Wenn es nicht vorwärts geht, dann geht es zurück

von Hans E. Widmer

Woher kommt der Rechtstrend?

Die Frage: warum Pegida, warum Masseneinwanderungsinitiative, warum Brexit, warum SVP und AfD, warum überall autoritär-nationalistische Strömungen und Regierungen? Die Antwort: untere, bildungsferne Schichten und verunsicherte Mittelschichtler (Prekariat!) haben Angst, dass man ihnen ihre Arbeitsplätze und ihren gewohnten Lebensstandard wegnimmt. (Inzwischen haben Wahlanalysen ergeben, dass die AfD-Wählerinnen kaum wirtschaftliche Sorgen haben.) Die Loser der Globalisierung sind zutiefst verunsichert, weil die Eliten, die Gewinner, ihnen nicht mehr zuhören und ihre Interessen nicht mehr wahrnehmen. Angela ist grosszügig auf Kosten der einheimischen Wenigverdiener. Die Liberalen und Linken mit ihren guten Jobs bei Banken und Staat spielen die Humanistinnen und verteilen Geld an Zuwanderer, während sich die Einheimischen seit Jahren mit schlecht bezahlten Jobs abmühen oder als Kleingewerbler und Scheinselbständige ums Überleben kämpfen. Schlimm!

Und weiter: Draussen in der «täglichen Lebenswelt» treffen die Verliererinnen in ihren Schlafquartieren auf noch mehr Verlierer aus aller Welt mit komischen Sitten und Gebräuchen (man kann mit ihnen nicht mal ein Bier am Stammtisch trinken), während die Gewinner schön abgekapselt in ihren Villen sitzen, und die Linken das Leben in ihren komfortablen Genossenschaftswohnungen geniessen (ein paar Flüchtlinge nimmt man gerne auf). Da bleiben nur noch Wut und Rebellion.

Da haben wir doch eine saubere, materialistische Erklärung: die neoliberale Globalisierung ist schuld. Nur stimmt sie so nicht. Wenn wir die Globalisierung bekämpfen wollen, dann müssten wir ja solidarisch – Inländerinnen, Ausländer, weniger und besser Verdienende, Bedrohte, Verängstigte, mehr oder weniger Gebildete – zusammen gegen sie aufstehen. Und nicht gegen ihre Opfer – die Flüchtlinge – demonstrieren. Wir alle sind Loser der Globalisierung, niemandem ist es mehr wohl. CEOs bringen sich um. Man weiss inzwischen aus der Forschung, dass Ungleichheit - und darum geht es ja – alle unglücklich macht, Arme und Reiche. Verlustängste gibt es überall – jetzt wo wir Negativzinsen haben, und die Pensionen der Mittelschichten bedroht sind, trifft es alle.

Draussen in der sogenannten «Lebenswelt» sieht aber ganz anders aus: gerade wo viele Ausländer leben, und eine grosse Dichte herrscht, da funktioniert die Masche mit den Flüchtlingsströmen und dem Untergang der abendländischen Zivilisation am wenigsten. Im Kreis 5 in Zürich, wo ich wohne, gibt es einen der höchsten Ausländeranteile der Schweiz, doch die Durchsetzungsinitiative kam auf magere 12 %. Nicht nur treffe ich auf Menschen aus aller Welt auf der Strasse, in der Migros und im Tram, in meinem Wohnblock grüsse ich den irakischen Patriarchen in der Waschküche, wenn er den Tschador seiner Frau von der Waschmaschine in den Tumbler transferiert (sie darf natürlich nicht in die Waschküche, weil da auch Männer wie ich verkehren). Ahmed aus Gambia bettet sein müdes Haupt (er arbeitet in einer Pizzeria) 50 cm von mir auf der andern Seite der Wand zur Ruhe. Wir treffen uns im Lift und tauschen Freundlichkeiten aus. Klar, ich bin einer dieser Intellektuellen, aber auch Nichtintellektuelle müssen waschen, schlafen und liftfahren. Es ist nicht so, dass Zuwandererinnen (die Gründe – politisch, ökonomisch, liebesgeschichtlich – gehen mich definitiv nichts an) integriert sind oder sein sollen. Wir haben ja schliesslich damals 1968 ziemlich heftig gegen unsere Integration in ein menschenverachtendes kapitalistisches System gekämpft. Nein: sie sollen sich ums Himmels Willen nicht integrieren! Unsere gemeinsame Gegnerin ist die neoliberale Globalisierung, in die wir uns eben nicht integrieren wollen! Nun, ich rede weder mit inländischen noch ausländischen Mitbewohnern über Alternativen zur Globalisierung. Was geschieht, ist viel entspannter und bescheidener: wir kommen mit einander aus, wir kommen aneinander vorbei. Und hie und da gibt’s mal eine überraschende Begegnung, eine sarkastische Bemerkung. Es ist zivil und urban. Das geht. Aber draussen in den Käffern, wo es kaum Ausländer und daher auch keinen Grund zu Ängsten gibt, teilt man generös unsere Ängste und hilft uns unaufgefordert mit idiotischen SVP-Initiativen dabei, unsere angeblichen Probleme zu lösen. Vielen Dank auch!

Dass Loserinnen automatisch rechts werden, weil die Linken zum System übergelaufen sind, ist ebenso ein Unsinn. Die Linken haben Initiative um Initiative – von der 40-Stundenwoche über die 1:12 Initiative, via 6 Wochen Ferien bis zum Minimallohn 4000.- - lanciert. Und all diese konstruktiven Vorschläge wurden gerade in den typischen SVP-Quartieren und Dörfern abgelehnt. Was ist also los mit den angeblichen Losern? Warum schiessen sie Eigentor um Eigentor? Wollen sie vielleicht absichtlich Loser sein und sich in ihrem Elend suhlen? Warum sahen wir sie nicht an den Anti-Globalisierungsdemos? Sind sie so bildungsfern, dass sie gar nicht merken, was mit ihnen geschieht, und wer von ihrem politischen Verhalten wirklich profitiert?

