… Gemeinschaft und Privatsphäre …

«Wenn es dann so weit ist, sind ein paar gute Freunde mehr wert als Bankkonto, Haus oder Land.» Doch leider werden ein paar Bekannte nicht ausreichen, um den Übergang von einer Wirtschaftsweise, die von Konkurrenz, Übervorteilung und Ungleichheit geprägt ist, zu einer wirklich zukunftstauglichen Lebensweise zu schaffen. Wir tun gut daran unsere Zusammenarbeit umfassender zu gestalten und Institutionen jetzt schon aufzubauen, die als Plan B einspringen können. Dafür brauchen wir ein neues gesellschaftliches Modul, das grösser ist als unsere verletzlichen Kleinhaushalte, aber kleiner als bürokratische, staatliche Einheiten.

Nachbarschaften sind das erste Modul einer solchen Lebensweise. In Nachbarschaften können Kreisläufe lokal geschlossen werden, hier kann man sich aushelfen, kann man seine eigene Produktivität durch Kooperation entfalten. Güter können geteilt werden, es gibt gemeinsame Nutzungen, weil Menschen näher beieinander wohnen, wenn auch nicht unbedingt miteinander. Auf jeden Fall können wir auf die Art dazugehören, die uns entspricht.

Denn die Tür hinter sich abschliessen zu können und von nichts mehr wissen zu wollen, ist kein Affront gegen die Gesellschaft, sondern ein Menschenrecht. Zusammenleben heisst nicht notwendigerweise Zusammenwohnen. Die Respektierung der Privatsphäre ist eine Bedingung dafür, dass das Mitwirken in gemeinschaftlichen Einrichtungen und Unternehmungen Freude macht und entspannt gelingt.

In den Nachbarschaften, so wie wir sie vorschlagen, kann jeder Mensch so wohnen, wie er oder sie möchte. Möglich sind Pensionszimmer, Einraum-, Familienwohnungen, Wohngemeinschaften, Clusterwohnungen sowie Wohnhallen für zwanzig und mehr Leute – wenn jemand Lust darauf hat. Wichtig sind insbesondere eine grosse Vielfalt von Wohnungstypen, damit eine ausgeglichene Mischung von Generationen und Lebensformen möglich ist.

Um eine Kultur des Teilens, der Zusammenarbeit, der Solidarität zu stärken und gemeinschaftliche Nutzungen nachhaltig zu etablieren, ist diese Durchmischung zentral. Auch die Grössenordnung von 500 Mitgliedern ist entscheidend. Wenn einmal jemand ausfällt, wird so nicht alles blockiert. Ghettobildung wird vermieden. Das lebenslange Wohnen in derselben Nachbarschaft soll trotz laufender Veränderung der persönlichen Bedürfnisse möglich sein. «Wohnen im Alter» ist ein integraler Teil einer Nachbarschaft. So können wir unser Engagement langfristig planen und dessen Früchte sozusagen der Nachbarschaftsgenossenschaft «vererben».

Genau so wie die Biodiversität hat auch die Soziodiversität eine ökologische Bedeutung. Wenn verschiedene Menschen in verschiedenen Lebensformen zusammenleben, können Ressourcen besser genutzt werden. So kann zum Beispiel die Gesamtfläche einer Nachbarschaft massgeschneidert auf wechselnde Lebensphasen abgestimmt werden. Wenn die Jungen draussen sind, bleibt man nicht mit einer zwar günstigen, aber zu grossen Wohnung belastet. Interne Veränderungskonferenzen optimieren den Flächenverbrauch, was ein wichtiger Faktor der Umweltbelastung ist: siehe «Ressourcen schonen»

Ein typischer Wohnungsmix kann etwa so aussehen:

