… Ressourcen schonen …

Momentan ist Anfangs August der «Earth Overshoot Day»: dann sind die uns langfristig pro Jahr zur Verfügung stehenden Ressourcen verbraucht. Der Rest ist Raubbau auf Kosten unserer Enkelinnen – wir räumen also ab August unseren Enkeln die Vorratskammer leer. So wie es jetzt läuft, wird dieser Tag schon bald im Juli oder Juni sein. Entweder ist uns das egal, oder wir unternehmen etwas. Wir sind für das Unternehmen. Doch wir unternehmen das nicht individuell, sondern gemeinsam. Genau so wenig wie eine Krankenkasse mit nur einem Mitglied funktioniert, funktioniert auch ökologisch gerechtes Leben nicht mit nur einem ökologisch bewussten Individuum – zum Beispiel mit Dir.

Gemäss unserer PBA-Analyse (Planetary Boundaries Allowance; siehe unten) sollten wir nur 15 statt 51 kg Fleisch pro Jahr und Magen essen. Wenn wir daraus einen Nachbarschaftsdurchschnitt machen, dann kann durchaus jemand 30 oder 40 kg Fleisch essen, sofern einige andere entsprechend auf tierische Lebensmittel pfeifen. Wir können Laster und Tugenden gemeinsam ausgleichen – wir nennen das ökologische Solidarität. Bei den Krankenversicherungen grenzen wir Raucherinnen und Unsportliche nicht aus, ökologisch grenzen wir Fleischesser und Autofahrerinnen nicht aus. Wir müssen nur schauen, dass es insgesamt stimmt.

Ein ökologisch enkeltaugliches Konsummenü kann also zum Beispiel so aussehen:

  • 20 m2 Privatwohnraum
  • 2.5 m2 Anteil an Infrastrukturfläche (= 1250 m2 bei 500 Personen)
  • kein Auto
  • keine Flüge
  • 6 km Personenkilometer/Tag Bahn
  • Europareise Bahn: 1000 km pro Jahr
  • Schiffsreise: 1000 km pro Jahr
  • 15 kg Fleisch pro Jahr (3.7 kg Rind, 6.6 kg Schwein, 2.8kg Geflügel)
  • 20 Liter Milch oder 2 Käse pro Jahr
  • 70 l Wasser pro Tag
  • 3 Stunden Internet pro Woche

Wenn alle 10 Milliarden Menschen – diese Anzahl werden wir über kurz oder lang erreichen – diese Grenzen respektieren, dann überlebt die Biosphäre. Für uns scheint das auf den ersten Blick als hart – für die meisten Menschen auf diesem Planeten wäre dieses Menu das Paradies und Grund genug, nicht zu Flüchtlingen zu werden.

Schauen wir es uns genauer an:

    • eine vierköpfige Familie hätte eine Wohnung von 80 m2 – gar nicht so eng!
    • 6 km Bahn/Tag ist der heutige CH-Schnitt
    • das Mikrozentrum ist mit den 2.5 m2 Infrastrukturfläche inbegriffen, sowie alle normalen öffentlichen Dienstleistungen (Bildung, Medizin, Militär, Polizei)
    • für eine längere Schiffsreise kann man auch ein paar Jahre sparen
    • es sind Durchschnittswerte, die auch Babys und ganz alte Menschen mit einschliessen; es ist logisch, dass Menschen im aktiven mittleren Alter mehr verbrauchen können.

Weitere Ausführungen zu PBA findest Du in unserem Buch «Nach Hause kommen». Da erfährst Du auch, warum wir die Ansätze der 2000- oder 1000-Watt-Gesellschaft nicht mehr für genügend aussagekräftig halten.

Mit dem oben vorgeschlagenen Durchschnittsmenu kann man zwar leben, aber besonders spannend wäre das nicht. Es ist auch weder erwünscht noch nötig. Denn zwar braucht es so etwas wie eine generelle Rationierung, weil es eben eine von der Natur vorgegebene Obergrenze gibt. Doch diese Rationierung wird nicht schematisch sein wie früher in Kriegszeiten, sondern kann dank nachbarschaftlichem Ausgleich und mit computerisierten Systemen flexibel gestaltet werden. Es heisst also: cap and share, statt cap and trade.

Innerhalb der Grenzen des Menus kann man auch à la carte leben: weniger Wohnraum, dafür einmal eine Flugreise, keine Schiffsreise, dafür mehr Fleisch usw. Wenn jemand Computer-Pause macht, dann kann jemand anders jeden Tag an ihrem Laptop sitzen. Ein Bentley um die Schwiegermutter stilgerecht vom Bahnhof abzuholen und einige Elektro-Cabriolets pro Nachbarschaft liegen gut drin. Cigar-aficionadas und Weinkennerinnen verursachen kaum ökologische Belastungen. Lieber gute Schnäpse trinken als sie als Bio-Sprit in Motoren zu verbrennen.

Mit ökologischer Solidarität, mit Teilen und gemeinsam Nutzen, lässt sich innerhalb dieser Grenzen ein Komfort eines 4-Stern-Hotels verwirklichen. Ohne schlechtes Gewissen, ohne den Planeten zu ruinieren, für alle, für immer. Irgendwo zwischen Alexis Zorbas und der unbekannten Modell-Öko-Pionierin werden wir uns treffen. Damit werden wir nicht nur enkel- sondern auch onkeltauglich. Wenn das soziale Klima kippt, dann wird auch das geo-physische Klima kippen. Und umgekehrt.

