäude der früheren UBS am ehemaligen Paradeplatz übernommen hat. Sie vermittelt vornehmlich Mikrokredite an Kommunen im Süden. Als sie den Betrieb aufnahm, wurde darüber gestritten, ob man damit nicht die kapitalistischen Strukturen zementiert. Kurzfristig war aber keine andere Lösung für eine nachholende Entwicklung in Sicht; ein Naturaltausch mit den afrikanischen und lateinamerikanischen Territorien kam aus ökologischen Gründen nicht infrage. Die ursprünglichen Kreditgelder stammten aus dem Solidaritätsfonds, der Anfang des Jahrhunderts geplant, aber nicht verwirklicht worden war; und mit der Stabilisierung des autonomen Territoriums Schweiz hat die Bank die Kredite allmählich abgeschrieben.

Kurz nach dem Flaneurplatz beginnt die Begrünung, die sich bis zum Seeufer fortsetzt. Der ehemalige General-Guisan-Quai ist aufgebrochen und mit winterresistenten Palmen aus der Zucht des botanischen Gartens bepflanzt. Ich stellte das Velo ab und spazierte dem Ufer entlang. Kultur- und Essensstände reihten sich aneinander. Diese Symphonie von Düften und Farben! Exotik, in die Nähe zurückgeholt. Ein Reiher schaukelte gemächlich in den Palmwipfeln. Die Pastinaken wurden hier grilliert angeboten. Sie fanden reissenden Absatz. Die Frau am Stand erklärte, dass das Gemüse nicht vom Landwirtschaftsbetrieb der Nachbarschaft stamme, sondern von einer kleinen Parzelle neben dem botanischen Garten, die sie selbst bewirtschafte. Zeit für solche Spässe haben wir ja.

Ich schwang mich auf ein anderes Velo und fuhr nach Züri West. Nicht gerade der süffigste Name, aber er hängte sich wohl ironisch an die Vergangenheit an. Überhaupt, die Namen der Nachbarschaften und Basisgemeinden. Sie sind erstaunlich konservativ. So vieles ist anders geworden, ganz anders; da will man sich womöglich mit traditionellen Namen ein wenig Vertrautheit verschaffen. Auch die Redaktionsräume der Zeitung für den Grossraum Zürich strahlen einen leicht verblichenen Charme aus. Eigentlich hatte gestern meine Dreitagearbeitswoche geendet. Aber die Strategiesitzung durfte ich wohl nicht verpassen. Sitzungen scheinen auch in unserer schönen neuen Welt nicht überflüssig geworden zu sein. Es ging um die Frage, ob und wie die lokalen Nachbarschaften in der Berichterstattung berücksichtigt werden sollten und ob man trotzdem an einem professionellen Anspruch festhalten konnte.

In der Vorstadt

Nach der Sitzung fuhr ich nach Hause, am Käferberg vorbei. Gerade hier sind die Veränderungen am radikalsten. Die Zersiedelung ist rückgebaut worden, der Agglomerationsbrei hat sich in klar erkennbare Nachbarschaften geschieden. Frühere Dörfer sind wieder erkennbar. An der Hauptstrasse sind ein paar der schlimmsten Bausünden abgerissen, andere umgenutzt. Von zwei der Blocks ragen zierliche Minarette in den Himmel; im Parterre locken die Real Rodeo Bar und das Genuin Irish Pub zum Verweilen. Oder auch nicht. Eine einzige Hauptstrasse führt durchs Quartier und aus ihm heraus. Auf ihr war gerade eine Modeschau der neusten biotronischen Velos unterwegs – die Vorstädte haben sich schon immer als modische Avantgarde versucht. Neben RollschuhfahrerInnen mit Juterucksäcken sowie ein paar Rikschas bahnten sich auch vereinzelte Biogaslieferwagen einen Weg durch das abendliche Treiben. Eine Ambulanz fuhr zum regionalen Gesundheitszentrum. Die Fahrerin lehnte sich aus dem Fenster und unterhielt sich mit einem Rollschuhfahrer, der sich dem Tempo der Ambulanz angepasst hatte. Nicht ganz ungefährlich, aber jeder nach seinem Gusto. Entlang des Wegs lassen sich ältere Einfamilienhäuser ausmachen; einige sind in Ferienwohnungen umgewandelt, andere schon beinahe überwuchert. Den Flughafen hat das benachbarte Ried schon fast zurückerobert; nur eine Piste wird für Notflüge intakt gehalten. Zugegeben, die Rückverwandlung der Vorstädte ist noch nicht überall gelungen.

