Nachbarschaften

Neustart-Nachbarschaft in Form einer Blockrandbebauung
In dieser verdichteten Nachbarschaft (100 mal 100 m Grundfläche, bis zu acht Geschosse) können ca. 500 Personen wohnen und zum Teil auch arbeiten.
Mikrozentrum der Neustart-Nachbarschaft
Dieses Mikrozentrum in einer städtischen Blockrandnachbarschaft benötigt rund 1000 Quadratmeter Fläche.

Das Wirtschaftssystem ist auf Wachstum ausgerichtet: Wächst die Weltwirtschaft durchschnittlich pro Jahr um zwei Prozent – gemäss Ökonomen ein «gesunder» Wert –, verdoppelt sie sich in 35 Jahren. Also verbrauchen wir in 35 Jahren 3,6 Planeten, heute sind es 1,8 – im Durchschnitt; der Anteil der «zivilisierten» Gesellschaft ist dabei wesentlich grösser. Woher sollen wir die Planeten nehmen? So kann das wirklich nicht weiter gehen. Wollen wir unsere Lebensgrundlage nicht zerstören, müssen Alternativen zum Wachstumszwang gefunden werden.

Nachbarschaften

Im Sinne von Warren Buffet's Motto, nur in das zu investieren, was wir auch wirklich verstehen, sollten wir uns zunächst unserer unmittelbaren Nachbarschaft zuwenden. Wir richten unseren alltäglichen Lebenswandel neu aus, so dass wir ökologische und seelische Grenzen berücksichtigen (gesunde Biosphäre und Zufriedenheit). Wir streben einen Konsens über ein «gutes Leben» für alle Erdbewohner im Einklang miteinander und mit dem Planeten an. Wir müssen nicht alle auf die gleiche Weise leben – aber unsere Ansprüche an den Erhalt des Ökosystem müssen ungefähr gleich sein.

Anstatt die Nachbarschaft auf Treppenhausgespräche und ein gelegentliches Quartierfest zu beschränken, können darin neue soziale Strukturen und wirtschaftliche Funktionen wachsen. Nachbarschaftlich kann auch eine neue Kooperation von Stadt und Land sein: Landwirtschaftsbetriebe versorgen Endverbraucher direkt mit den nötigen Lebensmitteln.

Wir sprechen von Nachbarschaften, die etwa über ein Begegnungszentrum mit Grossküche, Mediathek und anderen Dienstleistungen verfügen, die das Leben vereinfachen und luxuriöser machen. Rund 500 Personen bilden eine Idealgrösse einer solchen Nachbarschaft. Das ist einerseits eine ökonomisch optimale Grösse, andererseits haben unvermeidliche individuelle Konflikte weniger Gewicht als in kleineren Gruppen, wo man weniger ausweichen kann. Das Leben in solchen Nachbarschaften wird einfacher und lebendiger, was das Bedürfnis für Einkauf, Vergnügen und Erholung an andere Orte zu fliehen, erheblich reduziert.

«Mikro-Agro»

Eine städtische Nachbarschaft von rund 500 Mitgliedern wäre verbunden mit einem Landwirtschaftsland, das höchstens 40 km weit entfernt liegt. Die Stadtbewohner bilden eine vertraglich gesicherte Gemeinschaft mit den Landbewohnern, die das Landstück bestellen.

Berücksichtigt man den Verbrauch fossiler Energiequellen, so ist die Energiebilanz industrieller Landwirtschaftsgrossbetriebe negativ, es werden insgesamt mehr Kalorien verbraucht als erzeugt. Diese Form der Landwirtschaft hat daher keine Zukunft, wenn wir den CO2 Ausstoss zurückfahren und den Klimawandel wirklich vermeiden wollen.

Nachhaltige Landwirtschaft bedeutet arbeitsintensive, biologische Mischkulturen – so genannte Permakultur. Diese Form der Landwirtschaft gilt als unrentabel. Wenn die Nachbarschaften jedoch direkt beliefert werden, sind die wahren Kostentreiber in Weiterverarbeitung, Distribution und Vermarktung eliminiert. Und so wird Permakultur wirtschaftlich interessant, auch für kleinere Höfe. Denn mehrere Landwirtschaftsbetriebe können kooperieren, um zusammen eine Vielfalt an Grundlebensmitteln zu erzeugen: Gemüse, Früchte, Getreide, Beeren, Eier, Milch und so weiter.

Innerhalb der Nachbarschaften werden Lebensmitteldepots angelegt, die Gemeinschaftsküchen, Restaurants und einzelne Haushalte versorgen.

Die Verarbeitung und Distribution findet damit in den Nachbarschaften selbst statt. So bleibt die Wertschöpfung in der Hand von Produzent und Endverbraucher. Damit ist Permakultur nicht nur umweltverträglich, sondern für alle Beteiligten lukrativ.