Ja, warum haben all die schlecht bezahlten Reinigungsarbeiterinnen, prekarisierten Arbeiterinnen in Betrieben und in der Landwirtschaft, die Working Poor, die Lagerarbeiterinnen, Verkäuferinnen, Arbeitslosen, Kranken, armen Renterinnen, die sogenannten «kleinen Leute», von denen es mehr gibt, als sogar die Linken es sich träumen lassen, nicht für den Minimallohn 4000.- oder gar das garantierte Grundeinkommen gestimmt? In meinem Stadtquartier gibt es wenige Bürgerinnen aus diesen Schichten, eher Künstler, Kreative, Sozialarbeiter, Lehrer usw., und es war der einzige Stadtkreis, der es annahm. Fühlen sie sich wirklich von der Linken verraten, die ihnen ja helfen will? Glauben sie wirklich AfD, SVP, Ukip oder Front National werden besser für sie sorgen? Ich kann mir gut vorstellen, dass sie gar keine Zeit haben, sich solche politischen Fragen zu stellen. Vielleicht wissen sie nicht einmal, dass es eine Linke oder Gewerkschaften gibt. Viele von ihnen sind AusländerInnen und haben gar kein Stimmrecht. Viele von ihnen haben familienübergreifende Solidarität oder Organisation gar nie oder nie positiv erlebt. Andere glauben wohl wirklich, dass nachrückende Migrantinnen ihnen ihre Jobs wegnehmen – dabei bewirkt ja Migration eine wirtschaftliche Expansion insgesamt. Neuankömmlinge brauchen auch wieder Kleider, Essen, Schulen und dafür braucht es mehr Gastroangestellte, Reinungsarbeiter in Schulen usw. So war es bis jetzt immer.

Kann sein, dass die Linke und die Gewerkschaften die Organisationsarbeit bei den klassischen Arbeiterschichten und den wenig Qualifizierten zugunsten der Mobilisierung der neuen Mittelschichten aus taktischen Gründen vernachlässigt haben. Der Proletarier der Zukunft ist wohl der «allseitig gebildete Mensch» (Paul Mason), denn ein Drittel der Lohnabhängigen haben eine tertiäre Ausbildung, ein weiteres eine sekundäre (Berufslehre usw.). Der Ausbildungsstand der Bürgerinnen erhöht sich laufend – übrigens weltweit. Es gibt in der Schweiz (offiziell) nur 7,4 % Arme. Es können also nicht die weniger Ausgebildeten und Armen sein, die die Basis der neuen Rechten bilden. Es sind gar nicht so viele. Zweitens sieht man, wenn man die «Wutbürger» von Pegida & Co. anschaut, eher nicht die Armen, sondern eher von Abstiegsängsten geplagte Mittelschichtler. Man spricht daher von «Wohlstandsfaschismus». Klar sind Abstiegsängste gerechtfertigt – wir haben schliesslich Neoliberalismus – aber daher wehrt man sich doch am besten, indem man die Solidarität ausweitet und nicht indem man sich abkapselt. Einigkeit macht stark. Warum die Linke nicht fähig ist solche einfachen Einsichten zu verbreiten, und die Rechte überhaupt eine Chance hat mit ihrer Politik, ist eigentlich ein Rätsel.

Das Ende der Verwertung und der «Neofeudalismus»

Statt an der politischen Oberfläche zu kratzen, lohnt es sich, die ökonomischen Hintergründe zu analysieren, wie zum Beispiel Paul Mason (Postkapitalismus, 2016). Er geht aus von Marx’s Werttheorie, die ja besagt, dass der Wert einer Ware durch die gesellschaftlich notwendige Arbeit bestimmt wird, die darin steckt. Dies ist weniger als eine Theorie und mehr als eine Trivialität: was soll denn sonst in Waren stecken? Autos fallen ja nicht fertig vom Himmel. Irgendjemand war da am Werk. Durch den Fortschritt der Produktionstechnologien, namentlich durch die Automation und durch den neuen Info-Kapitalismus steckt nun in immer mehr Waren immer weniger Wert, die marginalen Kosten tendieren gegen Null (siehe auch Rifkin: The Zero-Marginal-Cost-Society, 2014). Das ist zuerst einmal eine gute Nachricht: wir müssen immer weniger arbeiten, bekommen immer mehr, tendenziell alles gratis. Im IT-Bereich ist das schon lange Realität: Daten, Programme, aber auch Filme und Musik wären gratis, wenn es nicht monopolistische Schranken oder technische Einhegungen (Apple!) gäbe.

Die Unmöglichkeit für Waren oder Dienstleistungen einen «vernünftigen» Preis zu finden und einen korrekten Tausch von Äquivalenten (etwa Arbeitszeit gegen Lohn) zu organisieren, stürzt sowohl die Arbeitenden wie die Kapitalisten in Krise. Weil Arbeit ein immer kleinerer und immer entfernterer Faktor der Produktion ist, verlieren die Arbeitenden die de facto Kontrolle über den Produktionsprozess und daher auch ihre Verhandlungsmacht. Seit dreissig Jahren schrumpfen Gewerkschaften (und Löhne), verlaufen Streiks im Sand. Dieses systemische Dahinschwinden des möglichen Arbeiterwiderstands definiert die Epoche, die man Neoliberalismus nennt. Und so wie es aussieht, wird die alte Arbeitermacht nie mehr zurückkehren. Da nützt noch so viel Mobilisieren nichts. Politisch schwinden auch die gesellschaftlichen Transmissionsriemen dieser Arbeitermacht: die linken Parteien. Sie bekamen eine Weile lang noch Stimmen ohne Macht zu haben, nun schmilzt beides dahin. (Sie kamen gerade noch an die Macht – Blair, Schröder, Clinton - um die historische Niederlage der Arbeiterklasse für den Neoliberalismus zu verwalten.)

Wenn aber der Verhandlungsprozess, der die letzten 200 Jahre Kapitalismus geprägt hat, kollabiert, dann verschwindet auch der Kapitalismus selbst: das wurde schon von Marx, später auch von Schumpeter, heute von Rifkin, Mason und anderen angekündigt. Was bleibt? Die reine installierte Macht der Kontrolleure über Staat und Produktionsmittel, die Herrschaft der berühmten 1 % und ihrer Funktionäre. Diese neue Macht hat keine besondere Ideologie mehr, sie muss weder links noch rechts sein. Sie ist einfach da und verteidigt sich mit allen Mitteln. Wie ein Zombie läuft sie einfach weiter, ohne inneren Antrieb. Die Hülle ist das Ziel. Sie bedient sich routiniert im Arsenal aller autoritären Regimes: Repression, konservative Werte, restriktive Moral, Nationalismus, Zensur, Religion – eben der Quatsch aller Zeiten, wie oben von Zizek moniert..

