6 Potentiale von urbanen Nachbarschaften

von Hans E. Widmer

Unter urbanen Nachbarschaften verstehen wir Siedlungsmodule von um die 500 Bewohner_innen in einem kompakten Gebäude, zum Beispiel Typus Hofrandbebauung. Nachbarschaften sind mit einer Landbasis der Region verbunden, die ca. 70 Prozent der Lebensmittel direkt liefert. Dies benötigt ca. 60 ha. Die Nachbarschaft verfügt über ein Mikrozentrum, wo Lebensmitel verarbeitet, zu Mahlzeiten zubereitet und gelagert werden. Dazu gehört ein polyvalenter sozialer Bereich und gewünschte Dienstleistungen wie Wäscherei, Werkstätten, Tauschlager, Bäder usw.

1 Wirtschaftliche Sicherheit

In den 90er Jahren verschwand das Kleingewerbe: mein Bäcker, Metzger, Käseladen, Gemüseladen, Quartierbeiz, schlossen praktisch im gleichen Jahr. Sie mochten nicht mehr mithalten mit Migros, Coop usw. Grossverteiler sind einfach effizienter, wenn man von einer rein finanziellen Logik ausgeht. Während damals im Kleinen die Versorgung ökonomisch unhaltbar wurde, ist heute die Weltwirtschaft insgesamt nicht mehr profitabel. Profite werden nur noch nominell durch das Drucken von Geld und durch staatlische Subventionen aufrecht erhalten. Die Welt hat 300 Billionen Dollar Schulden, proportional mehr als Griechenland. Wir haben globale Abenomics. Private Defizite verwandeln sich in staatliche und diese wachsen unkontrolliert weiter. Dieses Gebilde ist heute am Zusammenbrechen. Zuerst trifft es natürlich die schwächsten Kettenglieder, Griechenland, den ganzen arabischen Raum, Afrika, Südamerika usw. Die Ungleichheit nimmt zu und treibt die Menschen in die Flucht. Doch lange wird der Damm nicht mehr halten, dann trifft es auch uns. Für diesen Fall brauchen wir robustere Wirtschaftsformen, die auf Subsistenz, Resilienz und Commons basieren. Nachbarschaften sich das erste Modul einer solchen Lebensweise. Wir brauchen ein neues gesellschaftliches Modul, das grösser ist als unsere verletzlichen Kleinhaushalte, aber kleiner als bürokratische staatliche Einheiten. In Nachbarschaften können Kreisläufe lokal geschlossen werden, hier kann man sich aushelfen, kann man seine eigene Produktivität durch Kooperation entfalten. Güter können geteilt werden, es gibt gemeinsame Nutzungen, weil Menschen näher beieinander wohnen, wenn auch nicht unbedingt miteinander.

2 Ernährung

Nachbarschaften sind organisierte Konsumentinnen. Dies ist die Bedingung dafür, dass Direktbelieferungsabkommen mit Bäuerinnen der Region effizient und ökologisch gestaltet werden können. Diese Verknüpfung von Land und Stadt ist die Antwort auf die Probleme unserer Landwirtschaft (die ja auch nicht profitabel und mehrheitlich staatssubventioniert ist) und erhöht zugleich die Ernährungssicherheit, auch in Krisenzeiten. Wir brauchen keinen Plan Wahlen, wenn alle Nachbarschaften mit einer Landbasis verbunden sind. Die Verantwortung für Landarbeit und Ernährung kann nicht einfach den Bäuerinnen oder irgendwelchen anonymen Grossverteilern überlassen werden. Die Arbeit der Bauern erfährt Wertschätzung, und wir erhalten Lebensmittel in einer Menge und Qualität, die wir mitbestimmen. Nachbarschaften sind gross genug für eine nachhaltige Logistik, für eine rationelle Verarbeitung und Zubereitung. Wir reden wir von einem Umsatz von 2 Millionen pro Jahr und von 6 Tonnen pro Woche. Da Food Waste zu 45% in den Einzelhaushalten geschieht, ist eine professionellere Lagerung und Zubereitung im Mikrozentrum der Nachbarschaft ein wichtiger ökologischer Faktor.