Manche Lebensmittel wie Öle, Kaffee, Wein, Gewürze und so weiter können nicht regional erzeugt werden. Ihre Gewinnung und Verteilung wird weiterhin auf der Ebene von grösseren Regionen, Kontinenten oder sogar global bleiben. Auf der Ebene von Bezirken und Kleinstädten (ca. 40 Nachbarschaften mit rund 20'000 Menschen) werden somit zusätzliche Verteilzentren benötigt. Dies könnte ein grösserer Supermarkt sein, wo überregionale und globale Erzeugnisse fair gehandelt werden.

Der ganze Kreislauf der Produktion, Verteilung, Zubereitung und des Verbrauchs von Lebensmitteln, ebenso wie die Verwertung von Abfällen kann demokratisch von den direkt betroffenen Menschen organisiert und kontrolliert werden. Dies ist ein wesentlicher Bestandteil der «Ernährungssouveränität» und damit auch der politischen Macht. Menschen, die sich selbst ernähren können, sind weniger anfällig für Erpressung und Ausbeutung auf anderen Ebenen.

Neue Strukturen

Kapital und Industrie, die Grundlagen unserer Gesellschaft, befinden sich in einer Krise. Wir müssen uns von vielem lösen, das wir gewohnt sind, weil es nicht nachhaltig ist. Arbeitsplätze, Qualifikationen und Wissen werden dabei nicht verloren gehen, sondern im Gegenteil neu geschaffen. Insbesondere das Gesamtvolumen an Transport sowie die Auslagerung von Produktion muss reduziert werden. Unsere Lebensgrundlagen (Lebensmittel, Technik, etc.) sollen möglichst lokal hergestellt werden, nur so erreichen wir eine gerechtere Verteilung von Ressourcen und Wohlstand – weltweit.

Organisationen verlieren an Effizienz, wenn sie zu gross werden. Die allgemeinen Dienstleistungen sollten also nicht durch Grossunternehmen abgedeckt werden, sondern durch ein klar gegliedertes Netzwerk aus einander ergänzenden, halb autonomen Einheiten. Ziel dabei ist weder Profit noch Wettbewerb, sondern allgemeiner Wohlstand und Ökologie. Es soll weder anonyme Kontrolle durch Behörden, noch eine «unsichtbare Hand» des Marktes, sondern die bewusste Entscheidung der Gemeinschaft «wirtschaften». Hightech-Elemente, die auf einer kontinentalen oder globalen Ebene produziert werden, ermöglichen und ergänzen dabei die regionale Produktion.

Ein nachhaltiger Haushalt orientiert sich grundsätzlich am Bedarf. Anstatt Waren auf dem Markt zu verschleudern, werden benötigte Güter von den Verbrauchern bestellt. Die Produzenten versuchen auf «Augenhöhe» den Anforderungen zu entsprechen (soweit die verfügbaren Ressourcen dies zulassen) und geben den «Kunden» Feedback, welches die «Kunden» wiederum in ihren Bestellungen berücksichtigen können.

Eine solch iterative, demokratische und kontinuierliche Planung in Echtzeit unterscheidet sich sehr von der bisherigen Planung: Es gibt keine separate planende Autorität. Planung ist keine Befehlskette mehr, sondern gehört zu den allgemeinen Dienstleistungen, die allen zur Verfügung stehen.

Das meiste gibt es bereits; müssten wir all die historisch gewachsenen Versorgungsstrukturen neu erfinden und einrichten, stünden wir tatsächlich vor einer Herkulesaufgabe. Aber es genügt, wenn wir die bestehenden Versorgungsnetze virtuell abbilden und sie an die neuen Bedürfnisse des gemeinsamen Wohlstands anpassen.

Bei sich selbst beginnen

Als begleitende Massnahmen dienen etwa folgenden Verhaltensweisen:

  • auf den Kauf der neuen (energieeffizienten, hybriden) Autos verzichten, da es so etwas wie ein ökologisch nachhaltiges Auto gar nicht gibt – ein Elektroauto ist gleichzeitig ein nukleares Auto oder ein mit Kohle betriebenes Auto
  • Lebens- und Arbeitsräume auf Fuss- oder Fahrraddistanz zusammen legen
  • anstatt das Umland mit Eigenheimen zu zersiedeln, lieber in städtische Gemeinschaften zusammenleben
  • auf ökologische Produkte, Standards und Dienstleistungen bestehen
  • sich mit Landwirten verbinden, Einkaufszentren und Grossverteiler meiden
  • saisonal essen, weniger dafür bewusster arbeiten, langsam reisen
  • weniger kommerziell konsumieren, mehr gemeinschaftlich teilen und gemeinsam etwas unternehmen
  • Güter nicht horten, sondern andere daran teilhaben lassen

Diese meist individuellen Aktivitäten können gemeinsame Aktionen nicht ersetzen, aber als «nahrhafte Beilage» dienen. Wir können zuversichtlich sein, dass sich schon bald viele Gelegenheiten für gemeinsame Aktionen ergeben werden.

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