Die neuen autoritären Regime sind eigentliche Willkürregimes, mit denen man gar nicht diskutieren kann. Worüber sollte man mit Trump diskutieren? Oder mit Putin? Es gibt kein Projekt mehr – der Kapitalismus hat gesiegt und ist daher überwunden, der Sozialismus war nur eine Phase seines Wegs dahin. Der Sieg der Arbeiterklasse bedeutet also nicht eine freundlichere Welt, sondern ist nur noch der Anlass, alles zu unterdrücken, was Spass macht. Eine Art regressive Selbstverknotung.

Es ist interessant zu beobachten, dass die Exponenten dieser Regimes – Berlusconi, Erdogan, Putin, Sisi, Orban, vielleicht bald Le Pen oder Petry - sowohl absolut lächerlich, wie auch zu allen Schandtaten bereit sind. Sie sind ein fader Abklatsch der alten Diktatorengarde von Hilter, Stalin, Mao, Franco. Sie sind offensichtlich das letzte Aufgebot, der Bodensatz aus dem vom Kapitalismus zurückgelassenen Personal.

Was wir jetzt also haben und noch mehr bekommen, ist kein System mehr mit einer inneren Konsistenz. Der Neoliberalismus war die letzte, einigermassen definierte Verpuppung des Kapitalismus, er hat noch die letzten Arbeiterwiderstände überwunden. Das war sein Job. Nun bekommen wir Beherrschung pur, einfaches Nicht-Können-Dürfen. («No, you can’t!» hören wir von überall her.) Darin gleichen sie dem Vorgängerregime des Kapitalismus, dem Spätfeudalismus. Auch damals gab es kein erkennbares System, keine irgendwie stringente Ideologie, überall bloss machohafte Clowns und brutale Dominas, real, oder abgebildet in Shakespeares Dramen. Darum scheinen diese besonders aktuell. Die Herrschenden sind benommen, die Beherrschten verwirrt. Polizei und Geheimdienste machen ihren Job. Das Know-How ist da. Die Mittel sind vorhanden. Sie werden eingesetzt. Basta.

Der Rechtstrend kommt nicht einfach aus der Luft, er entspringt der inneren Logik eines überreifen Kapitalismus. Er ist kein soziologisches oder technologisches Phänomen (das Internet, die 1 %, die NSA usw.), sondern eine notwendige systemische Folgeerscheinung, und zwar weltweit. Und darum (siehe oben) greift soziopsychologisches Jammern – die Verlierer! Die Dummen! Die Machos! Die Hinterwäldler! Die Unaufgeklärten! Die Verängstigten! Die Enttäuschten! – überhaupt nicht. Ängste gibt es, seit es Menschen gibt, doch heute sind sie ein Faktor für politische Manipulationen in einer bestimmten ökonomischen Entwicklungsstufe.

Es hat wohl gar keinen Sinn, den neuen Rechtstrend mit den üblichen soziologischen Analysen verstehen zu wollen. Es lässt sich zwar feststellen, dass, wo es viele schlecht Ausgebildete und Alte gibt, die eher auf dem Land wohnen, mehr Stimmen für die Masseneinwanderungsinitiative oder den Brexit gegeben hat. Doch es gibt zu viele Ausnahmen, die diese Regel nicht bestätigen. In Organisationen wie der SVP, dem FN oder der AfD tummeln sich genügend Bildungsbürger, Akademiker (Blocher, Köppel) und gut Situierte (Trump), die durchaus zu den Globalisierungsgewinnern gehören. Natürlich sind sie zugleich die Manipulatoren der Verlierer. Ob Integration mehr oder weniger funktioniert, hat sicher auch einen Einfluss – die Pariser Banlieues lassen sich nicht mit Schwamendingen (Zürich) vergleichen.

Es sind nicht einzelne Probleme, die zum Rechsttrend führen, es ist das kapitalistische System (oder der «Westen», die «Wirtschaft») selbst, das ein historischer Rechtstrend ist. Spaltung in Gesellschaftsschichten, Zerstörung und Ausbeutung von Gemeinschaften und Gemeingütern, Kriege um Ressourcen, Ungleichgewicht und Ungerechtigkeiten, sind nicht Begleiterscheinung der kapitalistischen Entwicklung, sondern ihr notwendiger Kern. Der Kapitalismus hat keine Krankheiten, er ist die Krankheit selbst. Während es nur einen kapitalistischen Mechanismus gibt (Akkumulation), fächert er sich in hundert Varianten der konkreten Durchführung und daher auch in unzählige Sorten von Problemen auf. Mal knallt es da, mal dort: die Grundursache ist immer die selbe.

Diese Einsicht, dass eben «alles nicht stimmt», hat sich nach den jüngsten Krisen in allen Gesellschaftsschichten weit verbreitet. Gab es früher noch Schichten (Beamte, Arbeiter mit ordentlichen Verträgen) und Regionen (USA, Europa, Japan), wo eine gewisse Lebenssicherheit (Welzer) herrschte, oder Sloterdijks «Komfortzonen», so steht heute alles zur Disposition. Wer verspricht den normalen Kapitalismus retten oder wiederherstellen zu können, wird ausgelacht. Die Grundeinsicht ist viel radikaler: alles müsste weg. Wenn daher der IS verlorene oder verzweifelte Jugendliche auffordert den Westen insgesamt abzulehnen und zu zerstören, dann hat er im Kern recht. Wenn die Rechten sagen: jetzt müssen wir uns einbunkern um noch möglichst lange in Sicherheit zu sein, dann haben sie auch recht. Wenn wir diese radikale Einsicht Rechten, Wahnsinnigen und religiösen Fanatikern überlassen, dann haben wir verloren. Selbstverständlich benützen Rechte und Fanatiker diese Bereitschaft zum radikalen Wandel in Wahrheit dafür um ihn gerade zu verhindern. Doch das können sie nur, weil unsere Antworten zu wenig radikal sind, weil wir soziologisch herummaulen, padägogisieren und kein radikales Projekt formulieren und umsetzen können. (siehe unten)

Die realen Interessen der Menschen bilden sich in den Köpfen und daher auch in der Politik nicht 1 : 1 ab. Wenn das so wäre, dann hätten wir schon lange eine lebensfreundliche, naturverträgliche und gemütliche Gesellschaftsordnung, weltweit. Jene, die von der Globalisierung wirklich profitieren, haben nicht nur viel Geld, sondern sie können damit die von ihnen gewünsche «Bildungsferne» (auch bei Intellektuellen – siehe Köppel: seine «Interessennähe» braucht Bildungsferne) massenhaft produzieren. Ressentiments und Ängste entstehen nicht spontan aus «Problemen», sondern sie können mit relativ billigen massenpsychologischen Tricks geweckt und geschürt werden. Spontan entstehen aus Problemen bei allen Menschen – ausser sie seien krank – Lösungsvorschläge. Diese spontane Reaktion gegen ein menschenverachtendes System auf seine eigenen Opfer abzulenken, ist die eigentliche Funktion der rechten Demagogie. Die Rechten sind die Blitzableiter des globalen Kapitals. Dafür werden sie auch grosszügig bezahlt, von Blocher, Trump usw. Sie wissen, was sie tun – und wir?

