… alles Wichtige in deiner Nähe …

Nachbarschaften sind gebündelte Vielfalt. Alles ist innert einer Minute zu Fuss und per Lift erreichbar: die Bar, die Bibliothek, die frische Baguette, die Garderobe, das Musikzimmer, die Gartenlaube im Hinterhof, der IT-Salon, die Glacétiefkühltruhe. Unter 500 Mitbewohnenden wirst du drei oder vier gute Freundinnen finden, mit denen du dich jederzeit ohne Voranmeldung treffen kannst. Mit einigen andern wirst du ein gemeinsames Thema finden – Fotografie, Theater, Kochen mit Wildpflanzen, politische Philosophie, Nähen, Pétanque, Bierbrauen – und Projekte gleich umsetzen können. Geteilte Ressourcen machen vieles möglich und kosten weniger – finanziell, arbeitsmässig und ökologisch. Es hat Platz für vieles.

Eine Blockrandbebauung für rund 500 Menschen

Nachbarschaften sind multifunktional. Du musst nicht gestresst nach B, C, D oder X gehen oder fahren, denn vieles ist schon hier an Ort und Stelle. Oder du findest es in der benachbarten Nachbarschaft (2 Minuten zu Fuss), oder im Quartier (5 bis 10 Minuten). Nähe und Vielfalt bedingen sich gegenseitig. Nachbarschaft heisst also nur: wir wollen wieder richtig leben, zusammen, allein, mit allen nötigen Einrichtungen und Materialien an Ort und Stelle. Das Motto: wir leben nicht um zu arbeiten, sondern wir arbeiten um zu leben wird in der Nachbarschaft verwirklicht.

Und genau so wird es in den Nachbarschaften sein, die du in Paris, Rio, Kairo oder Peking besuchst.

Der eigentliche «Hub» einer Nachbarschaft ist das Mikrozentrum. Es sieht etwa so aus:

Das rund 1500 qm grosse Mikrozentrum einer Nachbarschaft

Wie ein Mikrozentrum funktioniert, erfährst Du aus unserem Buch «Nach Hause kommen».

Das Mikrozentrum in der Nachbarschaft stellt die Nahversorgung mit Dingen des täglichen Bedarfs sicher. Betrieben wird es von Fachpersonen in Zusammenarbeit mit Bewohnenden. Wichtige Bestandteile des Mikrozentrums sind die Lagerungsmöglichkeiten für Lebensmittel, gastronomische Angebote, familienexterne Kinderbetreuung und weitere Einrichtungen wie professionell betriebene Werkzeug- und Hausgerätelager oder Leihbörsen für nicht alltägliche Dienste.

Die Lebensmittelversorgung von 500 Personen generiert theoretisch einen Jahresumsatz von 1,8 Millionen Franken (300 CHF x 12 x 500). Um diesen Umsatz bewältigen zu können, wird ein Lebensmitteldepot mit einer Angebotsfläche von rund 400 m2 benötigt. Zusätzlich braucht es Lagermöglichkeiten und Platz für die Verarbeitung von Lebensmitteln. Gemäss einer deutschen Studie ist diese Form der Lebensmittellogistik, dort wegen ihrer Grösse «Regionalsupermarkt» genannt, ökologisch sogar besser als Hofläden, Wochenmärkte oder Bioläden. Zudem werden Kühlräume benötigt, insbesondere für Milchprodukte und Fleisch. Investitionen von mehreren hunderttausend Franken sind erforderlich. Dies sind jedoch ökologisch nachhaltige Investitionen, da damit ineffiziente Kleinanlagen in den Wohnungen durch die effizientesten grossen Modelle ersetzt werden können.

45 Prozent des Food-waste entfällt auf die Einzelhaushalte. Allzu viel auf Vorrat eingekauftes Fleisch, Käse und Gemüse stirbt in den Kühlschränken einen stillen Tod. Da an das Lebensmitteldepot eine Grossküche mit Restaurant/Bar/Café angeschlossen wird, wird die Ökobilanz zusätzlich verbessert: Die Kochenden können jene Produkte verarbeiten, die aufgebraucht werden müssen und den saisonalen Spitzen im Anbau mit Haltbarmachen kreativ entgegen treten.