3 Gegenseitige Hilfe

Eine grosse Herausforderung, die auf uns zukommt, ist der ganze Unterstützungs- und Pflegebereich. Heute sind 50 % der Menschen hilfsbedürftig: sie sind jung, alt, krank, behindert, schlecht ausgebildet usw. Pflege ist praktisch unbezahlbar geworden – und wir können nicht mehr lange auf unterbezahltes Personal aus Osteuropa zählen. Nachbarschaften sind Einheiten, die stark genug sind, um allein durch ihre Existenz Unterstützung im Alltag zu leisten. Interne Solidarität ist leicht realisierbar, durch das Mikrozentrum ist die Nahversorgung auch für wenig mobile Menschen garantiert (alles ist per Lift erreichbar), gemeinschaftliche Infrastrukturen wirken inklusiv und stellen sicher, dass niemand ungewollt einsam sein muss.

Wenn auch nur ein Drittel der Wohnungen altersgerecht, bzw. barrierenfrei sind, dann kann praktisch lebenslanges Wohnrecht garantiert werden. Leichtere Unterstützungen können an Ort und Stelle angeboten werden, Pflege nur punktuell. Eine Nachbarschaft hat, nüchtern betrachtet, eigentlich die Betriebsstruktur eines Altersheims. Dies ist kein Zufall, denn wir werden ja alle alt, von Geburt an. Nachbarschaften sind notwendigerweise Mehrgenerationenheime.

4 Ökologie

Wenn wir so leben wollen, dass die Biosphäre des Planeten nicht kippt, dann müssten wir die 1000 Watt-Lebensweise anstreben, statt 8600 Watt wie heute. Dies ist mit rein technischen Mitteln nicht oder nicht mehr fristgerecht möglich. Wir müssen uns so organisieren, dass wir weniger verbrauchen. Das betrifft vor allem Wohnen, Essen und Mobilität, die zusammen 60% unserer Umweltbelastung ausmachen. Beim Wohnen wollten wir eine Wohnfläche von um die 30m2 (statt 40 oder 50 wie heute) anstreben. Da dies ein Durchschnittswert ist, kann die innere Flexibilität der Nachbarschaften so ausgenützt werden, dass einige (vor allem Junge und Alte – man will ja nicht grosse Flächen putzen) vielleicht nur 20m2 beanspruchen, während andere (die vielleicht auch noch zu Hause arbeiten) 40 oder 50m2erhalten. Wenn die Lebenssituation sich ändert, sind Nachbarschaften gross genug um intern umziehen zu können und trotzdem zuhause bleiben zu können. Die Bedingung dafür ist, dass es genügend kleine Wohnungen gibt, und dass man, z.B. durch genossenschaftliches statt privates Eigentum, selbstverwaltet den Wohnraum verteilen kann.

Ernährung macht 30% der Umweltbelastung aus. Dabei sollte der Fleischkonsum auf einen Drittel des heutigen sinken. Darunter braucht die gastronomische Qualität nicht zu leiden. In der grossen Profiküche im Mikrozentrum bereiten begabte Küche ausgezeichnete vegetarische Gerichte zu, wofür man heute in Kleinküchen kaum Zeit hat. Zudem können Fleischesser mehr Fleisch essen, wenn es genügend Vegetarier im Haus hat. Ökologische Rahmenbedingungen und persönliche Bedürfnisse finden einen Ausgleich – eine Alternative zu administrativen Regulierungen.

Punkto Mobilität begrenzt die lokalisierte Infrastruktur von Nachbarschaften nötige Transporte, weil alles an Ort ist, und weil zusätzliche Arbeitsplätze im Haus selbst geschaffen werden. Auch Ferien zu Hause werden attraktiver. Warum nach B gehen, wenn bei A schon alles ist, was man braucht? Warum Zalando, wenn man eine Tauschgarderobe im Erdgeschoss hat?