Landschaft

Meine Partnerin und ich hatten lange überlegt, ob wir uns der Nachbarschaft in der Zürcher Agglomeration anschliessen wollten oder doch nach Wiedikon Central oder Züri West ziehen sollten. Aber der grün angehauchte Mittelstand in unserer Umgebung stürzte sich enthusiastisch in die Sache, und überraschenderweise zeigte sich genügend bäuerliche Solidarität, oder Bauernschläue, um das Experiment nicht von vornherein scheitern zu lassen. Die lokale Schule wurde zu einer Grossküche und einem Kulturzentrum umgebaut, da die Schulen mehrerer Nachbarschaften im früheren Dorfzentrum zentralisiert wurden.

Länger ansässige ausländische Familien hatten von Beginn an, obwohl zögerlich, mitgemacht, aber Neuzugezogene betrachteten die Entwicklung vorerst misstrauisch. Wir hörten, dass eine eigene Nachbarschaft erwogen wurde, die nach religiösen Prinzipien geführt werden sollte; aber die kam nicht über erste Gebetstreffen hinaus. Dann schloss sich eine muslimische Familie unserer Nachbarschaft an, und bald setzte sich das Prinzip der nach Wohnort organisierten Gemeinschaft durch. Mittlerweile spielen Nationalitäten und Pässe keine Rolle mehr. War auch höchste Zeit. Kulturelle, historische Unterschiede sind natürlich bestehen geblieben, und angesichts der Vielfalt kann, wer will, an der Hälfte der Tage im Jahr irgendeinen Feiertag zelebrieren.

Die Verbindung mit den umliegenden Bauernhöfen, auf die jede Nachbarschaft zum Überleben angewiesen ist, liess sich einfacher an als erwartet. Schon früher hatte es in der Umgebung gemeinnützig betriebene Höfe gegeben, und die Wiederaufnahme dieser Betriebsform leuchtete den meisten ein. Der biologisch orientierte Bauer aus dem Nachbardorf sah sich zwar zuerst um seine Pionierrolle und seinen Wettbewerbsvorteil gebracht, schloss sich dann aber mit den Nachbarhöfen zusammen. Damit können nicht nur unsere, sondern ein Dutzend weitere Nachbarschaften beliefert werden. Täglich werden die frischen Lebensmittel in das Gemeinschaftszentrum gekarrt und dort von einem professionellen Team zubereitet. Auf erstaunlichem Niveau, finde ich, wobei mein Geschmack eher ein einfacher ist. Es gibt Einzelne, die gelegentlich Gemüse und Früchte selbst abholen und sich ihre eigene Suppe kochen, aber die meisten sind zufrieden damit, aus der Küche der Nachbarschaft versorgt zu werden, und wer den kreativen Drang zum Kochen verspürt, kann sich jederzeit zur freiwilligen Küchenarbeit melden. Dadurch steigen ja wiederum Qualität und Vielfalt der angebotenen Speisen.

Einzig die reduzierte Fleischproduktion verursacht mir gelegentlich sehnsüchtige Leere im Bauch. Ach, diese Jägersteaks und Schinkli und Fleischvögel und Saucissons, die ich früher verschlang ... Aus ökologischen Gründen, das sehe ich ein, können tierische Proteine nicht mehr in den früheren Mengen verzehrt werden. Aber sie fehlen mir. Immerhin wurde die Palette einheimischer Saisongemüse entschieden ausgeweitet, und marinierte Pastinaken schmecken gar nicht so schlecht.