Jede Nachbarschaft gestaltet sich ihr Mikrozentrum nach ihren eigenen Vorlieben. Das heisst, dass die Vielfalt auch in den Quartieren zunimmt. Ein Quartier besteht aus 20 bis 40 Nachbarschaften. Jedes Quartier hat – analog zum Mikrozentrum – wiederum ein Quartierzentrum.

Ein ideales Quartierzentrum lässt sich etwa so beschreiben: An einen Platz, der rund 3000 Quadratmeter umfasst, findet sich ein Fair-Trade-Supermarkt. Dieser ergänzt das Angebot in den Nachbarschaften mit Produkten aus fernen Ländern oder solchen, die man nicht so häufig braucht – wie etwa Zahnseide oder WC-Bürsten. Die Fläche des Supermarktes ist auf die Grösse der Bewohnerschaft im Quartier ausgerichtet.

Gleich nebenan sind öffentliche Dienste wie Einwohnerkontrolle, Polizei, Sozialamt, die regionale Arbeitsvermittlung, Notariat und Friedensrichter einquartiert. Und es gibt ein Gesundheitszentrum mit Allgemeinpraktikern und einigen Fachärzten, die nach Bedarf hinzugezogen werden können. Und natürlich findet sich eine Poststelle sowie mindestens eine Bank an diesem Platz. Das ist die «Grundausstattung». Ergänzt wird das Angebot mit Advokaturbüros, Hutmachern, Fleischereien, Confiserien, Weinhandlungen, Kiosken, Buchläden, Gallerien, Coiffeursalons, Modegeschäften usw. Das Quartierzentrum ist im Prinzip eine verkehrsfreie Bummel- und Begegnungszone, die durch den öffentlichen Verkehr an das Stadtzentrum angeschlossen ist.

Der Ort, wo das Quartier denkt, ist das ABC. Was ABC heisst, weiss niemand genau. Einige glauben, es stehe für Anti-Boredom-Center, andere halten es für ein Autonomes Bürger Centrum. Jedes Quartier auf der Welt hat die Möglichkeit, das ABC individuell zu definieren. Auch seine architektonische Gestaltung ist vielfältig denkbar. Wenn irgendwo ABC steht, dann wissen Weltreisende, dass sie dorthin gehen können. Idealerweise befindet sich das ABC unmittelbar neben dem Fair-Trade-Supermarkt, weil das ABC-Restaurant wahrscheinlich eine exotische gastronomische Ergänzung zu den Nachbarschaftsküchen bieten möchte. Die Funktionen des ABC sind: Nichtkommerzieller Treffpunkt, öffentliche Diskussion, Kommunikation zwischen lokalen Szenen, der Stadt und der Welt, gegenseitige Weiterbildung, Entwicklung von Projekten und Konzepten, urbane politische Partizipation, Kultur und Spiel, Gastfreundschaft. Kurz: Es ist der Ort, «wo es geschieht».

Das ABC muss man als einen Freiraum verstehen, der nicht starr durchorganisiert ist. So wird es möglich, dass sich das ABC immer neu an die aufkeimenden Bedürfnisse anpasst. Am einen Tag besprechen Senioren Textfassungen von neuen Szenen für ihr selbst erarbeitetes Theater, das schon bald Premiere hat, tags darauf werden Erfahrungen mit Kompost-WCs in verschiedenen Klimazonen ausgetauscht. Jugendliche treffen sich dort, um sich auf Tests vorzubereiten. Oder um sich zu einigen, ob sie den politischen Weg gehen oder einfach das brachliegenden Grundstück am Stadtrand okkupieren sollen, um selber einen Skaterpark einzurichten. Apropos Brachen: Dort wo es «nichts» gibt, hat die Fantasie freien Lauf. Brachen und Freiräume sind wichtige Orte, auf denen etwas Neues entstehen kann. Da finden sich jene Menschen, die sich gemeinsam für ein Anliegen einsetzen wollen. Das ABC hat auch den Aspekt einer Brache mit flexibel gestaltbarem Aussen- und Innenraum.

Der Innenraum eines ABC

Wo möchtest Du sitzen?

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