Die Globalisierung gegen rechts verteidigen?

Trotz allem es ist vergebliche Liebesmühe, nur die diabolische Demagogie der rechten Ideologen und Politikerinnen zu beklagen und zu entlarven. Dieses endlose Beklagen ist im Gegenteil der Zweck des Rechtspopulismus. Indem wir uns gegen die Rechten verteidigen müssen, schützen wir gerade das System, das wir eigentlich abschaffen wollen. Wir werden in eine Allianz mit halbwegs vernünftigen Liberalen und einer lahmen Sozialdemokratie gezwungen, wir müssen zwischen Blocher und Levrat wählen. Oder zwischen Petry und Merkel. Und plötzlich sind wir die Verteidigerinnen jener Globalisierung, gegen die wir eigentlich eine Allianz bräuchten. Indem wir das geringere Übel wählen müssen, werden wir daran gehindert, das grosse Übel, das uns immer wieder in dieses Dilemma zwingt, endlich loszuwerden. Diese kognitive politische Dissonanz wiederum kann von den rechten Demagogen sehr leicht ausgebeutet werden: von Liberalen und Linken verraten, sind sie jetzt die wahre Alternative. Und damit erhält das globale Kapital genau den Flankenschutz, den es braucht. Es ist das alte Rezept: man nehme irgendwelchen Quatsch – Religion, Nation, Kultur – man stilisiert sich zur einzigen Alternative (zum «Dritten Weg» usw.), und rettet damit das System noch einmal.

Mein Haus-, Feld-, Wald- und Wiesenphilosoph Zizek hat dieses Verfahren genau analysiert. Im Prinzip läuft es (gemäss Kant) darauf hinaus, die öffentliche Vernunft durch die private zu verpesten. Privatsachen wie Sprache, Herkunft, Religion, Lieblingsspeisen, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, gymnastische Vorlieben (Yoga oder Kugelstossen?), geschichtliche Zufälle (Nation), über die man vielleicht bei Zigarre und Cognac nach einem guten Essen plaudern kann, werden zu politischen Kategorien erhoben und dann zur Spaltung des Weltproletariats (marxistischer Rückfall!) eingesetzt. Und es funktioniert!

Es schmeichelt dem Ego, wenn man die Tricks der kapitalistischen Demagoginnen kennt, aber einen Ausweg aus dem aktuellen Schlamassel hat man damit noch nicht gefunden. Die Schwäche der Linken resultiert ja nicht hauptsächlich daraus, dass sie puncto Populismus weniger raffiniert ist als die Rechte. Sie entsteht daraus, dass sie jegliches begeisternde antikapitalistische Projekt aufgegeben hat. Da entsteht eine grosse Lücke in der «öffentlichen Vernunft». Die rechten Alternativen springen in diese Leerstelle. Weil es keine linken Alternativen mehr gibt – bestenfalls Korrekturen und flankierende Massnahmen (wie den Sozialstaat), sind sie nun die einzige. Das ist es, was Angst macht: es gibt keinen Ausweg aus der Maschine. Es gibt kein «Wohin?» mehr. Die grössten Ängste sind unsere als unmöglich oder utopisch zensierten Wünsche. Wir könnten es ja einmal probieren die Menschen bei ihren latenten Wünschen abzuholen.

Das PROJEKT: Gespenst oder Plan?

Meine Hausphilosophen Zizek und Badiou sagen daher: wenn es keinen Kommunismus mehr gibt (man darf das Wort jetzt wieder brauchen – aber muss man auch?), dann bekommt man letzlich ewigen Faschismus. Wenn es kein transzendierendes Projekt gibt, dann bleibt man eben in der Tretmühle und kann sich höchstens noch um private Modalitäten streiten. Soll man nun als Hetero, als Urner, als Nichtraucherin, als Bildungsnaher oder Bildungsferner, als frisch verheirateter Schwuler, als Apple- oder Android- Userin, genderkorrekt oder machistisch usw. ausgebeutet werden? An welcher Sauce wollen wir gefressen werden? Wenn es kein gemeinsames Projekt gibt, dann bleiben uns nur falsche Wahlfreiheiten. Wer nicht weiss wohin, macht sich über seine Nachbarinnen her. Man wird speziell. Und unerträglich.

Wie Harald Welzer und auch Zizek betonen, geht es nicht darum uns gegenseitig «anzuerkennen» und zu «respektieren». Wir können noch so nett sein zueinander, wir werden nicht zusammen kommen. Unsere realen oder imaginären Differenzen können wir nur überwinden, wenn wir von gemeinsamen Interessen ausgehen und ein gemeinsames PROJEKT haben. Und wir haben gemeinsame Interessen: Essen, Wohnen, Gesundheitsversorgung, Ausbildung. Wir sind alle schon Mitglieder der AP, der Allgemeinen Partei, deren Programm nur aus 5 Punkten besteht:

  • eine Arbeit, die Sinn macht
  • ein Einkommen, mit dem man anständig leben kann
  • eine bezahlbare Wohnung
  • eine gute Gesundheitsversorgung
  • eine gute Bildung

für alle, für immer.

Alles andere – Rechtsstaat, Gerechtigkeit, Freiheit, Demokratie, Ökologie, Glück – ist entweder Voraussetzung für die Realisierung oder Folge der Realisierung dieses Programms.

Doch auch dieses Programm ist noch kein PROJEKT, höchstens eine logische Basis. Es geht um das genaue Wie, um das Kleingedruckte.