Landeinsätze

In meinem Zimmer sah ich, dass mein nächster Einsatz auf dem Biohof erst in zwei Wochen bevorstand. Diese Verpflichtung ist nicht unumstritten. Zuweilen erinnern ältere ZynikerInnen ans unselige Muster chinesischer Arbeitsdienste vor über einem halben Jahrhundert. Allerdings erfolgen solche Einsätze nun freiwillig und im Interesse der ganzen Gemeinschaft. Die Massnahme wird regelmässig in demokratischen Abstimmungen bestätigt.

Eifrigere VerfechterInnen des neuen Systems finden, diese Einsätze förderten die Volksgesundheit und Naturverbundenheit. Für mich sind das nachträgliche Mystifizierungen. Zuweilen ist es ja lustig, mit andern auf dem Feld zusammenzuarbeiten, es lüftet den Kopf durch. Aber es geht um ganz praktische Gründe. Durch die Landarbeit werden die Lebenshaltungskosten vollständig im direkten lokalen Austausch erwirtschaftet. Man kann gar nicht mehr von Kosten sprechen, der Lebensunterhalt wird in der Nachbarschaft erarbeitet und von dieser garantiert, Punkt. Zwar kriegen wir für unsere Arbeit ausserhalb der unmittelbaren Subsistenzproduktion einen Lohn, doch dieses Geld dient für besondere Auslagen, vor allem im Austausch mit andern Regionen.

Die Planung und Regulierung der Tätigkeiten ist zu Beginn nicht ganz einfach gewesen. So bestand in vielen Nachbarschaften und Basisgemeinden ein Überangebot an Dienstleistungen und an Beschäftigten im Tertiärsektor. Das konnte erst durch effiziente computerunterstützte Programme austariert werden. Die Vorstellung, eine Gesellschaft könne auf Planung verzichten, ist bekanntlich ein Irrtum. Das schliesst persönliche Härtefälle bei Umstellungen nicht aus. Entlassungen, im Klartext. Für solche Situationen ist das garantierte Mindesteinkommen eingeführt worden. Man erhält es nur auf Antrag, um keine Abhängigkeiten oder Stigmatisierungen entstehen zu lassen. Ein einleuchtendes Argument, das allerdings einen bestimmten Wissensstand aller Betroffenen voraussetzt. Was wiederum durch das massiv ausgebaute Schulsystem gewährleistet ist.

Bildung

Bildung haben wir früh als zentrale Aufgabe fürs Territorium Schweiz erkannt. Als erste Massnahme wurde, für einmal, zentralisiert. Die im Basisgemeindezentrum integrierten Primarschulen haben einheitliche Lehrziele, aber autonome Lehrpläne. Auf der Sekundarstufe haben wir die Selektion aufgehoben. Das kann ich nicht genug hervorheben. Endlich ist Schluss mit der absurden Aussonderung nach der sechsten Klasse, dieser Verschwendung kostbaren Potenzials. Die einheitliche Gymnasialstufe qualifiziert die meisten SchülerInnen für die neuen Akademien. Entsprechend mussten die Stellen im Bildungssektor verdoppelt werden, wobei die notwendigen Lehrkräfte an anderer Stelle verfügbar wurden, etwa in der staatlichen Bürokratie.

Tatsächlich sind alle Sozialversicherungen, als Aufgabe des Territoriums Schweiz, zusammengefasst: Arbeitslosenversicherung samt Mindesteinkommen, Fürsorgeinstitutionen und Einheitskrankenkasse. Behandelt werden sie an einem einzigen Schalter in jeder Gemeinde. Da ist die Bürokratie zu aller Nutzen verschlankt worden. Das geschieht subsidiär zur Gemeindeautonomie, die ungemein gestärkt worden ist. Bei uns auf dem Land sind im Wesentlichen vier ehemalige Dörfer mit insgesamt vierzig Nachbarschaften zu einer Basisgemeinde zusammengeschlossen. In dieser finden zugleich die politischen Ausmarchungen statt.