Klar, eine Konsumgesellschaft, wie sie sich bei uns ab den sechziger Jahren entwickelt hat,ist nachhaltig nicht fortsetzbar. Müssen wir ihr nachweinen? Nehmen wir die Herausforderung an – oder ziehen wir uns beleidigt zurück?

Das Leben muss leichter werden – aber das bedeutet auch weniger Arbeit und Stress. Mehr als 20 Stunden Arbeit pro Woche wird es in Zukunft schon gar nicht mehr geben. Wir werden mehr Zeit haben für ökologisch «leichte» Sachen wie Theater, Musik, Gastronomie, Literatur, Massagen, Tanz, Poesie, Wissenschaft und Meditation. Wir sind ja nicht blöd.

Lebensgenuss lässt sich nicht nur durch viele Konsumgüter, häufige Flugreisen und die neusten Gadgets definieren. Wir definieren ihn von jetzt an selbst, miteinander. Neustart Schweiz propagiert genau das.

Das Eh-Spiel

Ein anderer Approach als das oben vorgeschlagene «vernünftige» Menu ist jener mit ökologischen Belastungseinheiten (Eh). Wegen interner Synergien im Menu erbringen die beiden Zugangsarten nicht ganz die gleichen Resultate.

Dabei gehen wir aus von einem nicht unterschreitbaren Basalkonsum, der dann mit individuellen Ehs aufgestockt werden kann.

Der Basalkonsum besteht aus einer minimalen veganen Kalorienzufuhr von 1600 Kilokalorien pro Tag, zwei Quadratmetern beheiztem Wohnraum, Warm- und Kaltwasserverbrauch von 20 Litern pro Tag, 180 Velo-Kilometer pro Jahr, private Beleuchtung, Verpackungsmaterialverbrauch von 3 kg pro Jahr sowie unabdingbare Pro-Kopf-Aufwendungen für Verwaltung, Schulen, Spital und Militär. Das ist absichtlich extrem bescheiden, eben ein Minimum, eine Grundlage. Aber nun kommt ja noch mehr dazu.

Den Rest des Ökobudgets, der nicht vom Basalkonsum beansprucht wurde, darf man à la carte für zusätzliche weitere Konsumakte ausgeben. Die folgende Liste gibt ein paar Beispiele wie «teuer» (ökologisch belastend) verschiedenste Konsum-Aktivitäten sind. Die Preise sind hier ökologische Belastungs-Einheiten «Eh». Will man innerhalb des Ökobudgets bleiben, kann man pro Jahr und Person maximal 100 Belastungs-Einheiten riskieren.

Konsummenge «Eh»*
1 m2 zusätzliche private Wohnfläche 1.15
1 Kilometer mit Benziner/Diesel-PKW 0.06
1 Kilometer mit Elektro-PKW 0.035
1 zusätzlicher Kilometer mit Zug 0.0028
1 zusätzlicher Kilometer mit Schiff 0.0157
1 kg zusätzliche vegane Ernährung 1890 kcal pro kg 0.088
1 kg Milch oder 100 Gramm Käse 1400 kcal pro kg 0.22
1 kg Pouletfleisch 2350 kcal pro kg 1.8
1 kg Schweinefleisch 2350 kcal pro kg 2.32
1 kg Rindsfleisch 2350 kcal pro kg 3.02
1 Stunde Internet 0.112
1 zusätzliche kWh Strom 0.0032
1000 Liter Trinkwasser (kalt, inkl. Entsorgung) 0.52
* Ökologischer Preis in Belastungs-Einheiten «Eh» pro Konsummenge

Mit der obigen «Preis-Liste» kann man sich nach eigenen persönlichen Präferenzen ein Konsummuster zusammenstellen. Solange man dabei zusammengezählt unter 100 Belastungs-Einheiten pro Jahr bleibt, ist der Lebensstil ökologisch enkeltauglich. Der Gebrauch der dieser Öko-Preisliste ist ähnlich der Situation, wie wenn man in einem Katalog sich verschiedene Dinge aussucht und zusammengezählt maximal einen gewissen Budget-Betrag ausgeben will.

Umgekehrt kannst Du diese Tabelle aber auch benützen um Deine persönliche Ökodepression zu vertiefen, nämlich indem Du damit Deinen heutigen Verbrauch testest.

Nur ein Beispiel: die Durchschnittliche Wohnfläche beträgt heute in der Schweiz 45 m2. Mal 1.15 ergibt das schon die Hälfte Deines Budgets: 51.75 Ehs. Umgekehrt schenken 1000 km Zug nicht so gross ein: nur 2.8 Eh. Aber 10 kg Rindfleisch schon: 30.02 Eh.

Aber wie gesagt: wir raten davon ab ökologisches Verhalten auf individuelles Verhalten zu reduzieren. Wir setzen auf unterstützende und flankierende Massnahmen, wie etwa das Nachbarschaftsleben. Wir wollen uns nicht zu Öko-Musterschülerinnen stilisieren, sondern zusammen etwas machen.

Du kannst nun sagen: was für eine hinterlistige, bösartige Tabelle! Am besten löscht man sie einfach und bucht den nächsten Flug in die Malediven. Und diesem Spielverderberverein namens Neustart Schweiz trete ich erst recht nicht bei. Verdrängung ist ja gut, aber sich der Wahrheit stellen wäre besser. Sich ihr gemeinsam und kreativ zu stellen, ist noch besser. So wird aus weniger mehr.

Hier ein paar Links, mit deren Hilfe Du Deine individuelle Öko-Depression noch weiter verschärfen kannst:

www.eaternity.org
www.2000watt.ch/fuer-mich/wo-stehe-ich

Und wo stehst Du nun?

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