Meine philosophischen und politischen Berater reden zwar gerne vom PROJEKT (Mason nennt seines Project Zero, Varoufakis DiEM25) und seinen tollen Adjektiven - solidarisch, gerecht, frei, demokratisch, ökologisch, gleich, universal, kooperativ - aber genau sagen, wie es aussehen soll, können sie nicht. Harald Welzer verheddert sich in tausend tollen Initiativen (Harald Welzer, Die smarte Diktatur, 2016). Bei der Linken sieht es nicht besser aus. Ausser vagen Ideen zu einer Demokratisierung der Wirtschaft, Mitbestimmung (wir fallen angeödet auf den Boden des Sitzungszimmers) und einer «Überwindung des Kapitalismus» (streng, streng!), finden wir nichts Attraktives, nichts Fassbares. Zizek arbeitet seine realsozialistischen Enttäuschungen an uns ab und bietet uns einen slowenisch-faden Schrumpfkommunismus an. Von Badiou, der einmal ein Bewunderer Pol Pots war, können wir nichts als Angst und Schrecken erwarten. Der skandinavische Sozialdemokratismus wiederum ist so langweilig, dass die Schwedinnen jedes Jahr millionenweise in den Mittelmeerraum einfallen um wieder einmal so etwas wie Leben (bzw. Alkohol) zu spüren. Und dann in Ios auf den Strand zu kotzen.

Während wir endlich leben wollen, verweist man uns bestenfalls auf luftige Utopien oder ideale Visionen (heilig, heilig!). Wenn wir etwas Bewohnbares verlangen, dann sagen uns die Philosophen, bescheiden wie sie plötzlich sind, dass es nicht ihr Job ist, den Leuten vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Und schliesslich wird die Kreativität der Multitude, der Zivilgesellschaft oder des kollektiven Intellekts (früher hiess es: Weltproletariat) dann nach der Revolution kein Problem damit haben, die besten möglichen sozialen Arrangements in einem Prozess demokratischer Partizipation herauszufinden (genau so). Alles andere wäre intellektueller Hochmut. Egal: das projekt bleibt so ein Gespenst ohne Konturen.

«Askese macht die Massen auch reaktionär.»

Um in Sachen PROJEKT schlauer zu werden, sollten wir uns einem anderen philosophischen Berater zuwenden, nämlich Robert Pfaller aus Wien. Er stellt die Frage anders: Wofür lohnt es sich zu leben? Und wie kommen wir endlich dazu? Pfaller kommt aus der richtigen Stadt, denn Wien führt die globale Liste der Lebensqualität der Städte an, weit vor Phnom Penh. Von Wien lernen, heisst das Leben geniessen zu lernen: Oper, Palatschinggen, Liebe im Donaubogen, Schmankerln, Bälle, Kaffeehäuser! Es geht letztlich um Lebenslust, nicht nur um die rational abgedämpfte Lebensfreude oder gar eine technokratisch reduzierte Lebensqualität (Kinder seid brav, die Lebensqualitätsinspektorin kommt!).

Bevor wir uns ans Bankett setzen und die Korken knallen lassen, weisen wir durchaus auf die Rahmenbedingungen hin, die die neue Lebenslust realistisch machen. Sie wird auf einer 1000-Watt-Gesellschaft beruhen müssen, weil wir sonst die Biosphäre ruinieren (Es gibt inzwischen genauere und aussagekräftigere Definitionen einer globalen Enkeltauglichkeit (Planetary Boundaries Allowance, PBA), aber die sind alle noch enger als blosse 1000 Watt oder 1 t CO2). Sie wird eine radikale Relokalisierung bedeuten, weil wir nicht mehr überflüssige Ressourcen haben werden um Menschen und Material beliebig zu verschieben. Sie wird auf Kooperation beruhen müssen, weil Konkurrenz und Märkte zu verschwenderisch und selbstzerstörerisch sind. Autos und Flüge sind weitgehend out. Fleisch gibt es höchstens um die 15kg/ahr/Mensch, und nicht 120kg wie heute pro Amerikanerin. All das erfordert eine allgemeine Decroissance, die zugleich Kapitalismus unmöglich macht (und das nehmen wir ja billigend in Kauf). Unsere Städte werden ganz anders aussehen: nachbarschaftlich, voll von Alltagsaktivität, gemächlicher, effektiver, improvisiert, flanierbar. Sie werden onkeltauglich.

Neue Umgangsformen werden sich entwickeln können: mehr kommunzieren, weniger produzieren, teilen statt tauschen, gemeinsam statt einsam. Überall wird geredet, die Produktion leidet. Unser materieller Lebensstandard wird sich etwa auf jenem Niveau abspielen, das in den meisten Ländern herrscht, wo heute die Flüchtlinge herkommen. Aber wegen unserer neuen, kooperativen Institutionen und Verfahren wird er um einiges lebenslustiger sein. An diesem PROJEKT wird in vielfältigen Initiativen im Rahmen der Bewegung um Commons, Subsistenz, kooperativer Urbanistik, genossenschaftlicher Demokratie, Partizipation usw. gearbeitet. Die gute Botschaft lautet also: es gibt einen Ausweg, er ist global möglich, wir werden nicht verhungern.

Im Grunde genommen geht es darum endlich nach Hause zu kommen. So zu leben, dass wir mit den Ressourcen langfristig auskommen, und dass alle es können. Der Kapitalismus hat sich verstiegen, wir müssen zurück – aber nicht auf dem gleichen Weg. Der grossen Zerfetzung und Zerstreuung folgt eine allgemeine Relokalisierung, ein Zusammenrücken, das zugleich Kooperation und gemeinsamen Luxus bedeutet. Heimat! Nur wahre Konservative können wahre Linke sein. Wussten die Rechten schon immer.

Das PROJEKT ist territorial bestimmt oder gar nicht

Der territoriale Aspekt ist entscheidend. Dazugehören braucht klar definierte Orte. Vernetzung allein genügt nicht, Regulationssysteme (Lohn, Steuern, Sozialleistungen usw.) genügen nicht. Es muss klar sein, innerhalb welcher territorialer Module wir die neue inklusive Commons-Gesellschaft einrichten wollen. Können wir uns auf fünf Module einigen: Nachbarschaften, Quartiere/Stadtteile/Kleinstädte, Grossstädte/Regionen, Territorien, Planet?