Wohnen

Eine Stunde lang bastelte ich zu Hause an meiner Sonnenenergie-Quadrophonieanlage herum. Hätte nie gedacht, dass ich solch handwerkliches Geschick entwickeln würde. Zugegeben, meine jüngeren Mitbewohnerinnen haben mir enorm geholfen. Generell hat das Handwerk eine Blüte erlebt, freilich auf hohem technologischem Stand. Maschinenstürmerei kam nur in der Sturm-und-Drang-Phase vor. Die Arbeitsteilung aufzuheben, hat sich aber als schwieriger erwiesen. Immerhin, die Durchlässigkeit zwischen einzelnen Tätigkeiten ist viel grösser geworden. Mein Nachbar wartet, als ehemaliger Automechaniker, am ersten Arbeitstag der Woche Mobility-Velos, betreut am zweiten das Quartierkino und hilft am dritten bei der Programmierung des Menüplans; dank seiner neuen Qualifikationen hat er sich zudem einen lokalen Namen als elektroakustischer Musiker gemacht.

Abends begab ich mich in die Kantine. Aus den drei angebotenen Menüs wählte ich Vollkornreis mit Seitanschnitzel, dazu rote Grütze. Den Pastinakensalat liess ich stehen. Dann schaute ich im Gemeinschaftszentrum vorbei. Vier NachbarInnen waren in ein gemischtes Doppel um den Tischtennistisch verwickelt, und eben versammelten sich die ersten Bridgerunden; in der Bibliothek herrschte entspannte Ruhe. Im Gemeinschaftszentrum verbringen wir so viel Zeit unseres Lebens. Ohne dass die Privatsphäre zu kurz käme. Jedem steht in den kommunalen Wohnungen ein Privatzimmer zu. Mindestens zwanzig Quadratmeter. Das tönt nach weniger, als es ist, weil viele Hausarbeiten wie Kochen und Waschen ausgelagert sind.

Vor Jahren hat unsere Nachbarschaft mit weitergehenden kommunitären Wohnformen experimentiert: Einzelschlafzimmer nur auf ausdrücklichen Wunsch, alle Zimmer ohne Türen und so weiter. Nach ein paar Peinlichkeiten und heftigen Eruptionen haben wir den Versuch abgebrochen. Das Experiment war auch ökologisch nicht sehr durchdacht, denn wir mussten danach die kurzfristig aufgegebenen Einfamilienhäuser wieder instand stellen. Natürlich werden die jetzt besser ausgenützt. Meine Partnerin und ich haben ja Glück mit unserer generationenübergreifenden Wohngemeinschaft. Je ein Privatzimmer, und die Gemeinschaftsräume, samt Badezimmer, werden turnusgemäss einigermassen reinlich und in Schuss gehalten. Nur die Musik, die die junge Generation heutzutage hört! Da sind ein paar Aushandlungen über den Lärmpegel nötig gewesen, und ein paar Ermahnungen, dass Synthesizer, bitte schön, mit dem eigenen Dynamo zu betreiben seien.

Selbstverständlich, die ursprüngliche Vorstellung, dass sich vernünftige, rationale Überlegungen quasi automatisch durchsetzen, dass die globale Sache naturwüchsig als die eigene erkannt werde, ist schnell auf handfeste menschliche Realitäten geprallt. Die Mühen der Ebene: das Waschküchensyndrom oder, alternativ gesagt, der WG-Abwaschplan. In den Nachbarschaften hat sich das mittlerweile eingependelt. Über Nachbarschaften hinausgehende Streitereien werden in verschiedenen Formen verhandelt, von der eher autoritären Form lokaler FriedensrichterInnen bis zu Versammlungen, Tribunalen, die an afrikanische Traditionen anknüpfen.