5 Selbstverwaltung

Wir alle lieben die Demokratie. Leider ist sie immer mehr bedroht, weil sie keine sichere Basis im Alltagsleben hat und so zur Massendemokratie verkommt, die leicht von finanzstarken Interessengruppen manipuliert werden kann. Nachbarschaften geben uns unsere Souveränität materiell zurück: wer sich selbst helfen und ernähren kann, ist in jeglicher Beziehung weniger erpressbar. Seine eigenen Angelegenheiten selbst wahrzunehmen ist die Basis jeder Demokratie. Wir wollen nicht nur versorgt und untergebracht werden, sondern selbst Verantwortung tragen. Starke Nachbarschaften sind Plätze der Handlungsfähigkeit. „Im Haus muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland“, sagte schon Jeremias Gotthelf. Nachbarschaften sind kooperative Institutionen.

6 Urbanität

Die rein kommerzielle Orientierung hat unsere Städte veröden lassen. Sie sind nur noch Handels- und Verteilungsplätze, Schlachtfelder der Immobilienbranche. Echte Städte wären aber nicht Orte der Konkurrenz, sondern der Kooperation. Diese Kooperation findet in den Nachbarschaften, in den neu belebten Quartieren und in den ausgebauten Stadtzentren statt.

Wenn die Autos verschwinden, und wir alle hundert Meter ein Mikrozentrum, alle 500m ein Quartierzentrum, haben, dann werden die Städte sowohl kooperativ, als auch vielfältig und lebenslustig. Strassen sind statt trennende Schneisen längliche Plätze, die man für allerlei Aktivitäten benutzen kann. Es macht wieder Spass in den Gassen und Strassen und über die Plätze zu flanieren. Solche Städte schaffen das, was man Heimat oder urbane Geborgenheit nennen könnte. Heimat heisst, dass wir zu etwas dazugehören, nicht nur in den Köpfen, sondern real. Wenn wir Inländer_innen es dereinst schaffen uns wirklich zu „integrieren“, dann werden das auch Migrant_innen leichter können.

Die grosse Herausforderung in der Schweiz besteht darin aus der Agglo Stadt zu machen. Das Instrument dafür sind ökologisch und sozial integrierte Module: eben Nachbarschaften, Quartiere mit lebendigen Zentren, und Regionen mit je einer grossen Stadt. Eigentlich ist der Mensch nicht für das Stadtleben gemacht: wir sind Tiere, die gerne in kleinen Gruppen in Savannen herumstreunen. Wenn wir diese Lebensweise heute praktizieren würden, dann wäre die Biosphäre in kurzer Zeit zerstört, einfach, weil wir zu viele sind. Also müssen wir lernen in Städten dicht beieinander zu leben und neue Qualitäten zu entdecken. Die kooperative Stadt ist unsere Zukunft.

Es gibt noch mehr Gründe einen Umbau unserer krisengeschüttelten Welt in den Nachbarschaften zu beginnen. Nachbarschaft ist ein globales Projekt.

Doch der wichtigste Grund ist die Wiederherstellung eines lebenswerten Lebens. Wofür lohnt es sich zu leben? Eigentlich haben wir ja nicht Angst vor dem Tod, sondern davor, nicht wirklich gelebt zu haben. Ich habe einmal gesagt, dass Nachbarschaften Viersternhotels gleichen. Es sind aber nicht Hotels auf Kosten anderer, sondern sie bieten neue Qualitäten, die wir selbst uns schaffen, und so, dass sie für alle möglich sind. Ich würde behaupten: parasitärer Luxus macht nicht wirklich glücklich. Was Nachbarschaften nicht bieten können und sollten, ist ein Sinn. Nachbarschaften haben keinen Sinn, aber sie sind eine gute Grundlage, dass wir alle – und nicht nur ein paar Grossphilosophen - ohne Stress und Zwänge endlich miteinander danach suchen können.

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