Ohne solche gestaffelten Bereiche von Heimat hängen alle Netze in der Luft. Dieses Bedürfnis nach echter Beheimatung bedient bis jetzt die Rechte rein mythologisch ohne es einlösen zu wollen oder zu können. Nationen sind keine Heimaten, es sind Erfindungen des 19. Jahrhunderts – aber sie einfach abzuschaffen, lässt nur Leere übrig. Wir müssen unsere eigenen territorialen Muster haben, begründet auf ökologischen, sozialen und politischen (Räte! Demokratie!) Prinzipien. Demokratie braucht klare Grenzen. Wir brauchen gerade darum definierte Grenzen, weil wir sie porös und osmotisch gestalten wollen. Alles «offen zu halten» ist eine selbstzerstörerische pseudofreiheitliche, eigentlich neoliberale Haltung. Entgrenzung ist neoliberal, auch wenn es anarchistisch klingt.

Ich stelle fest, dass es in der Commons-Szene eine übertriebene Vorliebe für sogenannte innovative Netze, Plattformen, Portale und Sites (Crowd-sourcing, Tauschnetze usw.), und eine Aversion gegen territoriale Verankerungen gibt. Einsam zuhause am Computer lassen sich schnell Communities generieren. Aber Harald Welzer hat schon recht: alles, was nicht Off-line geschieht (schon lustig, dass wir jetzt das Reale als Nicht-Simuliertes bezeichnen), bedeutet den Tod. Klar brauchen wir Netzwerke, aber entscheidend sind reale Gemeinschaften von Menschen, die sich sehen, riechen und berühren können.

Können wir uns, bitte, auf diese 5 evidenten Module und ihre zugeordneten Funktionen, Prozesse und Institutionen einigen? Nur damit einmal eine Ruhe ist?

Das könnte dann so aussehen:
Kreis/Personen Allgemeine Dienstleistungen kreative Projekte Subsistenz in der Landwirtschaft
Planet
7 Milliarden
fossile Kraftstoffe, Energie, Kommunikation, Pharmazie, globales Bankwesen, Stahlproduktion, Notfallhilfe, Raumfahrt, Forschung, Transportwesen, elektronische Bauteile, Waffen, Kunststoffe Software, Musik, Literatur, Film, Mode, Kosmetik, Computer, Spiele, Musikinstrumente Software, Musik, Literatur, Film, Mode, Kosmetik, Computer, Spiele, Musikinstrumente
(Sub)kontinent
0,5 bis 1 Milliarde
Transportmittel, Schifffahrt, Wasser- u. Energieversorgung, Maschinen, Motoren, Farben, chemische Produkte, elektronische Bauteile, Bankwesen Bekleidung, Kosmetik, Software, Zirkus, Haushaltswaren, Musik, Theater Wein, Oliven, Konserven, Getreide, Käse, Fisch, Kondensmilch, getrocknete Produkte, Nüsse, Trüffel
Territorium
10 Millionen
Wasser- u. Energieversorgung, Züge, Busse, Gremien, Metallverarbeitung, Universitäten, Keramik, Glas, Papier, territoriale Kooperationsbörse, Bankwesen lokale Textilien, Haushaltswaren, Fahrräder, Literatur, Musik Getreide, Kartoffeln, Zucker, Bier, Salz, Wein, Käse, Wurst, Öle
Region
0,1 bis 1 Million
Wasser- und Energieversorgung, Krankenhaus, öff. Verkehrswesen, Baustoffe, Polizei, Recycling, Theater, regionale Kooperationsbörse, Bankwesen Holzverarbeitung, Möbel, Bekleidung, Schmuck, Haushaltswaren, Kasino Milchprodukte, Früchte, Fleisch, Eier, Gemüse, Kräuter, Wurst, Schinken, Schokolade, Fisch
Stadt
0,1 bis 1 Million
(kann mit einer Region oder sogar mit einem Territorium zusammenfallen)
Wasser- u. Energieversorgung, Oper, Museen, Eislaufbahn, Schwimmbäder, öff. Verkehrswesen, Sportstadien, Parks, Kooperationsbörse (und Bank) Kabarett, Bands, Restaurants, Bekleidung, Schuhe, Fleischspezialitäten, Pasteten, Pralinen, Süßigkeiten, Tabak und Spirituosen Städtische Gärten, Bienen, Beeren, Nüsse, Kaninchen, Hühner, Fischteiche
Stadtteil/Kleinstadt
20'000
Wasser- u. Energieversorgung, Grundschule, weiterführende Schule, Gesundheitszentrum, Zahnarzt, Energieversorgung, Gebäudetechnik, Polizei, Kooperationsbörse Bekleidung, Haushaltswaren, Lebensmittel,
Taschen, Hüte, Möbel, Drucksachen, Frisör, Tattoo
Kräuter, Mahlzeiten, Getränke, Blumen
Nachbarschaft
500
Wasser- u. Energieversorgung, Instandhaltung von Gebäuden, Abwasser, Kindergarten Dienstleistungen im Haushalt, Reparaturarbeiten, Kinderbetreuung, Hausarbeit Brot, Joghurt, Nudeln, Kräuter, Beeren, Eigenanbau, Mahlzeiten
Individuum
1
  persönliche Hygiene, Geschenke, gegenseitige Hilfe, Bekleidung, Massagen, Einzelinitiativen Mahlzeiten, Eigenanbau, Kräuter auf dem Balkon

Selbstverständlich ist das noch nicht das pfannenfertige Modell für eine neue Weltwirtschaft, sondern nur eine Illustration, die die Prinzipien so

  • nah
  • sachgerecht
  • effizient
  • umweltgerecht
  • demokratisch

wie möglich konkretisieren soll. Es geht also um Subsidiarität, nicht einfach nur um Profite. Die Tabelle ist weder vollständig, noch sind alle Zuteilungen zwingend.

 

Neue Gemütlichkeit, nicht nur in Bayern

Die Respektierung sozialer und ökologischer Grenzen bedeutet nicht Verzicht, sondern mehr gemeinsamen Luxus («luxurious simplicity»). Wenn wir in Nachbarschaften von vielen Menschen (500) zusammen leben, dann verwandeln sich durchschnittliche Rahmenbedingungen, z.B. 15 kg Fleisch/Jahr/Bauch, für den Einzelnen in flexible Möglichkeiten: Karnivorinnen werden durch Vegetarier ausbalanciert. Schlachtplatte und Pastinakensuppe neutralisieren einander. (Ich halte mir zwei Veganer.) Weniger Privatraum generiert unendliche Sofalandschaften mit eingestreuten Bars im Erdgeschoss. Wir können auf Badewannen in jeder Wohung verzichten, dafür pro Stockwerk ein luxuriöses Sprudelbad mit goldenen Armaturen einrichten. Obwohl wir nicht mehr auf Autos setzen, können wir einen Rolls Royce teilen.