Anzahl Wohnungstyp Fläche Personen Fläche alle
 10  Zimmer ohne Du/WC A 16 m2  10  ~2 % 160 m2
 20  Zimmer mit Du/WC B 20 m2  20  ~2 % 400 m2
 32  Studios Du/WC/Teeküche B 35 m2  40  ~8 % 1120 m2
 60  2-Zi-Whg. Du/WC/Teeküche B 60 m2  80  ~16 % 3600 m2
 41  3-Zi-Whg. Du/WC/Teeküche C 70 m2  63  ~13 % 2870 m2
 21  4-Zi-Whg. Du/WC/Kü, 3 Pers.  90 m2  70  ~14 % 1890 m2
 10  6-Zi-Whg. Du/WC/Kü, 5 Pers.  140 m2  50  ~10 % 1400 m2
 3  Combi, je 14 Pers.  420 m2  52  ~10 % 1260 m2
 5  WG, je 14 Pers.  300 m2  70  ~14 % 1500 m2
 1  Pension, 20 Pers., mit Du/WC  400 m2  25  ~5 % 400 m2
 1  Halle, 20 Pers.  400 m2  20  ~4 % 400 m2
 204  Total   500 15’000 m2
 Legende:
 A  Diese Zimmer werden als Jokerzimmer an Wohnungen angeschlossen.
 B  Eher für eine Person, seltener auch zwei.
 C  Eher für zwei Personen, seltener auch für eine. Die Teeküche kann auch mit einer mobilen Küche up-gegradet werden.

Du hast 35 m2. Wie würdest Du wohnen wollen? Doch bedenke, die Bedürfnisse werden anders sein, denn der neue Leitbegriff heisst «Commons». Das bedeutet: Allmende, Gemeingüter, gemeinsam genutzte Ressourcen, gemeinsam regulierte Benutzung. Wir setzen auf gemeinsames Arbeiten, auf existenzielle Garantien. Wir sehen Commons nicht als Ergänzungen zur Marktwirtschaft, sondern als Konzept für die Demokratisierung aller wesentlichen Wirtschaftsbereiche. Alles kann als Commons definiert werden: Statt Waren werden dann Commons produziert. Um das Leben in dieser Weise gemeinsam zu gestalten, müssen durch Partizipation alle Menschen in die Gestaltung von wirtschaftlichen Vorgängen integriert werden. Es geht um verbindliche Vereinbarungen unter allen Beteiligten, und für die Nutzung der Commons werden Regeln benötigt. Wir brauchen also einen neuen Grundvertrag.

Commons können nur bestehen, wenn sich Gemeinschaften um sie kümmern. Commons sind nicht einfach, sie müssen immer wieder neu hergestellt werden und dafür braucht es einen sozialen Prozess. «Commoning» als Prozess der Schaffung und Verwaltung der Commons ist entscheidend für ihr Funktionieren. Es wird heute oft gesagt, dass Gemeinschaft wichtig ist, doch ohne eine alltägliche, wirtschaftliche Funktion verkommt sie zu einer blossen Schwärmerei. Schlimmstenfalls zu Sektierertum oder dem grossen Sektierertum, das man Nationalismus nennt.

Im Zentrum der Commons steht das gemeinsame Produzieren im Sinne einer Herstellung und Kultivierung im Einklang mit der Natur und der Gesellschaft. Der Kreislauf von Produktion und Konsumation wird mit Hilfe von sozialen Institutionen geschlossen. Die Mitwirkung der Konsumenten ist, vor allem in der Lebensmittelproduktion, persönlich, oder wenigstens institutionell eng vermittelt. Wir werden Prosumenten. Oder französisch: consommactrices und consommacteurs.

Bei Commons geht es um teilen statt tauschen. Menschen werden nicht als Tauschtiere geboren. David Graeber belegt in seiner Untersuchung, dass ursprüngliche Gesellschaften Güter teilen. Fast alle traditionellen Gesellschaften teilen Lebensmittel. Sogar Schimpansen teilen das Futter, wenn auch nach einigem Theater. Tausch, Handel, Geld und Schuldwirtwirtschaft entstehen erst unter Herrschaftsbedingungen, also unter Zwang. Naturwüchsiger Tauschhandel ist ein Mythos. Er soll nur die Einführung von Geld als «praktischem» Tauschmittel rechtfertigen. In Wirklichkeit wurde Geld hauptsächlich als Kontrollinstrument von herrschenden Klassen (Steuern, Besoldung von Soldaten und Beamten usw.) eingeführt. Teilen ist natürlich nur möglich, wenn es stabile Gemeinschaften gibt, die das Teilen gerecht und langfristig organisieren können. Wir brauchen also nicht vorrangig bessere Tauschmittel, sondern funktionierende Gemeinschaften.

Das ursprüngliche genossenschaftliche Prinzip ist, dass alle beitragen, was sie können und bekommen, was sie brauchen. Das funktioniert nur, wenn Beitragen und Bekommen institutionell geregelt und kontrolliert werden.