Auch auf höherer Ebene braucht es verbindliche Übereinkünfte, ja sogar eine Polizei. Es hat wohl niemand erwartet, dass alle Verbrechen sofort verschwinden. Die Polizei ist als Aufgabe den Regionen zugewiesen; ich selbst habe aber immer noch eine instinktive Abneigung dagegen, mit ihr etwas zu tun zu haben.

Erholung

Durch die verstärkte Begrünung sind die Erholungszonen vor die Haustür gerückt und haben ihren Charakter als ausgelagerte Exklaven verloren. Wohnen, Arbeit und Erholung sind wirklich integriert. Das hat unter anderem die Funktion des Sports verändert. Früher mussten wir uns ja in künstlichen Parallelwelten körperlich betätigen, weil wir eingepfercht an unseren Arbeitsplätzen vor Computern hockten. Zu dieser Kompensation brauchts den Sport nicht mehr, und schon gar nicht als Mittel zum sozialen Aufstieg. Beim Fussball hat sich die tribalistische Attraktion abgeschwächt. Zwar wird noch immer rumgekickt, zum Glück, aber nicht mehr professionell. Was nicht heisst: auf Amateurniveau. Auch die energiefressenden Eishallen wurden abgeschafft. Eishockey wird noch auf Natureis gespielt, als unschuldiges Vergnügen. Als Wettkampfsport ist es durch Land- und Rollhockey ersetzt worden. Dafür turnen wir mehr mit geistiger Akrobatik herum, in den verschiedensten Variationen. Jassen erlebt einen neuen Aufschwung, vom politisch konservativen Geruch befreit. Immer mehr Leute wenden sich dem Bridge zu – mich persönlich überfordert die dazu nötige Mischung aus Kalkül und Intuition. Auch Gesellschaftsspiele sind wieder aufgekommen: Rollenspiele mit kriminalistischen Motiven sind gegenwärtig der Renner, wobei einige aufbauende, pädagogisch wertvolle Spiele wie «Kommunales Städtebauen» vorziehen. Aber wie gesagt, gelegentlich kann man die Bildungsbeflissenheit übertreiben.

Da meine Partnerin ihre Gewinnsträhne beim Bridge nicht abbrechen lassen wollte, zog ich mich zurück und schlief nach einem ganz normalen Tag schnell ein. Im Traum ritt ich auf einem weissen Einhorn über weite Fluren durch golddurchflutete Nebelschwaden.


Alles begann im nächsten Jahr: Kurze Geschichte des autonomen Territoriums Schweiz

Ende 2012: Durch eine Umweltkatastrophe vor der nigerianischen Küste und gleichzeitige soziale Unruhen in China bricht die weltweite Energie- und Güterversorgung vorübergehend zusammen. Die UBS, die sich trotz verschärfter Vorschriften mit nigerianischen und chinesischen Bonds verspekuliert hat, steht vor der Insolvenz; die erneute Rettung durch den Schweizer Staat zieht eine massive Steuererhöhung nach sich und lässt die Arbeitslosigkeit in die Höhe schnellen.

Anfang 2013: Grosse Streikbewegungen in der Waadt, in Genf, am Jurasüdfuss und in Winterthur.

Mitte 2014: Bildung von autonomen Inseln, unter anderem im Jura, in Züri West und in St. Gallen-Fiden. Die rot-grüne Stadtregierung von Basel bekundet ihre «Solidarität», will die Stadt selbst aber vorerst nicht für autonom erklären.

2015: Die Idee autonomer Gebiete gewinnt an Boden. In allen grösseren Städten werden autonome Quartiere ausgerufen, ebenso in verschiedenen Randregionen. Nur das Mittelland bleibt von der Bewegung unberührt.

1. Mai 2016: Historischer Neuer Deal zwischen BürgerInneninitiativen, NGOs und Gewerkschaften mit dem Unternehmerverband sowie der Bundesverwaltung: Die Arbeitenden nehmen Lohnreduktionen in Kauf, wobei das eingesparte Geld in einen Neustart-Fonds einbezahlt wird, mit dem grundlegende radikale Umwälzungen der Infrastruktur und der sozialen Verfassung begonnen werden. Als hart erfeilschter Kompromiss garantiert Neustart Schweiz den Unternehmen vorerst ihre Profite, schliesst sie zugleich von der Gestaltung der Gesellschaft aus.