Obwohl wir lebensfreundlich sind, können wir uns Risiken leisten. Wir können beispielsweise als einzige die A1 Zürich-Genf übrig lassen, ohne Geschwindigkeitslimite und Verkehrsregeln, mit Leihautos zum Rasen. (Wer mitmacht muss allerdings auf jegliche medizinischen und anderen Versicherungsleistungen schriftlich verzichten.) Auch gute Menschen müssen einmal fressen, saufen, rasen und die Sau raus lassen. Ohne ökologische Limiten zu verletzen leisten wir uns zusammen Billiardsalons, Smokings, seidene Abendkleider, Spitzenköche, Medien, Picassos, Bankette. Wir können wieder rauchen im nachbarschaftlichen Fumoir. Niemand will wissen, wie dick oder fit wir sind. Wir müssen nicht mehr auf Teufelin komm raus alt werden um die behördlichen Statistiken aufzubessern. Wie Pfaller vermutet, haben wir eigentlich nicht Angst vor dem Tod, sondern davor, nicht wirklich gelebt zu haben («Was wir oft fälschlich als Todesfurcht wahrnehmen, ist in Wahrheit die Befürchtung, überhaupt nicht gelebt zu haben.» {Pfaller, 2015, S.163}). Wenn wir also schön leben, dann brauchen wir auch keinen (religiösen oder anderen) Sinn- und Jenseits-Terror mehr. (Wer hat eigentlich so etwas Perverses wie diesen «Sinn», den man natürlich nie finden kann, erfunden? Es muss ein sadistischer Finsterling gewesen sein – Hegel? Der Osterhase?) Wir verzichten auf fünf Sterne einsam und leisten uns vier Sterne gemeinsam. Was hält uns zurück?

Obwohl wir im Prinzip egalitär leben, damit nicht zu grosse Spannungen, Neid, schlechte Gefühle aufkommen, können wir uns gigantische Ungleichheiten leisten. Wir könnten uns zum Beispiel Milliardärinnen halten. Wenn jeder Erdbewohner 100 $ Reichtumssteuer pro Jahr bezahlt, dann können wir uns 700 Milliardäre leisten. Jede kriegt 7 Milliarden, und darf damit machen, was er will, unter der Bedingung, dass sie keine störenden ökonomischen, politischen oder philantropischen Aktivitäten entfaltet. So hätte jedes Land ein paar Milliardäre, über deren Leben die Medien berichten könnten, über die wir uns aufregen, über die wir uns lustig machen könnten. Wir können neidisch sein ohne Schuldgefühle, denn es ist ein Neid, den wir uns selbst leisten wollen (oder auch nicht). Als Nichtmilliardäre amüsieren uns sowieso auf unsere Art bestens. Alles kann ganz anders sein. Wir können lockerer und luftiger leben. Nichtmilliardärinnen aller Länder amüsiert euch!

Warum wählen viele Menschen finster entschlossen lieber Pegida, SVP oder AfD, statt bei sich bei machbaren, lustvollen Projekten in ihren Städten und Regionen zu engagieren, die sie bei ihren wirklichen Ängsten und Wünschen abholen und einen echten Ausweg bieten? Allein an der Selbstausgrenzung gewisser linker Szenen (man kann auch ohne schwarzen Hoodie Anarchist sein) liegt es nicht. Eine neue, fröhliche Sprache (muss es jetzt wirklich die alte Leier vom Kommunismus sein, Herr Zizek?), mehr Stil und ein aristokratischer Habitus können ein bisschen dazu beitragen, dass Commons-Projekte endlich in der Mitte der Gesellschaft ankommen, bzw. diese erst herstellen. Wir haben schon eine überraschende Willkommens-Kultur erlebt – warum keine noch überraschendere, Neo-Commons-Kultur? Warum brechen wir nicht endlich alle in das grosse, befreiende Gelächter aus? Was fehlt ist eben die wahre Alternative, was fehlt ist ihre zupackende, sinnliche Konkretisierung. In allen Farben, Geschmäckern und Tonlagen.

Eine grosse, glückliche Partei****!

Trotz des Versprechens der Erlösung von unendlicher Langeweile brächte die Auflösung der linken, grünen und alternativen Parteien (die besorgen sie gerade selbst schon) nicht viel. Viel besser wäre es sie auf anderer Grundlage zu neuem Leben zu erwecken. Was Frankenstein schaffte, können auch wir. Es ist jetzt der letzte mögliche Moment. Also weniger radikale Ideologie, weniger pompöse Adjektive, mehr praktisch-hedonistischen Verstand. Wenn die offizielle Linke sich nicht von der finsteren, selbstbehindernden kapitalistischen Wachstumsdoktrin verabschiedet, dann wird sie sich, wie schon im Osten und bald in Mitteleuropa, bei 10 % für die SPs und 5% für die Grünen einpendeln und das Feld irgendwelchen rechten Demagogen und neoextraktionistischen Autokratinnen (von Putin über die Saudis bis Morales) überlassen. Die sind wenigstens auf eine skurrile, trashige Art sexy.

Wie wäre es damit: Linke, Grüne und Alternative schliessen sich endlich auch formell zu der einen Partei zusammen, die sie de facto schon sind? Und dann geben sie sich ein Vier-Sterne-Programm, wie ich es hie und da schon skizziert habe. Es ist ganz einfach – ich helfe gerne bei der Formulierung. Warum das Verharren in erfolglosen, lustlosen Mustern?

Der wichtigste Grund sind wohl die so genannten Errungenschaften. Seit dem neoliberalen Angriff auf Gewerkschaften, Sozialstaat, öffentliche Dienste, kann man sich keine kühnen Vorschläge mehr leisten, sondern ist man dazu gewungen wenigstens die wichtigsten Errungenschaften von hundert Jahren Arbeiterinnenbewegung noch zu retten. So lauten die Bedenken. Dieser Widerstand ist unbestritten. Er bildet an sich keinen Widerspruch zu einer zusätzlichen Transformationsprogrammatik. Leider hat er zu einer Art Schockstarre angesichts der neoliberalen Schlange geführt. Man kann einen Gegner auch zu ernst nehmen.