Elinor Ostrom hat nach ausgedehnten empirischen Forschungen die sieben nachfolgenden Regeln herausdestilliert, die das Gelingen der Commons fördern. Die Professorin für Politikwissenschaft wurde 2009 mit dem Nobelpreis für Ökonomie gewürdigt: Ostrom habe gezeigt, «wie gemeinschaftliches Eigentum von Nutzerorganisationen erfolgreich verwaltet werden kann». Sie ist Mitte 2012 kurz vor ihrem 79. Geburtstag gestorben.

Elinor Ostroms Regeln:

  1. Es gibt klar definierte Grenzen und einen wirksamen Ausschluss von externen Nichtberechtigten.
  2. Die Regeln bezüglich der Aneignung und der Bereitstellung der Allmenderessourcen müssen den lokalen Bedingungen angepasst sein.
  3. Die Nutzer können an Vereinbarungen zur Änderung der Regeln teilnehmen, so dass eine bessere Anpassung an sich ändernde Bedingungen ermöglicht wird.
  4. Überwachung der Einhaltung der Regeln.
  5. Abgestufte Sanktionsmöglichkeiten bei Regelverstössen.
  6. Mechanismen zur Konfliktlösung.
  7. Die Selbstbestimmung der Gemeinde wird durch übergeordnete Regierungsstellen (bzw. Commons-Institutionen) anerkannt.

Die Regeln sind hart, aber fair. Es gibt Nichtberechtigte. Es braucht Überwachung und Sanktionen. Wobei Sanktion nicht Bestrafung heissen muss, meist sind auch andere Massnahmen, wie zum Beispiel zusätzliche Unterstützung bei Problemen der Regeleinhaltung, oder nur schon regelmässige Rückmeldungen ausreichend. Es geht vor allem nicht einfach spontan.

Regel sieben ist besonders wichtig. Sie postuliert eine Einbettung kleinerer Module in grosse. Sie soll verhindern, dass lokale Lebenswelten sich abschliessen und sogar miteinander in Konkurrenz geraten. Es bestünde sonst die Gefahr, dass sich Commons-Gemeinschaften als Einzelfirmen verstehen, wie es mit Genossenschaften schon geschehen ist. Regel 7 gibt jedem einzelnen Mitglied die Sicherheit einer Rekursinstanz ausserhalb der eigenen Gemeinschaft, relativiert damit die implizite oder explizite soziale Kontrolle. «Small» ist nicht immer «beautiful».

Die Regeln sollen auch die 3 B‘s neutralisieren, die etwa heutige Alpkorporationen vergiften können: Bestechung, Bevorteilung, Bedrohung. Ein gutes Instrument sind möglichst viele anonyme Abstimmungen. Vor allem in kleineren Genossenschaften. Regeln dürfen nicht als Ausdruck von Misstrauen verstanden werden. Sie sollen vor allem Schwächere schützen und die Entwicklung von Machtklüngeln und Mauscheleien verhindern.

Auch wenn es Delegierte oder Vorstandsmitglieder selbst gewählt hat, fühlt sich das einzelne Mitglied schnell einsam und machtlos. Nur schon das Vorhandensein einer internen Mediationsstelle kann Konflikte verhindern oder dem Einzelnen das Gefühl des Getragenseins geben. Institutionen, welche sich mit Commons und Commoning beschäftigen, gibt es heute schon beispielsweise in Form von Genossenschaften.

Wie eine neue Form des Wirtschaftens aussehen könnte, erfährst Du in unserem Buch «Nach Hause kommen».

Als Grundlagentexte empfehlen wir:

  • Helfrich, Silke, Die Welt der Commons, 2016
  • Gibson-Graham, J.K., Take Back the Economy, 2013: Genossenschaften und öffentliche Dienste sind der Weg nach vorn.
  • Jackson, Tim, Wohlstand ohne Wachstum, 2011: Will den hedonistischen Ausstieg aus dem eisernen Käfig des Konsums.
  • Löpfe, Philipp, Werner Vontobel, Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt, 2014: Sind für «wanderbare Städte».
  • Paech, Niko, Befreiung vom Überfluss, 2012: Weniger arbeiten. Lokal produzieren. Weniger ist mehr.
  • Mason, Paul, Postkapitalismus, 2015

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