Die SPS «begrüsst» das Abkommen und fordert drei Sitze im neunköpfigen Bundesrat, der allerdings am nächsten Tag seinen kollektiven Rücktritt erklärt. Die CVP kündigt ein Communiqué für die nächste Woche an und löst sich dann unbemerkt auf. Die FDP protestiert «entschieden» gegen die Abkehr von der reinen Marktlehre, zieht sich nach Zug zurück und gründet dort die Republik Neolib. Die SVP protestiert «scharf» gegen den Ausverkauf der Heimat. In der Folge erinnert sich der bäuerliche Flügel an die Tradition der Allmenden und beschliesst misstrauisch, einen Kooperationsvertrag mit diesen Spinnern abzuschliessen. Der neoliberale Flügel fliegt unter der Führerschaft des aus der Kryokonservierung aufgetauten alt Bundesrats Christoph Blocher mit einem Privatjet in eine freie Handelszone in China. Der nationalpatriotische Flügel zieht sich aufs Rütli zurück.

1. Februar 2017: Das autonome Territorium Schweiz schliesst Freundschaftsvereinbarungen mit den autonomen Territorien Berlin Ost, Languedoc, Islington, Stockholm, Neu-Cristiania, Toscana, San Francisco West und Harlem ab.

1. Mai 2017: Zur Föderation stossen Hongkong, Westkap und Abu Dhabi Süd; Gaza und Andrah Pradesh?/?Naxalia werden assoziierte Mitglieder.

Mitte 2018: Der marktliberale Flecken Zug gerät nach einer kurzen Blütezeit in eine Spekulationsblase mit wertlosen Immobilientiteln. Desillusionierte Mitglieder zünden Milliarden von nichtkonvertiblen Franken in aufgehäuften Papierstössen an. Ein harter Kern schliesst sich der vom ehemaligen Tennisprofi Roger Federal gegründeten Fitness-Community bei Wollerau an.

Anfang 2019: Das autonome Territorium Schweiz besteht aus 7 Regionen und 500 Basisgemeinden, die sich wiederum aus rund 20?000 Nachbarschaften, sogenannten Lebenserhaltungsorganisationen mit jeweils etwa 500 Personen, zusammensetzen.

Mit der treuhelvetischen Republik Rütli bestehen Wirtschaftsbeziehungen, von der Republik hartnäckig als bilaterale Verträge bezeichnet, während es sich tatsächlich um wohltätige Geschenke handelt.

1. Mai 2021: Zum fünften Jahrestag des autonomen Territoriums wird dem legendären P.?M., der angeblich die Idee zum Neustart Schweiz entwickelt hat, ein «Denkmal des anonymen Visionärs» errichtet: ein Wasserspiel in laufender Veränderung und im steten Fluss.

 

Ein Neustart für das Land

Die Utopie eines Neustarts für die Schweiz ist durchaus ernst gemeint. Vorgestellt worden ist sie erstmals Ende 2008 vom Schriftsteller und Sozialtheoretiker P.?M., der in seinem gleichnamigen Buch eine radikale Veränderung der Schweiz zu einem nachhaltigen, kommunal organisierten Territorium durchrechnet und vorausdenkt.

Im August 2010 ist in Olten der Verein Neustart Schweiz gegründet worden. Bisher weist er rund fünfzig Mitglieder auf, die verschiedene Arbeitsgruppen gegründet haben. Zudem bilden Studierende der Fachhochschule Nordwestschweiz einen Thinktank, der Umsetzungsszenarien betriebswirtschaftlich analysiert.

P.?M.: «Neustart Schweiz. So geht es weiter». Edition Zeitpunkt. Zweite, erweiterte Auflage. Solothurn 2010. 98 Seiten. Fr. 18.70.