Allerdings, das muss man hier einräumen, ging die offizielle Linke noch einen Schritt weiter: sie beteiligte sich aktiv an der Demontage dieser Errungenschaften. Nicht zufällig sagte ja Margaret Thatcher auf die Frage, was ihre grösste Errungenschaften gewesen sei: New Labour. Mitterrand, Schröder, Blair, Clinton, und wie sie alle heissen, haben Deindustrialisierung, Privatisierung und Deregulierung sogar gefördert. Schröder war der «Auto-Kanzler». Die Krise von 2008 geht auf Clintons Deregulierung der Banken zurück, nicht auf neoliberale Machenschaften. Der sonst so possierliche Leuenberger hat die Post privatisiert und ist danach schnurstracks in den Verwaltungsrat des Baukonzerns Implenia übergewechselt. Das zeugt nicht gerade von Taktgefühl. Wenn aber die Linke zur aktiven Komplizin der Globalisierung wird und nur noch Machterhaltung pflegt, dann ist sie gar keine mehr und verschwindet. Sie verliert jegliche Glaubwürdigkeit. Die Leute laufen ihr davon. Recht haben sie. Nur laufen sie in die falsche Richtung. Wir müssen sie stoppen.

Damit es überhaupt weiter geht, brauchen wir also eine aufgefrischte Gesamtbewegung, inklusive einer erneuerten Linken, die durch eine offensive Commons-Strategie wieder mehr Kraft und Glaubwürdigkeit bekommt, gerade zur «Rettung» der Errungenschaften (bei einer Commons-Gesellschaft sind die sowieso inklusive). Wenn die Linke keine neue, aufregende Erzählung mehr anbieten kann, dann wird sie auch nichts mehr retten können. Viele Parteimitglieder und Gewerkschafterinnen haben das schon gut begriffen und machen privat viel spannendere Sachen als in ihren Organisationen. Arbeitsplätze, Löhne, öffentliche Dienste, lassen sich nicht in alle Ewigkeit bloss verteidigen: es braucht neue Arbeitsformen in einer neuen Gesellschaftsform. Die formelle Lohnarbeit wird zunehmend nur noch ein Element der Existenzsicherung werden, neben Subsistenzarbeit, erweiterter Hausarbeit, «Commons-Arbeit». Eine Rückkehr zum guten alten Keynesianismus ist ein nostalgischer Traum. Er war damals schon ein Alptraum. Es gilt Abschied zu nehmen, aufzuwachen.

Es ist alles ganz einfach, es braucht nicht einmal anstrengende Revolutionen. Wenn wir den Kapitalismus gewaltfrei überwinden wollen, bevor er sich selbst katastrophal zerstört (seine «Überwindung» ist eh sein geheimes Programm), dann können wir das elegant mit kapitalistischen Mitteln tun. Genossenschaften bilden dafür ein Modell, das sich auf viele Lebensbereiche ausweiten lässt: Ernährung, Haushalt, Pflege, lokale Produktion. Das andere Standbein ist die Ausweitung der öffentlichen Dienste, also die Erhaltung und Erweiterung der Commons-Aspekte des Staates (wozu einen neuen gründen?). Bei Gesundheit, Ausbildung, Infrastruktur, Verkehr, Landwirtschaft, Energie und Wasser ist das schon weitgehend aus kapitalistischem Unvermögen von selbst entstanden. Bei den Banken, weiteren Energiebetrieben, der Pharmazeutik, dem Bauwesen, den maschinellen Grossausrüstungen usw. ist es unvermeidlich. Sie können es nicht mehr. Die Commons-Gesellschaft der Zukunft ist im Prinzip nicht anderes als eine allgemeine Auffanggesellschaft. Was relevant ist, und wo Aufwand und Nutzen in einem vernünftigen Verhältnis stehen, das kann gemacht werden. Too useful to fail. Echte Profite, Wachstum und Produktivitätsfortschritte gibt es heute schon kaum mehr. Es wird nur noch Geld gedruckt. Was sollen also die Umtriebe?

Was entstehen wird, ist eine Lebens- und Wirtschaftsweise, die von drei verschieden organisierten Sphären bestimmt wird: Subsistenz (Wohnen, Haushalt, Ernährung, Fürsorge), öffentliche Commons (siehe oben) und einem dritten Sektor kooperativer und kreativer Unternehmungen, die nur soziale und ökologische Rahmenbedingungen erfüllen, aber keine bestimmten Organisationsformen haben müssen. Wir wollen ja nicht alles regeln.

Wenn wir unseren Appetit auf ein neues Leben zu lange im Zaum halten, dann könnte es sein, dass ein verzweifelter Weltaufstand der Jungen, Armen und Unterdrückten diese jetzt noch möglichen letzten Finanzierungs- und Übergangsmodelle kalt erwischt, und wir dann unter sehr viel chaotischeren und blutigeren Bedingungen ein neues Gleichgewicht erreichen müssen. Diesen hohen Preis möchte niemand bezahlen. Wenn schon Zukunft, dann easy.

So wie heute machen wir nicht weiter. Dem inneren Streik, in dem die meisten von uns sich befinden, muss endlich der äussere folgen. Wir haben die Wahl, ob wir den Übergang einigermassen zivilisiert gestalten oder den aktuellen globalen Bürgerkrieg noch verschärfen wollen. Dann wird uns unsere heutige «Flüchtlingsschwemme» als Idyll erscheinen. Und auch unsere Armee steht dann nicht nur an den äusseren Grenzen, sondern an der nächsten Ecke.

Kleine Bibliothek:
  • Robert Pfaller, Kleine Sätze über gutes Leben, 2015
  • Slavoj Zizek, Trouble in Paradise: From the End of History to the End of Capitalism, 2015
  • Oscar Wilde, The Soul of Man under Socialism, 1891
  • Paul Mason, Postkapitalismus, 2016
  • Harald Welzer, Die smarte Diktatur, 2016
Und noch ein Zitat von Robert Kurz:

«Eine ‹Kritik der Finanzmärkte› ist ungefähr so sinnvoll wie eine Kritik des Imports, der bürgerlichen Betriebsabrechnung oder des Kapitalismus in Thüringen. Man kann den Kapitalismus nur ganz oder gar nicht kritisieren.»

Robert Kurz, Das Weltkapital, Globalisierung und innere Schranken des modernen warenproduzierenden Systems, 2005, S. 359

 

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